Würzburg

Wo einst Verbrecher gehängt wurden

Roland Flade hat auf der Landesgartenschau am Hubland eine Ausstellung konzipiert.
Foto: Patty Varasano | Roland Flade hat auf der Landesgartenschau am Hubland eine Ausstellung konzipiert.

Auf den ersten Blick ist das Herzstück der Landesgartenschau und des neuen Stadtteils Hubland eine riesige 20 Hektar große grüne Wiese. In Wahrheit ist es aber ein historisches Gelände mit einer über 200-jährigen Geschichte.

Vom Galgen zum Armee-Gelände

Ursprünglich stand hier einmal der Galgen, an dem Verbrecher gehängt wurden. Dann wurden hier in großem Stil Kartoffeln angepflanzt, hier befand sich ein Exerziergelände für die Armee, dann ein Testgelände für Flugpioniere, später ein Kriegsgefangenenlager, ein Nazi-Flugplatz und zuletzt waren hier nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu amerikanische Soldaten stationiert. Und dort wo sich heute das großflächige Grün erstreckt, war noch bis vor einigen Jahren die Landebahn für US-Flugzeuge.

An diesem letzten Kapitel des Hublands, den Leighton Barracks, setzt eine historische Ausstellung an, die während der Gartenschau im Untergeschoss der ehemaligen Tankstelle des US-Stützpunkts gezeigt wird. Konzipiert hat sie der Würzburger Historiker und ehemalige Main-Post-Redakteur Roland Flade gemeinsam mit der Berliner Agentur tecton.

Nachgebautes AFN-Studio

Die Einladungskarte der US-Army zu Thanksgiving in den Leighton Barracks für das Jahr 1954 nebst Besteck finden sich auch in der Ausstellung in der alten Tankstelle.
Foto: Patty Varasano | Die Einladungskarte der US-Army zu Thanksgiving in den Leighton Barracks für das Jahr 1954 nebst Besteck finden sich auch in der Ausstellung in der alten Tankstelle.

Beim Betreten des Ausstellungsraums stößt der Besucher zunächst auf ein nachgebautes Studio des US-Soldatensenders AFN, der auch von Würzburg aus sendete. Das Originalstudio befindet sich ein paar hundert Meter entfernt. Hier arbeitete auch Mitte der 1990er-Jahre der Würzburger Student Rüdiger Lang, der bei der Eröffnungsveranstaltung der LGS als Moderator fungierte und kurz vorher erstmals wieder an seinen früheren Arbeitsplatz zurückgekehrt war. Im Studio-Nachbau sieht man ihn auf einem großen Bild als jungen Moderator. Im kleinen Senderaum kann man per Knopfdruck Originalbeiträge hören und auch AFN-Videos sehen.

In einem Prolog wird dem Besucher die Geschichte des Galgenbergs, wie das Hubland vorher hieß, erklärt. Die Ausstellung setzt mit der Besiedelung des Geländes ein, erklärt der Historiker bei einem Rundgang. Jedem einzelnen Kapitel ist eine bestimmte historische Person zugeordnet.

Französische Gefangene

Beispielsweise der französische Kriegsgefangene Septime Gorceix, der im April 1915 ins Lager am Galgenberg eingeliefert wurde. Aquarelle zeigen Bilder vom Gefangenenalltag, Fotos und Plakate informieren über das aufwändig ausgestattete Theater der Häftlinge, unter denen sich auch bekannte französische Gefangene befanden.

Fotografien und Pläne dokumentieren, wie das Areal ab 1921 zur Kriegersiedlung für ehemalige deutsche Soldaten des Ersten Weltkriegs umgebaut wurde. Es war dies die erste nicht-militärische Nutzung am Galgenberg, erklärt Flade, der auch ein Buch über die Geschichte des Hublands geschrieben hat.

