Würzburg

Wie Roman Rausch zum Brückenschreiber wurde

Würzbugs Herz: Die Alte Mainbrücke.
Foto: Chris Weiß | Würzbugs Herz: Die Alte Mainbrücke.

Die Verkäuferin Lena macht gute Geschäfte. Für Meister Ambrosius, dem der Stand auf der Mainbrücke gehört und der die Ware besorgt, bietet sie Äpfel und Gemüse feil. Bald auch Früchte und Gewürze aus dem Süden, Leder und Stoffe aus dem Norden. Doch Seytz, ein einflussreicher, intriganter Händler, ist auf die Übernahme des Brückenladens aus. Dass sie vor dem Bürgermeister geleugnet hatte, Jüdin zu sein – jetzt bricht es der tüchtigen Marktfrau das Genick. Sie wird vors Brückengericht gestellt und verurteilt: Tod durch Ersäufen im Main. Mit einer Brandstifterin und einem Mörder stößt man sie unter dem Jubel der Menge in die Fluten.

*

Der, der sich diese Szene ausgedacht hat, steht ein paar Jahrhunderte später am Fuße des Bauwerks, rechtsmainisch, und bestellt sich einen Wein. „Trocken?“, fragt die Tresendame der Bude an der Brücke. „Aber so was von trocken“, ist Roman Rauschs Antwort.

Die Brücke - das „pulsierende Herz“ der Stadt

Er ist zum Treffen gekommen an den Ort, über den er mehr als 500 Seiten schrieb. An eine der ältesten und berühmtesten Brücken im Land. An das Bauwerk, das Würzburg zu dem machte, was es heute ist: eine kleine Metropole mit schicksalsträchtiger Vergangenheit. Roman Rausch trinkt einen Schluck vom Silvaner, trocken, und blinzelt gegen das spätnachmittägliche Sonnenlicht zu den Brückenheiligen hinauf. Die Alte Mainbrücke sei das „pulsierende Herz“ der Stadt, hat er in seinem neuen Buch auf den ersten Einstimmungsseiten geschrieben. Und wäre er nicht hunderte, aberhunderte Male schon darüber gelaufen und würde er Würzburgs Herzschlag nicht kennen, könnte er ihn an diesem Maitag spüren. Rechts und links rauscht der Verkehr, in der Mitte rauscht der Fluss, und oben ertrinken sich die Brückenschöppler den ein oder anderen kleinen Rausch.

Roman Rausch fühlt sich wohler unten, am Treppenaufgang, wo das Gedrängel nicht ganz so groß, das Sehen- und Gesehenwerden nicht so wichtig und die Selfiestick-Dichte nicht so hoch ist. „Die Brücke über den Main“ ist sein 16. Buch. Und es ist kein Krimi geworden, Kommissar Kilian hat hier nichts zu ermitteln. Es ist ein „großer, Jahrhunderte überwölbender Roman“, so hat‘s Rowohlt, Rauschs Verlag, auf den Buchrücken gedruckt. Die fast tausendjährige Geschichte, das wechselvolle Schicksal dieses Bauwerks, das den Würzburgern so am Herzen liegt, in einem Taschenbuch zu erzählen, das bundesweit verkauft werden soll? Wie kommt man auf so eine Idee, wenn nicht beim vierten, fünften Schoppen?

Wie kommt man auf so eine Idee?

Rausch nimmt einem Schluck vom ersten Glas, fragt vorsichtig, ob er rauchen darf, die Mundwinkel gehen lächelnd nach oben. „Es war simpel. Der Lektor hatte Platz für einen Titel im nächsten Programm.“ Es sollte was Historisches sein, ob Rausch da was hätte. Rausch hatte: 20 Ideen in der Schublade.

Aber, fügte der Verlagsmann noch an, es müsse schon etwas Außergewöhnliches sein. Etwas Anspruchsvolleres als die übliche gedruckte Stangenware. Also: „Nicht den x-ten historischen Roman.“ Eher so wie „Sarum“ von Edward Rutherfurd, erschienen vor 30 Jahren.

