Würzburg

Warum diese 4 jungen Wissenschaftler aus aller Welt ausgerechnet in Würzburg forschen

Corona brachte unerwartete Dynamik: Dass das Würzburger Helmholtz-Institut erstmals weltweit RNA-Forschung mit Infektionsbiologie verbindet, ist ein Glücksfall.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Würzburger Helmholtz-Instituts für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI) kommen aus über 20 Nationen: wie (von links) Anuja Kibe, Marco Antonio Olguín Nava,  Svetlana Durica-Mitic und Daphne Collias.
Foto: Daniel Peter/Montage Alissa Bakhchevan | Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Würzburger Helmholtz-Instituts für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI) kommen aus über 20 Nationen: wie (von links) Anuja Kibe, Marco Antonio Olguín Nava, ...

Noch in jüngster Vergangenheit galten Infektionskrankheiten vor allem als Problem von Armutsländern. In Deutschland hatte man andere Sorgen: über 200.000 Krebstote jedes Jahr, Herz-Kreislauf-Leiden, Wohlstandskrankheiten. Aber Infektionsforschung?

Es brauchte Vision und Überzeugung, als 2017 in Würzburg die Julius-Maximilians-Universität und das Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) genau dafür ein einzigartiges Joint-Venture gründeten. Wie brandaktuell und global gefragt ihr Thema wenige Jahre später sein würde, hatten selbst die Verantwortlichen um Institutsgründer Prof. Jörg Vogel damals nicht geahnt.

Grundlagenforschung und Wissenschaftsfreiheit stehen ganz oben

Dann kam das Coronavirus. Und mit ihm die Impfstoffentwicklung. Das Würzburger Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI) war zur rechten Zeit entstanden. Als weltweit erste Einrichtung verbindet es die Forschung an Ribonukleinsäuren (RNA) mit der Infektionsbiologie.

Auf den Ausbruch der Pandemie vor zwei Jahren reagierten HIRI-Direktor Vogel und sein Team umgehend mit wissenschaftlichen Initiativen. Sicherheitslabore wurden aufgerüstet, um auch hier am neuen Coronavirus Sars-CoV-2 forschen zu können. Ganz oben steht für Vogel die Wissenschaftsfreiheit: Forschung muss offen sein, allein auf die Entwicklung bestimmter Medikamente zu zielen entspräche nicht der Idee des HIRI.

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Hier sollen kluge Köpfe aus aller Welt an Grundlagen forschen. Dass sich konkrete Erkenntnisse ergeben, Erfolge einstellen, davon ist Vogel fest überzeugt. Der 55-Jährige, seit 2021 Präsident der Europäischen Akademie für Mikrobiologie (EAM), ist global vernetzt und will den Standort "international sichtbar machen". Für viele Nachwuchskräfte soll das HIRI zum Sprungbrett einer erfolgreichen Karriere werden - oder zu  einer dauerhaft neuen Heimat. Wie für diese vier.

1. Dr. Daphne Collias (28) aus den USA

Dr. Daphne Collias aus den USA in ihrem Labor am Würzburger Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI).
Foto: Daniel Peter | Dr. Daphne Collias aus den USA in ihrem Labor am Würzburger Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung (HIRI).

Daphne Collias, Griechisch-US-Amerikanerin, kam vor drei Jahren nach Würzburg – in eine "bezaubernde Stadt", wie sie findet. Ans HIRI folgte sie dem Forschungsgruppenleiter Prof. Chase Beisel, in dessen Labor sie an der North Carolina State University in Raleigh (USA) geforscht hatte. So konnte sie ihre Promotion in Chemie- und Biomolekulartechnik in Würzburg abschließen – und blieb.

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Collias arbeitet mit sogenannten CRISPR-Technologien und an einer neuen Diagnoseplattform. In einem internationalen Team gelang die Entwicklung eines neuartigen Corona-Testverfahrens, das inzwischen zum Patent angemeldet ist: Mit "LEOPARD" können in einem einzigen Test neben Virusvarianten auch andere Erreger bestimmt werden. Die Technologie könnte laut Experten die medizinische Diagnostik nicht nur von Infektionskrankheiten, sondern auch von Krebs und seltenen genetischen Erkrankungen revolutionieren.

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Die junge Forscherin geht davon aus, dass das neue Testverfahren in ein paar Jahren zur Anwendung kommt und so einfach sein könnte wie heutige Schnelltests. Bund und Freistaat fördern das Forschungsprojekt. Für Collias ist es sinnstiftend: "Ich möchte etwas beitragen, was den Menschen hilft."

2. Dr. Svetlana Durica-Mitic (34) aus Serbien

Prüfender Blick auf das Reagenzglas: Dr. Svetlana Durica-Mitic aus Serbien forscht am HIRI zu Antibiotika-Resistenzen.
Foto: Daniel Peter | Prüfender Blick auf das Reagenzglas: Dr. Svetlana Durica-Mitic aus Serbien forscht am HIRI zu Antibiotika-Resistenzen.

Einer Studie zufolge sterben mittlerweile über eine Million Menschen jährlich an multiresistenten Keimen, gegen die selbst Antibiotika nichts mehr ausrichten. Ein gewaltiges Gesundheitsproblem, dem sich die gebürtige Serbin Svetlana Durica-Mitic mit ihrer Forschung am HIRI verschrieben hat. Nach ihrer Promotion in Wien stieß die heute 34-Jährige vor zwei Jahren zur Arbeitsgruppe von Jörg Vogel. Sie habe viel Gutes über das Institut gehört, erinnert sie sich.