Die Anfänge der Fliegerei

Ab 1924 wurde eine Fliegerschule errichtet. Direktor, Lehrer und auch Flugschüler lebten damals auch auf der Anhöhe über Würzburg. Ein Flug über Würzburg mit einem Flugzeug von 1952 lässt dieses Kapitel im Video noch einmal lebendig werden. Einer der wichtigsten Würzburger Flugpioniere um 1905 war Karl Hackstetter. Er war eigentlich Architekt, aber ebenso passionierter Flieger. Er flog auch Zeppeline und Ballone und engagierte sich gegen Adolf Hitler.

Robert Grein, den man auf Fotos sehen kann, war der Leiter der Flugschule und das genaue Gegenteil von Hackstetter. Er war seit 1920 mit Hitler bekannt und wurde nach der Absetzung Görings 1945 dessen Nachfolger. Grein empfing Hitler auch in Würzburg. Hitler kam damals mit einer Lufthansa-Maschine angereist, wie eine Fotografie in der Ausstellung zeigt.

Wehrmacht auf dem Gelände

Die Geschichte des Hubland und die Ausstellung auf der Landesgartenschau kommt bei den Besuchern gut an.
Foto: Patty Varasano | Die Geschichte des Hubland und die Ausstellung auf der Landesgartenschau kommt bei den Besuchern gut an.

Ab 1935 wurde das Gelände sukzessive zum Fliegerhorst der Wehrmacht umgebaut. Fotos zeigen die zwei großen Hangars, die später von der US-Armee als Einkaufszentrum und Kino sowie als Sporthalle genutzt werden. Das ehemalige Kino wird gerade zum Nahversorgungszentrum des neuen Stadtteils Hubland umgebaut, die Sporthalle wird während der LGS als Ausstellungshalle für Blumenschauen genutzt.

Im Vertriebenenlager war auch die 1948 geflüchtete Irmgard Mahal untergebracht, die viele Originalstücke aus ihrer Heimat, dem Sudentenland, retten konnte. Gezeigt werden unter anderem das Original-Hochzeitskleid ihrer Mutter von 1935, eine alte Schreibmaschine, Fotos und Haushaltsgegenstände. Das Vertriebenenlager bestand von 1948 bis 1951 und wurde von der Regierung von Unterfranken betrieben, da der damalige Würzburger Bürgermeister Hans Löffler es nicht als städtische Einrichtung haben wollte.

Die Not der Flüchtlinge

Weiter geht die Zeitreise mit Dorothy Beebe, der Gattin eines US-Generals, die angesichts der Not der Flüchtlinge Hilfsaktionen für die Insassen organisierte. Ein Film zeigt das Leben auf dem Campus der High School in den Leighton Barracks, es sind Original-Jahrbücher der Schule ausgestellt genauso wie ein Bierkrug aus dem Officers Club. Weitere Filme erlauben Einblicke in den Alltag der Leighton Barracks in den 1960er-Jahren, wo Paraden und Sportveranstaltungen stattfanden. Den Würzburgern blieb dies, da das Gelände abgeriegelt war, weitestgehend verborgen.

Dann begann die Phase der Annäherung. Die Würzburgerin Helga Hoepffner gab Deutschkurse für die Armeeangehörigen und die Würzburger konnten einmal im Jahr beim Deutsch-Amerikanischen Volksfest hinter die Kulissen schauen. Und dann näherte sich die Zeit, als die US-Armee aus den Leighton Barracks auszog. Fotos von FH-Fotostudenten dokumentieren die leeren und verlassenen Räume.

Zwei ausgediente Stühle

Am Ende der Ausstellung stehen zwei mit Leder bezogene Stühle unter einem Sternenbanner. Flade kennt die Geschichte dazu: In einem Sozialkaufhaus traf eine Würzburgerin zufällig auf einen US-Soldaten, der sie aus der Kaserne mitgenommen hatte und jetzt nicht mehr brauchen konnte. Die Würzburgerin kaufte sie sofort. Und so fanden sie nun ihren Weg in die Ausstellung. Und so wurden aus zwei ausgedienten Stühlen zwei historische Exponate.

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