Würzburg/Gemünden

Wenn der Stift vorliest

Sie sehen ein wenig aus wie dicke digitale Fieberthermometer, bescheren den Verlagen hübsche Umsätze und sind im Kinderzimmer beliebt. Sind die Lesestifte auch gut?
Blättern, tippen, zuhören: Der Lesestift liest vor.
Foto: Jennifer Weidle | Blättern, tippen, zuhören: Der Lesestift liest vor.

Ophelia kommt in die Küche gerannt. „Mama, da ist ein Mäusebussard!“, ruft die Dreijährige strahlend. Sie zeigt auf das Buch und einen blinkenden Plastikstift, die auf dem Sofa liegen. „Manchmal frage ich mich, woher sie ein neues Wort schon wieder hat", sagt Ophelias Mutter schmunzelnd. "Bis ich es dann selbst mit dem Stift entdecke.“ Das Mädchen schaut, blätter, guckt sich fragend um: "Mama, wo sind die dogs?“ Klar, manchmal spricht der Stift auch englisch.

Mindestens jeder zweite Haushalt mit Kindern im Vorschulalter hat laut Spielehersteller Ravensburger einen "Tiptoi", den digitalen Lesestift. Tippt ein Kind mit dem Stift auf eine Stelle im dazu passenden Buch, macht er ein Geräusch oder liest Textpassagen vor. Eltern gefällt, dass sich die Kinder mit einem Buch alleine beschäftigen – auch wenn sie noch nicht selbst lesen können. Besser als Smartphone, Konsole oder Fernseher? Pädagogische Vorteile sind durch die Stifte nicht belegt. In einem sind sich Experten für Kinder und Lesen allerdings einig: Sie ersetzen in keinem Fall das Vorlesen durch einen Menschen.

Seit zehn Jahren bieten Hersteller digitale Lesestifte und zugehörige Medien an. Unter die Texte und Bilder im Buch sind 2D-Label gedruckt – für das menschliche Auge unsichtbar. Der Stift, mit einem kleinen Scanner an der Spitze, erkennt sie und spielt die zugehörige Audiodatei über den eingebauten Lautsprecher oder anschließbare Kopfhörer ab. Der Stift erweckt quasi das Buch zum Leben: Das Pferd wiehert, Stimmen erklären etwas oder lesen Text vor, es erklingt ein Kinderlied oder Gedicht. Ein wenig wie ein Hörbuch, aber mit Interaktion. Dazu gibt es Spiele und weitere Funktionen – alle gedacht, das Kind zum Mitmachen zu animieren.

Fieberthermometer, Spielzeug oder Vorleser? Ein Lesestift.
Foto: Jennifer Weidle | Fieberthermometer, Spielzeug oder Vorleser? Ein Lesestift.

„Finde ein Tier, das in einem Stall lebt“, heißt es im Tierquiz. Das Kind guckt, sucht, setzt den Stift auf ein Bild – und wird gelobt: „Spitze, das Pferd lebt in einem Stall“. Oft sind mehrere Hundert solcher Hörerlebnisse in einem Buch enthalten. In der Computerfachsprache nennt sich das ganze System Augmented Reality (AR), also „Erweiterte Realität“. Die Wirklichkeit von Text und Bild wird hier durch einen passenden, digitalen Inhalt erweitert.

Und die Stifte sind beliebt, wie ein Blick in Bibliotheken in der Region zeigt. Eine Mutter, die sich in der Stadtbücherei Gemünden neue Bücher für ihre sechsjährige Tochter aussucht, erzählt: „Es ist toll, dass sie sich damit alleine beschäftigen kann. Manchmal habe ich einfach keine Zeit oder Lust zum Vorlesen. Da nutzt sie dann den Stift. Immer noch besser als das Smartphone.“ Die Lesestifte sind durch ihr geschlossenes System tatsächlich weniger bedenklich als Smartphone oder Computer. Denn bei Geräten mit Internetverbindung ist ungewiss, was das Kind ohne Aufsicht wirklich tut. Der Stift hingegen spielt nur die auf ihm abgespeicherten Dateien ab.