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Im Labor arbeitet sie an der Einwicklung neuartiger, programmierbarer Antibiotika. "Antibiotikaresistenzen", sagt sie, "sind eines der wichtigsten Themen." Auch für ihre Forschung spielen RNA-Steuerungen eine zentrale Rolle. Bis zur Entwicklung dieser neuen Antibiotika ist es für das Team ein langer Weg, nur wenige Labore weltweit beschäftigen sich damit.

Umso bahnbrechender könnte irgendwann der Erfolg sein. "Einige Fortschritte haben wir schon gemacht", ist Durica-Mitic zufrieden – ebenso mit den Gegebenheiten vor Ort. Obwohl sie Würzburg bisher nur in der Pandemie kennengelernt hat, fühlt sie sich wohl hier: "Man findet die Angebote einer Großstadt und den Charme einer Kleinstadt".

3. Anuja Kibe (26) aus Indien

Das Alltagsleben in Würzburg ist deutlich ruhiger als in ihrer indischen Heimat, ihre Forschung am Sars-CoV-2-Virus umso aufregender: Doktorandin Anuja Kibe.
Foto: Daniel Peter | Das Alltagsleben in Würzburg ist deutlich ruhiger als in ihrer indischen Heimat, ihre Forschung am Sars-CoV-2-Virus umso aufregender: Doktorandin Anuja Kibe.

Eigentlich sollte Anuja Kibe mit ihren Studien in der HIRI-Forschungsgruppe von Neva Caliskan neue Erkenntnisse über das HIV-Virus zu Tage fördern. Doch mit dem Ausbruch und der rasanten Verbreitung des Sars-CoV-2-Virus hatte die aus Indien stammende Doktorandin eine neue Aufgabe. Einem Team des HIRI und des Braunschweiger Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung gelang eine wichtige Entdeckung: Die Forschenden konnten nachweisen, wie ein bestimmtes Protein der menschlichen Immunabwehr die Vermehrung des Sars-CoV-2-Virus hemmt und die Viruslast um das 20-Fache reduzieren kann.

Ihre Entdeckung könnte bedeutsam sein für die Entwicklung antiviraler Mittel im Kampf gegen die Pandemie. Im Kern geht es darum, den "Vermehrungstrick" beim Coronavirus – wie bei anderen Viren, deren Erbgut aus RNA besteht – zu unterbinden. Die 26-jährige Kibe, die Biotechnologie an der Universität von Pune (Indien) studiert hat und nach einem Praktikum in den USA vor vier Jahren nach Würzburg kam, freut sich über die vielversprechenden Studienergebnisse.

Sechs junge Frauen und Männer aus Indien, Tschechien, der Türkei und Deutschland forschen in ihrer Gruppe. Die meisten Leute in Würzburg hat sie über das Institut kennengelernt, erzählt Anuja Kibe. In ihrer Freizeit spiele sie gerne Fußball und genießt ein bisschen Action. Denn im Vergleich zu Indien "ist das Leben hier ansonsten sehr viel ruhiger".

4. Marco Antonio Olguín Nava (32 Jahre) aus Mexiko

Hat den Blick für die kleinsten Dinge im Leben: Doktorand Marco Antonio Olguín Nava aus Mexiko hat sich der Virenforschung verschrieben.
Foto: Daniel Peter | Hat den Blick für die kleinsten Dinge im Leben: Doktorand Marco Antonio Olguín Nava aus Mexiko hat sich der Virenforschung verschrieben.

Von dem Mexikaner Marco Antonio Olguín Nava gibt es den schönen Satz: "In meinem Bachelor-Studium kam ich das erste Mal mit Viren in Kontakt – und habe mich direkt in sie verliebt." Dieser Liebe geht er seit 2020 als Doktorand am Würzburger HIRI nach. Und auch der 32-Jährige, zuvor bereits mehrere Jahre in der Pharma-Industrie tätig, beschäftigt sich im Labor von Gruppenleiter Redmond Smyth momentan mit dem Coronavirus. Er will den Kampf zwischen Virus und Zelle besser verstehen. Erkenntnisse könnten auch hier zur Entwicklung antiviraler Medikamente führen.

Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen bauen die Wissenschaftler für ihre Forschung eigene Coronaviren. Auch Virenvarianten können erzeugt und deren Verhalten überprüft werden. "So können wir voraussagen, wie sie sich entwickeln, und daran Medikamente testen", erklärt Olguín, der in Mexiko Biochemie studiert hat und erste Forschungserfahrung in Europa bei einem Praktikum an der Uni Heidelberg sammelte.

Das HIRI schätzt er für seine Offenheit und Internationalität. Pandemiebedingt sei es bisher eher schwierig gewesen, außerhalb neue Leute kennenzulernen. Auch eine Wohnung zu finden, war für den Mexikaner nicht leicht. Dann hatte er Glück: Er wohnt nun bei einer 62-jährigen Lengfelderin, die sich rührend um ihn kümmere und ihm auch Deutsch beibringe. Ebenfalls eine Herausforderung, ganz ohne Viren und Ribonukleinsäuren.

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