Würzburg

Warum der Bundespräsident bei der Würzburger Telefonseelsorge anrief

Einen Anruf von Frank-Walter Steinmeier kriegt man nicht jeden Tag. Mit Psychologin Ruth Belzner sprach er darüber, wie man mit Unsicherheiten in Zeiten von Corona umgeht.
Rief bei der Würzburger Telefonseelsorge an: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
Foto: Guido Bergmann, dpa | Rief bei der Würzburger Telefonseelsorge an: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Auch die Arbeit von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verändert sich durch das Coronavirus. Statt durch die Welt zu reisen, telefoniert Steinmeier derzeit mit vielen Menschen im Land, um sich zu informieren und Mut zu machen. So auch mit Ruth Belzner, der Leiterin der Telefonseelsorge in Würzburg. Ein halbe Stunde telefonierte er am Montagvormittag mit der Diplompsychologin. Im Interview berichtet Belzner, was das Staatsoberhaupt von ihr wissen wollte.

Frage: Frau Belzner, waren Sie überrascht, als der Bundespräsident bei Ihnen angerufen hat? 

Ruth Belzner: Völlig überrascht war ich nicht. Das Bundespräsidialamt hatte mich vorgewarnt und gefragt, ob ich bereit wäre, mit Herrn Steinmeier über die Arbeit der Telefonseelsorge zu sprechen. Und ich weiß auch, wer mich empfohlen hat. Das lief über den Rat der Evangelischen Kirche. Dorthin habe ich noch Kontakte, weil ich von 2011 bis 2019 Vorsitzende der Evangelischen Konferenz für Telefonseelsorge war. Geehrt hat mich diese Anfrage natürlich trotzdem.

Über was haben Sie sich mit Herrn Steinmeier unterhalten?

Belzner: Er wollte wissen, was die Telefonseelsorge im Augenblick so erlebt. Und das konnte ich ihm recht präzise darstellen. Er war schon beeindruckt, dass es 105 Stellen der Telefonseelsorge in Deutschland gibt mit rund 7000 ehrenamtlichen Mitarbeitern. Ansonsten haben wir uns mehr über die Situation im Allgemeinen unterhalten. Wie wir das so erleben: Diese Unsicherheit, der niemand von uns im Augenblick entkommt. Und wie man damit umgehen kann.

Wie sieht ein guter Weg aus, damit umzugehen?

Belzner: Es ist jetzt wichtig, die Toleranz der Menschen für Unsicherheiten zu stärken. In diesem Zusammenhang hat sich Herr Steinmeier auch kritisch über die Folgen der permanenten Corona-Berichterstattung geäußert. Ständig mit Corona konfrontiert zu sein, verunsichert natürlich. Dabei wiederholen sich die Nachrichten oft auch. Außerdem sprachen wir darüber, wo man gerade helfen kann. Letzteres kann aus meiner Sicht viele Unsicherheiten reduzieren. Wer anderen hilft, ist abgelenkt und durchbricht das ständige Kreisen um sich selbst. Handlungsfähig zu sein, ist immer ein gutes Erleben. Obwohl man die Grundsituation nicht verändern kann, fühlt man sich weniger gelähmt. 

Eine halbe Stunde hat sie mit dem Bundespräsidenten telefoniert: Ruth Belzner, Leiterin der Telefonseelsorge Würzburg/Main-Rhön.
Foto: Pat Christ | Eine halbe Stunde hat sie mit dem Bundespräsidenten telefoniert: Ruth Belzner, Leiterin der Telefonseelsorge Würzburg/Main-Rhön.

Welchen Eindruck hat der Bundespräsident auf Sie gemacht? 

Belzner: Beeindruckt hat mich seine Art, ins Gespräch zu gehen. Herr Steinmeier ist sehr nahbar. Das war eine echter Gedankenaustausch. Ich glaube, dass er ein wirkliches Interesse daran hat, was andere Menschen im Land tun und denken. Und er hat die Bereitschaft gezeigt, zu sagen, was er gerade denkt. Im Gespräch war er schon besorgt, die Situation ist schließlich nicht wegzureden. Aber er zeigte sich auch zuversichtlich.

Wie hat sich ihre Arbeit denn verändert seit der Coronakrise?

Belzner: Unsere Arbeit hat sich gar nicht so viel verändert. Wir haben aber mehr Anrufe als sonst. Und wir registrieren auch mehr Erstanrufe. In normalen Zeiten haben wir davon ein bis zwei am Tag. Die anderen rund 30 Gespräche sind Menschen, die die Telefonseelsorge schon lange als Teil ihrer Strategie zur Lebensbewältigung sehen. Und das häufigste Thema ist derzeit tatsächlich Corona. Zumindest als Hintergrundrauschen ist das fast immer dabei. In gut der Hälfte der Gespräche geht es explizit um das Coranavirus. Für Menschen, die sowieso schon psychisch instabil sind und mit Unsicherheiten und Ängsten schlecht umgehen können, vergrößern sich ihre Sorgen massiv.

Was haben die Menschen, die momentan bei Ihnen anrufen, auf dem Herzen?

Belzner: Viel Einsamkeit und unspezifische Zukunftsängste. Wir bekommen viele Anrufe von allein lebenden Menschen. Es rufen zum Beispiel auch Großmütter an, für die es ein Höhepunkt der Woche war, dass sie ihre Enkel besuchen konnten. Das geht nun nicht mehr mit den aktuellen Einschränkungen. Wir führen 30 Prozent der Gespräche mit Menschen, von denen wir wissen, dass sie eine psychische Erkrankung haben. Dabei geht es um Depressionen, aber auch um Persönlichkeitsstörungen. Deren psychische Verfassung ist sehr fragil. Und jetzt verschärft sich die Situation für diese Menschen schon sehr. Das liegt auch daran, dass viele Unterstützungsangebote gerade zu haben. Zumindest über die Telefonseelsorge können sie sich gerade Hilfe holen. Dabei geht es weniger um Problemlösungen, sondern eher darum, darüber reden zu können, wie der Alltag gerade aussieht.

So können Sie die Telefonseelsorge erreichen
Die katholische und evangelische Kirche und ihre Wohlfahrtsverbände Caritas und Diakonie sind die Träger der Telefonseelsorge Würzburg / Main-Rhön. Insgesamt sind dort rund 90 Ehrenamtliche tätig, die dafür sorgen, dass die Seelsorge rund um die Uhr auf mindestens einer Leitung besetzt ist. Telefon (08 00) 1 11 01 11 und (0 80 00) 1 11 02 22
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