Doch ob das Ganze sinnvoll ist? Ein eindeutiger pädagogischer Nutzen sei bisher durch keine Langzeitstudie nachgewiesen, sagt Christine Kranz von der Stiftung Lesen. Die in Mainz ansässige Stiftung fördert das Lesen bundesweit und arbeitet dabei eng mit Bundes- und Landesministerien und wissenschaftlichen Einrichtungen zusammen. Christine Kranz hält Fortbildungen rund um die Leseförderung, auch zum Thema Kinderbücher und digitales Lesen. Sie betont, dass die Vorlesefunktion des Lesestifts auf keinen Fall ein Ersatz für das menschliche Vorlesen darstelle. Ob der Stift als Lernmedium genutzt werden könne, hänge auch davon ab inwieweit der „Lese“Prozess begleitet würde. Zum Beispiel durch gemeinsames Aussuchen der Titel, Fragen, Sich-Erzählen-Lassen, zusammen Anhören.

Auch wer noch nicht lesen kann, erfährt hier mehr - dank Stift.   
Foto: Jennifer Weidle | Auch wer noch nicht lesen kann, erfährt hier mehr - dank Stift.   

Heute spiele, so Kranz, mediale Konvergenz eine große Rolle: der selbstverständliche Wechsel zwischen verschiedenen Medien, mit dem die meisten Kinder aufwachsen. Wenn die inhaltliche Qualität stimme, könnten die Kinder profitieren. „Die Stifte können eine sinnvolle Ergänzung für den Leselernprozess sein – insbesondere auch für Kinder mit nicht-deutschsprachigem Hintergrund.“ Überhaupt sei der „wiederholte Zugang zur neuen Sprache, mit korrekter Aussprache“ eine gute Möglichkeit, um fremde Sprachen zu lernen. Der spielerische, interaktive Faktor beeinflusse das Lernen positiv.

Können die digitalen Lesestifte sich negativ auf Kinder auswirken? Professor Johannes Jung, Dozent am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik der Uni Würzburg, sieht in jedem Medium ein Suchtpotential. Doch „die Angst der Eltern ist immer die Gleiche", sagt Jung. "Vor 100 Jahren hatten sie Angst, ihre Kinder könnten zu viel in einem Buch lesen. Vor 50 Jahren war es der Fernseher. Dann kamen die Videospiele. Heute ist es das Smartphone oder für Jüngere der Lesestift.“ Es sei wichtig, dass Eltern Interesse an der Welt ihrer Kinder zeigten. Die Gespräche über das, womit sich Kinder beschäftigen, seien entscheidend. Die Lesestifte könnten bereichernd sein, wenn sie mit Augenmaß benutzt würden.

Wer seinen Geldbeutel (und die Umwelt) schonen möchte, leiht sich die Medien in seiner örtlichen Bücherei. Sie sind nicht, wie die E-Books, mit Lizenzen an einen Nutzer gebunden. Die Stadtbücherei Gemünden zum Beispiel hat ein ganzes Regal mit Medien für verschiedene digitale Lesestifte im Angebot. Das Tolle: Auch die Stifte sind ausleihbar. „Die audioaktiven Kinderbücher werden etwa viermal häufiger ausgeliehen als normale Kinderbücher“, sagt Bibliothekar Joachim Hellmann von der Stadtbibliothek Gemünden: „Wir haben gerade nochmal neue Stifte angeschafft.“ Sechs stehen jetzt zum Ausleihen bereit.

