Würzburger Ansichten zum Bürgerprotest: Widerspenstige Würzburger

Kaum haben die Würzburger ihre Oberbürgermeisterin aus dem Amt gestimmt, sollen oder wollen sie am 27. Juli schon wieder an die Urne: der Bürgerentscheid zum geplanten FH-Neubau ist der dritte seiner Art – nach der Ablehnung des Röntgen-Gymnasium-Neubaus für eine FH-Erweiterung vor elf Jahren und dem Nein zum Bahnhofs-Arcaden-Projekt 2006. Der Würzburger entscheidet offenbar gerne, geht man von der prognostizierten Wahlbeteiligung von 30 Prozent aus. Und er geht, bisweilen auch ohne Bürgerentscheid, auf die Barrikaden, wenn baulich Hand an seine Stadt gelegt wird. Davon zeugen die Wallung ums Kilianshaus, um die Überdachung der Marktbuden, die Mega-Schelte fürs Petrini-Haus und Kritik an der Architektur des neuen s.Oliver-Hauses, für dessen Gestaltung Denkmalshüter Stadtrat Willi Dürrnagel gar eine Bürgerversammlung gefordert hatte.

Ist der Würzburger gar nicht der brave, katholische Bürger einer Beamtenstadt, für den er bisweilen gehalten wird? Ist er vielmehr streitfreudiger Demokrat, der sich tapfer der Stadtobrigkeit widersetzt und sie schnell abwählt? Oder ist er nur ein leidenschaftlicher Meckerer beziehungsweise notorischer Neinsager? Wahrscheinlich vereint der Würzburger, soweit sich dieser überhaupt als solcher pauschalieren lässt, von allem etwas. Als Begründung für den regelmäßigen Widerstand gegen Neubauten wird oft das Kriegstrauma vom 16. März 1945 bemüht – bloß nichts mehr zerstören, alles bewahren. Ob dem so ist oder ob eher generell menschliches Misstrauen gegenüber allem Neuen dahintersteht, sei dahingestellt.

Historisch betrachtet jedenfalls, ist der Würzburger ein alter Widerständler gegen die Obrigkeit, wenn auch ein erfolgloser. Davon zeugen die vergeblichen Kämpfe, sich von den Fürstbischöfen zu befreien, die Niederlage im Bauernkrieg oder die misslungene Aufmüpfigkeit gegen König Ludwig I., die damit endete, dass der Bürgermeister elf Jahre im Kerker saß.

Herrscht da noch immer ein Stück anarchistischer Geist, der es wie beim FH-Neubau gebietet, auch für ein Stück Ackerland zu rebellieren?

Eher weniger, meint der Historiker: „Der freiheitliche Geist, den man in der Würzburger Geschichte des 14. und 15. Jahrhunderts verspürt, ist im 20. Jahrhundert nicht mehr so ausgeprägt gewesen“, bilanzierte Stadtarchiv-Direktor Ulrich Wagner anlässlich des 1300-jährigen Stadtjubiläum 2004. Damals hatte Würzburg allerdings erst einen Bürgerentscheid auf dem Konto.

In der FH-Diskussion tauchen mittlerweile vermehrt Stimmen auf, denen das ständige Dagegensein und der Stillstand in der Stadtentwicklung auf die Nerven gehen. Die Würzburger Tradition zeichnet die Konsequenz vor: Widerstand. Gegen die Widerständler.

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