Bad Mergentheim

Wenn Essen Kinder krank macht

Pommes Frites       -  ARCHIV - ILLUSTRATION - Eine Portion Pommes Frites liegt am 05.09.2011 auf einem Tisch. Experten der EU-Länder entscheiden am 19.07.2017 über neue Vorgaben für Pommes-Buden und andere Restaurants, mit denen Verbraucher besser vor dem krebsverdächtigen Stoff Acrylamid geschützt werden sollen.
Foto: Anja Mia Neumann (dpa) | ARCHIV - ILLUSTRATION - Eine Portion Pommes Frites liegt am 05.09.2011 auf einem Tisch. Experten der EU-Länder entscheiden am 19.07.2017 über neue Vorgaben für Pommes-Buden und andere Restaurants, mit denen ...

Fastfood an jeder Ecke, überzuckerte Getränke, ungesundes Kita- und Schulkantinenessen kombiniert mit immer weniger Bewegung: In Deutschland sind fast zwei Millionen Kinder und Jugendliche zu dick. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts sind rund 15 Prozent aller Drei- bis 17-Jährigen übergewichtig, jeder Dritte davon ist sogar stark übergewichtig, also adipös.

Fettsucht ist eine „globale Epidemie“

Im Vergleich zu den 1980er- und 1990er-Jahren hat der Anteil übergewichtiger Kinder damit um 50 Prozent zugenommen, der Anteil adipöser Kinder hat sich sogar verdoppelt. Damit ist Adipositas (Fettsucht) längst nicht mehr nur in den USA ein Massenphänomen. Die Weltgesundheitsorganisation spricht von einer „globalen Epidemie“.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, die Deutsche Diabetes Gesellschaft und die Verbraucherorganisation foodwatch fordern in einem gemeinsamen Appell von der Bundespolitik konkrete Maßnahmen gegen Fettleibigkeit. Dazu zählen eine verständliche Lebensmittelkennzeichnung, verbindliche Standards für die Schul- und Kitaverpflegung, Beschränkungen der an Kinder gerichteten Lebensmittelwerbung sowie steuerliche Anreize für die Lebensmittelindustrie, gesündere Rezepturen zu entwickeln.Ärzte und Verbraucherschützer fordern von der Politik Maßnahmen gegen Fettleibigkeit

Kindergesundheit besser schützen

In Sachen Prävention sei Deutschland noch immer ein Entwicklungsland. Es bringe nichts, auf freiwillige Vereinbarungen mit der Industrie und auf Programme für Ernährungsbildung zu setzen. „Es ist an der Zeit, dass die Politik die Kindergesundheit besser schützt“, erklärt Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte.

Die Gründe für Übergewicht sind vielfältig: ungesundes Essen, zu wenig Bewegung, zu viel Stress, zu wenig Schlaf. Nicht einmal ein Drittel der Kinder bewege sich eine Stunde täglich, konstatieren Wissenschaftler. Kinder aus sozial benachteiligten Familien tendieren besonders stark zu Übergewicht. Diese Gruppe müsste von der Politik stärker unterstützt werden. Gesunde Lebensmittel müssten für diese Verbrauchergruppe erschwinglicher werden.

„Bundesernährungsminister Christian Schmidt setzt im Kampf gegen Fehlernährung bei Kindern seit Jahren auf freiwillige Vereinbarungen“, beklagt auch Oliver Huizinga von der Verbraucherorganisation foodwatch. „Dabei ist längst belegt, dass das nicht funktioniert. Die Hersteller machen die größten Profite mit Süßkram, Zuckergetränken und Knabberartikeln. Freiwillig werden sie nicht damit aufhören, genau diese Produkte für Kinder zu bewerben und deren Geschmack schon früh zu prägen.“

Zuckerhaltige Getränke machen krank

In Schweden und Großbritannien sei an Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Lebensmittel bereits gesetzlich beschränkt. „Gerade für zuckerhaltige Erfrischungsgetränke brauchen wir schärfere Maßnahmen – die Hersteller benötigen finanzielle Anreize, den Zucker zu senken“, fordert Huizinga von foodwatch. Bereits der Konsum einer Dose Limonade oder Cola am Tag erhöhe das Risiko an Diabetes zu erkranken.

Nie zuvor kamen Kinder so früh mit industriell hergestellter Nahrung in Kontakt, nie zuvor wurden ihre Eltern so nachhaltig mit falschen Ernährungsempfehlungen in die Irre geführt. Der Autor und Journalist Hans-Ulrich Grimm hat zum Thema Kinderernährung ein Buch geschrieben: „Gummizoo macht Kinder froh – krank und dick dann sowieso.“ Er rät Eltern, frisch zu kochen. „Sie brauchen keine teure Kindermilch, keine Gläschen und auch kein modisches Quetschobst“, sagt Grimm.

Obst, Gemüse und Wasser steuerfrei

„Es muss ein gesellschaftspolitischer Umbruch hin zu einer gesunden Lebensweise erfolgen, sonst bekommen wir das Thema nicht in den Griff“, appelliert Professor Thomas Haak, Chefarzt am Diabetes Zentrum in Bad Mergentheim. „Ideal wäre es, wenn gesunde Lebensmittel wie Obst, Gemüse und Wasser sogar steuerfrei angeboten würden.“

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