Auch das Angebot der Stadtbücherei Würzburg bei digitalen Lesestiften und zugehörigen Medien ist groß: Etwa 800 Medien sind im Bestand, darunter 75 Spiele und 15 Stifte. Die wurden im vergangenen Jahr 7500 Mal ausgeliehen. Bei den „normalen“ 33.000 Kinderbüchern waren es 205.000 Ausleihen. Liv Heim, Bibliothekarin in der Würzburger Stadtbücherei, sagt, dass sie und ihre Kollegen im Kinderbuchbereich fast täglich nach den audioaktiven Medien gefragt würden. „Wir haben hier einen Test-Tisch mit einem fest installierten Stift und einigen Büchern. Das Angebot wird während der Öffnungszeiten fast durchgängig von Kindern genutzt.“ Skepsis gegenüber den Medien sei ihr noch nicht begegnet. Die digitalen Lesestifte und Bücher sind zum Beispiel auch in der Stadtbücherei Haßfurt mit rund 150 Medien und in Kitzingen mit rund 120 Medien vertreten.

Kreativ sein und eigene Texte aufnehmen? Möglich. Eltern und Kinder können dies mit speziellen Aufklebern, die ebenfalls mit einem 2D-Label versehen sind, tun. Aufkleber antippen, Aufnahmeknopf drücken, Text aufsprechen. Dann ist die Aufnahme auf dem Stift gespeichert. Bei erneutem Antippen des Aufklebers spielt der Stift nun die Datei ab.

Die Aufnahmefunktion aber ist im Hinblick auf den Datenschutz nicht unproblematisch. Bibliothekarin Liv Heim sagt: „Die Tiptoi Stifte mit Aufnahmefunktion sind bei uns mit der Bitte versehen, dass die Nutzer ihre aufgenommen Dateien vor Rückgabe selbständig löschen. Nach der Rückgabe wird dies von uns aber nochmal überprüft und gegebenenfalls löschen wir noch vorhandene Aufnahmen.“ Man habe in der Stadtbücherei die Erfahrung gemacht, "dass der Tiptoi-Stift im Gegensatz zu Ting etwas robuster ist“, sagt Liv Heim zu den verschiedenen Anbietern. Und der Ting-Nachfolger Booki hat noch einige kleine Macken, die aber auch sehr witzig sein können. Zum Beispiel, wenn der Stift beim Antippen des Wals erzählt: „Der Zitronenfalter verträgt Temperaturen bis -20 Grad Celsius“. Oder wenn er beim Polizisten erklärt: „Wildschweine suhlen sich gerne im Schlamm.“ 

Die Lesestifte und wie sie funktionieren
Zwei große Systeme gibt es auf dem Markt. Tiptoi® vom Spielehersteller Ravensburger und Booki/Ting vom Tesloff Verlag. Ravensburger bietet für seinen Stift derzeit circa 100 Medien an: Bücher, Spiele, Puzzle und Tiersets. Um ein Medium mit dem Stift zu koppeln, muss der Stift einmal mit dem Computer und Internet verbunden werden. Nach einer Registrierung installiert man sich eine Software auf dem Rechner, sucht das Buch online und lädt die Datei auf den Stift. Nun kann das Buch oder das Spiel beliebig oft genutzt werden. Der Stift funktioniert mit zwei AAA-Batterien oder -Akkus.
Booki, der Nachfolger von Ting, kooperiert mit mehreren Verlagen. Derzeit sind 74 Medien verfügbar, im März kommen 27  weitere Titel dazu. Viele Dateien sind auf dem Stift bereits vorinstalliert. Um neue Dateien auf den Stift zu laden, verbindet man diesen mit dem Computer und Internet, tippt das Anschaltzeichen des Buches an. Die Audioelemente werden nun automatisch geladen. Der Stift hat einen fest verbauten Akku, der sich über das mitgelieferte Kabel laden lässt.
Bei beiden Herstellern kostet ein Starterset bestehend aus Stift und einem Buch rund 40 Euro. Die Stifte sind nicht nur für Kinder interessant. Bücher mit Fremdsprachen oder der WAS IST WAS Weltatlas mit 1800 Audioelementen lassen auch Erwachsene staunen und lernen.
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