Stadtgeschichte a la Rutherfurd: Kommen und Gehen, 3000 Jahre in Episoden

Rutherfurd, ah ja. Rausch, durchaus belesen, schaute nach der Erwähnung des Lektors erst einmal nach. Jener britische Autor erzählt die Geschichte der Stadt Salisbury anhand fiktiver Familiengeschichten, angefangen in der frühesten Frühzeit, bei den steinzeitlichen Jägern, bis 1985. Die Figuren kommen und gehen, der Handlungsort bleibt.

„Wie kann man ohne durchgehenden Protagonisten ein Buch schreiben? Wie erzählt man so eine lange Geschichte?“ Es kitzelte. Rausch begann sich vorzustellen, genau solch ein Stück Belletristik zu schaffen. Einen historischen Roman, der 1000 Jahre überspannt. Oder dreimal so viel, also samt der Zeit, als der Fluss mäanderte und da nur eine Furt war. „Das ist schon ein Brett! Da musst Du auf die Hälfte des Handwerkszeugs verzichten.

“ Kein Held, kein Antiheld, kein dynamischer Handlungsstrang. Doch auch ein Historienroman braucht Protagonisten – Marktgegebenheit. „Die erste Idee: Festung“, sagt Rausch, wendet den Kopf und blickt hinauf zum Marienberg auf der anderen Mainseite. Er wollte etwas finden, „was für die Stadt prägend war, immer da war.“ Und fand dann etwas Emotionaleres als die Burg.

Roman Rausch: „Die weiten Brückenbögen tragen Fälschung und Verrat in sich, Hochmut und Bescheidenheit.“

Die Brücke, sagt Rausch, habe eine außergewöhnliche Bedeutung für die Stadt, sie stehe ursächlich für ihren Aufstieg. „Liebe, Hass, Verrat“, alles stecke da drin. „Blut, Tränen, Hoffnung, Träume, Visionen.“ Und: „Verletzungen, Rache, Kalkül, Fluch, niedere Empfindungen.“ Gefoltert wurde auf der Brücke, gemeuchelt, gemordet, rebelliert. „Hier wurden Schicksale entschieden“, sagt der Schriftsteller mit Verve in der Stimme.

„Die Brücke hat mehr getrennt, als die Menschen verbunden.“ Um Lektor und Verlag zu überzeugen, skizzierte Rausch zehn kleine Geschichten aus verschiedenen Jahrhunderten, fügte Informationen zur Zeit an – und überzeugte. Mit der schlichten Vorgabe von Rowohlt: „So schreiben, dass die Leute es lesen.“

Was dann folgte . . . . Normalerweise, erzählt Rausch, der vor 20 Jahren einen Sommer lang seinen erste Roman schrieb, nehme er sich ein halbes Jahr Zeit für Recherche, noch einmal so viel, um zu erzählen. Für die Brücke recherchierte er eineinhalb Jahre. Fleißarbeit.

Überzeugt, „es nicht zu schaffen“

Was ihn traf: „Immer wieder die Erkenntnis, dass vermeintlich historisch gesichertes eben nicht gesichert ist.“ Viel von unserem „Wissen“ beruhe auf bewusst oder fahrlässig Verfälschtem, leider auch auf schlecht Abgeschriebenem. Der wichtigste Pfeiler wurde ihm Franz Seberichs Standardwerk „Die Alte Mainbrücke zu Würzburg“ mit seinen erschöpfenden Antworten vor allem auf bautechnische Fragen.

Das Schreiben dann: „Wirklich ein Kampf.“ Nicht nur einmal, sagt Rausch mit Blick ins halbleere Glas, sei er überzeugt gewesen, „dass ich es nicht schaffen werde“, diese Mischung aus stimmiger Information und guter Unterhaltung. Die Arbeit am Wandeltheater „Du musst dran glauben“ im Auftrag der Stadt Gerolzhofen – gemeinsam mit Christine Weisner – sei danach „fast schon erholsam“ und das Stück in drei, vier Wochen geschrieben gewesen. „Wobei das Thema Echter und Luther nicht minder schwer war.“

Untiefen, Glaube, Macht, Zwist und Niedertracht heißen die Episoden im historischen Brückenroman nun. Rebellion, Apokalypse, Verrat . . . und am Ende, im Schlusskapitel von 1945, dann Liebe. Geschickt mischt Rausch Fiktion in die Zeitläufte, lässt eigene Figuren auf historische Personen treffen, fügt dem Verbürgten schriftstellerische Fantasie hinzu. Da ist Oda, die keltische Stammesfürstin, die ihre Siedlung am Fluss mutig gegen die Krieger eines umherstreifenden Stammes verteidigt.

