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Wir über uns: Warum es die Wahrheit im Krieg so schwer hat

Redaktionen müssen wachsam sein, um Putins Propaganda nicht auf den Leim zu gehen. Chefredakteur Michael Reinhard über Desinformation im Krieg.
Putin auf allen Kanälen: Der russische Machthaber verbreitet Kriegspropaganda (hier ein Bild aus China).
Foto: Vincent Yu, dpa | Putin auf allen Kanälen: Der russische Machthaber verbreitet Kriegspropaganda (hier ein Bild aus China).

Liebe Leserinnen und Leser,

unser Titelbild vom Freitag hat bei einigen von Ihnen Irritationen ausgelöst. Zeigt es tatsächlich eine verletzte Frau, die nach einem Luftangriff russischer Truppen vor einem zerstörten Wohngebäude in der ukrainischen Stadt Tschujiw steht? Oder handelt es sich in Wirklichkeit um das Opfer einer Gasexplosion aus dem Jahr 2018, was manche Leserinnen und Leser vermuteten. Sie begründeten ihre Annahme mit entsprechenden Hinweisen in sozialen Netzwerken.

Dieses Bild wurde weltweit von Zeitungen abgedruckt. Es war das Titelbild unserer Freitagsausgabe. Einige Leserinnen und Leser bezweifelten, dass das Foto aktuell ist.
Foto: Anadolu Agency, Getty Images | Dieses Bild wurde weltweit von Zeitungen abgedruckt. Es war das Titelbild unserer Freitagsausgabe. Einige Leserinnen und Leser bezweifelten, dass das Foto aktuell ist.

Das Foto, rund um den Globus abgedruckt von namhaften Zeitungen wie El Mundo (zweitgrößte spanische Tageszeitung) und Los Angeles Times (eine der auflagenstärksten Tageszeitungen in den USA), stammt von Getty Images. Die amerikanische Firma zählt zu den größten Bildagenturen weltweit. Getty versicherte uns auf Nachfrage noch einmal die Echtheit des Bildes, wie auch die Richtigkeit der Angaben von Ort, Zeit und Geschehen.

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"Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit"

Das Beispiel verdeutlicht sehr gut, vor welchen Herausforderungen Medien täglich angesichts einer zunehmenden Flut von gefälschten Bildern, Desinformationen und Verschwörungserzählungen stehen. Diese werden besonders auf Kanälen wie Twitter, Facebook, Youtube und Telegram massenhaft verbreitet. Nicht immer ist auf den ersten Blick erkennbar, dass es sich dabei um Fake News handelt. Manchmal erfordert es von uns einen größeren Recherche-Aufwand, den Schwindel zu entlarven. Das gilt besonders in Zeiten eines Krieges, wie wir ihn seit Donnerstag nach dem völkerrechtswidrigen Angriff von Wladimir Putins Militär in der Ukraine erleben. Mehr als je zuvor gilt heutzutage, was der amerikanische Senator Hiram Johnson bereits 1917 feststellte: "Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit."

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Denn der russische Aggressor Putin ist ein Meister der sogenannten hybriden Kriegsführung. Sie ist gekennzeichnet durch einen zerstörerischen Mix aus klassischen und verdeckten Militäreinsätzen, politischem wie wirtschaftlichem Druck, Verschleierung jedweder Art, Cyberangriffen, Propaganda und Desinformation. Der Kreml-Despot und seine Vasallen biegen sich die Realität so lange zurecht, bis sie ihren Großmacht-Phantasien dient - ohne Rücksicht auf Verluste.

Der russische Präsident Wladimir Putin belügt die Welt

Nur drei Beispiele von vielen:

1. In seiner Rede am Vorabend des Einmarsches wartete Putin mit dem Märchen auf, dass "Russland alles getan hat, um die territoriale Integrität der Ukraine zu schützen". Blanker Hohn!

2. Den Angriffskrieg gegen den souveränen Nachbarn Ukraine rechtfertigte er unter anderem mit der Behauptung, dieser diene dem "Schutz der Menschen, die seit acht Jahren Misshandlung und Genozid ausgesetzt sind".

3. Immer wieder verbreitete die russische Propaganda-Maschine in den vergangenen Wochen den Vorwurf, russische Soldaten seien vom ukrainischen Militär angegriffen worden. Bei Analysen der angeblichen Beweisvideos hat sich jedoch gezeigt, dass diese deutlich älter waren als angegeben.

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Wir Journalistinnen und Journalisten befinden uns vor diesem Hintergrund in einem Dilemma. Während seriöse Quellen im Krieg so rar sind wie Nächstenliebe, versuchen die Kriegsparteien die Öffentlichkeit via Medien zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Denn aus Sicherheitsgründen haben Medienschaffende kaum Gelegenheit, sich in umkämpften Gebieten frei zu bewegen und zu recherchieren. Deshalb sind Nachrichtenagenturen wie die DPA, die auch unsere Redaktion mit Inhalten versorgt, oft darauf angewiesen, was die Kriegsgegner an Informationen übermitteln.

Wichtig ist uns, jetzt mehr denn je auf eine präzise Sprache zu achten

Ich kann Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, aber versichern, dass wir mit großer Sorgfalt und umfassender Vorsicht alle Nachrichten aus dem Kriegsgebiet bewerten. Gleichzeitig achten wir sehr genau darauf, dass wir uns nicht zu Propaganda-Gehilfen einer Konfliktpartei machen lassen. Sollte es so sein, dass Informationen nur von einer Seite vorliegen, werden wir dies in der Berichterstattung erwähnen.

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Wichtig ist uns darüber hinaus, mehr denn je auf eine präzise Sprache zu achten, um nicht propagandistischen Verschleierungen und Verharmlosungen auf den Leim zu gehen. Uns ist bewusst: Wer beispielsweise den Angriff auf die Ukraine als "Militäroperation" bagatellisiert, macht sich zum Handlanger des Kremls - wenn auch ungewollt. Wir stellen uns dieser Aufgabe achtsam, unabhängig und kritisch.

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