Da ist Fährmann Ero, Gegner des Missionars Burkard, der mit einem Brückenbau scheitert. Da ist Theresa, die Tochter des bibeltreuen Kommandanten der Brückenwache, die intrigant Hexenprozesse anzettelt. Viele Bischöfe spielen im Roman ihre historischen Rollen, und Friedrich I. heiratet seine Beatrix von Burgund.

Viele Protagonisten, eine Lieblingsfigur

„Ich mag jede“, sagt der 55-Jährige auf die Frage nach der Lieblingsfigur. „Auch die bösartigen, gerade die bösartigen, weil die Pfeffer rein bringen.“ Und nach dramaturgischer Pause nennt er doch noch eine, die er besonders mag, die ihn begeistert, über die er ins Schwärmen gerät: „Der Seuffert!“

Kaum bekannt, kaum genannt, sei dieser leitende Hofrat Johann Michael von Seuffert eine ganz „schillernde Gestalt“ gewesen, „die wichtigste Gestalt in Würzburg zur Napoleonischen Zeit“. Dann erzählt der studierte Betriebswirt und Marketingfachmann – vor geleertem Glas an der Brücke und im Brückenroman – wie der Seuffert damals eine diplomatische Odyssee zur Rettung des Fürstentums unternahm. „Dieser d'Artagnan Würzburgs!“, sagt Rausch und bestellt noch einen Wein.

Die Episode, im Buch überschrieben mit „Rien ne va plus“ sei einfach so zentral für Würzburg. Da sei er stolz, sagt Rausch leise und nippt: „Den hab ich ausgegraben, der war so klasse, den kennt hier kein Mensch.“

100.000 Exemplare: Der erste immer noch der erfolgreichste

Als Roman Rausch noch kein Mensch kannte, anno 1997, als er seinen ersten Kommissar-Kilian-Krimi schrieb, hatte er erst keinen Verlag gefunden. „Tiepolos Fehler“, selbst herausgebracht, verkaufte sich indes fast von selbst: 10 000 Stück in zwei Monaten, bald 35 000. Da waren die Verlage dann doch hellhörig. Inzwischen gibt es bei Rowohlt die 15. Auflage vom Erstling, mit Gesamtauflage von über 100 000 Exemplaren ist er immer noch Rauschs erfolgreichstes Buch.

Brückenbratwurstduft kitzelt die Nase. Mit Freundin und Sohn lebt Roman Rausch heute in Berlin. Drei Jahre sollten es nur werden, zehn sind es bislang. Doch in die Heimat, nach Würzburg, auf die Brücke zieht es den Schriftsteller immer wieder. „Ich bin mit fränkischer Bratwurst und Wein aufgewachsen“ – der Appetit darauf vergehe nie, lange Abstinenz bereite „körperlichen Schmerz“.

Die neue Herausforderung der Alten Mainbrücke

Drei Schoppen sind es geworden, die Brückenheiligen werfen keinen Schatten mehr. Beim Kilian, spielt jetzt eine Band, die Schöppler wippen im Takt. „Etwas Besseres konnte der Stadt und der Brücke nicht passieren, dass sich die Menschen hier wieder treffen.“ Feiern, flanieren und schöppeln, das seien jetzt die drei Herausforderungen, denen sich die Alte Mainbrücke heute zu stellen hat.

Seiner Brückenverkäuferin Lena hat Roman Rausch übrigens einen Schutzengel herbeigeschrieben. Er wartet in den Fluten.

Die Brücke über den Main: Historischer Roman von Roman Rausch, Rowohlt Taschenbuch Verlag 2017, 540 Seiten, 10,99 Euro

„Die weiten Brückenbögen tragen Fälschung und Verrat in sich, Hochmut und Bescheidenheit.“
Roman Rausch über Würzburgs Alte Mainbrücke
Porträt Bergwaldprojekt       -  _
Foto: Daniel Peter
Schriftsteller Roman Rausch am Fuß der Alten Mainbrücke. Dort spielt sein neuester Roman.
Foto: Thomas Obermeier | Schriftsteller Roman Rausch am Fuß der Alten Mainbrücke. Dort spielt sein neuester Roman.
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