Würzburg

Würzburger Expertin: Wie rigoros China die Pandemie bekämpft

Während Europa mit dem Coronavirus ringt, hat China die Pandemie eingedämmt. Prof. Doris Fischer von der Uni Würzburg weiß, wie das gelungen ist. Kann das ein Vorbild sein?
Prof. Doris Fischer beschäftigt sich an der Uni Würzburg mit Chinas Wirtschaftspolitik und hat u.a. in Wuhan studiert. Ab 1.April 2021 ist sie eine von fünf Vizepräsidenten der Julius-Maximilians-Universität.
Foto: Daniel Peter | Prof. Doris Fischer beschäftigt sich an der Uni Würzburg mit Chinas Wirtschaftspolitik und hat u.a. in Wuhan studiert. Ab 1.April 2021 ist sie eine von fünf Vizepräsidenten der Julius-Maximilians-Universität.

Nach dem Ausbruch in Wuhan zog das Sars-CoV2-Virus von Asien aus zerstörerisch um die Welt. Während Deutschland und Europa noch mitten im Pandemiekampf stecken, scheint China das Schlimmste hinter sich zu haben. Wie konnte das gelingen? Und was bedeutet dieser Erfolg für das Land? Fragen an die China-Expertin Prof. Doris Fischer von der Würzburger Julius-Maximilians-Universität.

Frage: China scheint deutlich besser aus der Pandemie zu kommen als andere Weltregionen. Ist das wirklich so?

Prof. Doris Fischer: Ja, China hat es durch eine sehr konsequente Methode des Testens, Nachverfolgens, Isolierens sowie mit Einreisekontrollen tatsächlich geschafft, die Fallzahlen sehr niedrig zu halten. Und die Wirtschaft hat wieder Fahrt aufgenommen.

Wie verlässlich sind die offiziellen Infektionszahlen?

Fischer: Da gibt es natürlich immer etwas Misstrauen. Aber selbst wenn die Zahlen nicht hundertprozentig stimmen – eine zweite oder dritte Welle könnte auch China nicht verstecken.

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Einzelne lokale Ausbrüche sind ja bekannt geworden...

Fischer: Und hier geht die chinesische Regierung mit einer massiven Testoffensive dazwischen und isoliert die positiv Getesteten. Gleichzeitig veröffentlicht man ihre Namen und wo sie unterwegs waren. Damit werden dann andere Menschen gewarnt oder zum Test veranlasst. China hat in der ersten Welle dem Virus den Krieg erklärt. Die Strategie war, das Virus zu besiegen.

Wieweit hilft das autoritäre System, um derart rigorose Maßnahmen durchzusetzen?

Fischer: Das spielt natürlich eine Rolle. Aber es gibt auch andere, weniger autoritäre Staaten in Asien, die mit einer rigorosen Strategie das Virus in den Griff bekommen. In China ist die Bereitschaft groß, für das hohe Gut der Pandemiebekämpfung dem Staat Zugriff auf persönliche Daten zu gewähren, auch über eine App, die Bewegungsprofile erfasst. Und die Quarantäne wird sehr streng überwacht, ganz anders als bei uns.

Anfang Februar fand das Laternenfest im chinesischen Bortala zur Begrüßung des neuen Jahres statt. Um eine neuerliche Verbreitung zu verhindern, durften Millionen Chinesen zum Neujahrsfest nicht zu ihren Familien reisen.
Foto: TPG via ZUMA Press, dpa | Anfang Februar fand das Laternenfest im chinesischen Bortala zur Begrüßung des neuen Jahres statt. Um eine neuerliche Verbreitung zu verhindern, durften Millionen Chinesen zum Neujahrsfest nicht zu ihren Familien reisen.
Sind die Menschen in China also eher bereit, staatliche Eingriffe zu akzeptieren?

Fischer: Sie sind viel stärker einen Staat gewohnt, der kontrolliert und überwacht – der aber auch beschützt. Das erwartet man vom Staat. China und andere asiatische Länder sind geprägt von der Sars-Erfahrung. Das war ein kollektiver Schock. Deshalb ist die Bereitschaft, jetzt im Zuge der Pandemiebekämpfung einiges über sich ergehen zu lassen, in der Tat größer als bei uns. Das Verständnis für eine Pandemie ist ausgeprägter – und auch dafür, dass man individuelle Freiheitsrechte zurückstellt.

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Feiert sich China als System, das in der Pandemie den westlichen Demokratien überlegen ist?

Fischer: Ja natürlich. Man schaut auf den Westen, der das Problem nicht in den Griff bekommt. Das ist ein wunderbares Argument für die chinesische Regierung.

Sind die Leute stolz auf ihr Land?

Fischer: Viele Menschen waren am Anfang skeptisch, auch gegenüber den drastischen Maßnahmen. Im Vergleich sehen sie die Entwicklung aber zunehmend positiv und folgen auch eher der Partei in der Interpretation, dass dies die Überlegenheit des Systems zeige. Und das führt wiederum dazu, dass man weiteren Anweisungen Folge leistet: So gab es aktuell den Appell, zum traditionellen Frühlingsfest nicht zu verreisen. Daran scheinen sich die allermeisten zu halten. Die Leute gehen stattdessen ins Kino. 

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Vermutlich mit Maske... wie überhaupt Menschen in Asien viel häufiger mit Mund-Nasen-Schutz unterwegs sind. Warum eigentlich?

Fischer: Die Idee, dass man zum eigenen Schutz oder dem anderer eine Mund-Nasen-Bedeckung trägt, ist tatsächlich in Asien viel verbreiteter. Das hat nichts mit einer langen Kulturgeschichte zu tun. Nein, es ist die traumatische Erfahrung mit dem Sars-Virus im Jahr 2003. Die Leute wissen, wie gefährlich das war. Und das neue Virus ist noch gefährlicher, weil es ansteckend ist, bevor man Symptome zeigt. Aus Respekt vor der Gruppe trägt man dann eben Maske. Man empfindet das weniger als Eingriff in die eigene Freiheit und mehr als Rücksicht auf andere. Wissenschaftler, die sich mit Asien beschäftigen, haben über die anfängliche Diskussion darüber bei uns nur den Kopf geschüttelt.

Sie haben selbst in Wuhan studiert und haben noch Kontakt dorthin. Was hören Sie denn von dort?

Fischer: Letztes Jahr war das eine sehr harte Zeit. Der dortige Lockdown ist mit unserem nicht vergleichbar, die Leute durften nicht aus den Häusern oder aus ihren Wohnanlagen. Und das wurde sehr streng überwacht, die Leute mussten über Wochen zuhause bleiben. Das war unglaublich bedrückend. Aber jetzt herrscht in Wuhan tatsächlich weitgehend normales Leben. Käme es aber irgendwo in einer Ecke in Wuhan wieder zu einem Ausbruch, dann würde sofort wieder massiv getestet, getraced und im Zweifel auch isoliert. In letzter Zeit gab es solche Fälle in Wuhan aber nicht, da waren andere Städte betroffen.

Zur Person: Prof. Dr. Doris Fischer

Prof. Dr. Doris Fischer ist seit März 2012 Inhaberin des Lehrstuhls China Business and Economics an der Universität Würzburg. Die 55-Jährige hat Betriebswirtschaftslehre und Sinologie in Hamburg und Wuhan studiert und in Volkswirtschaftslehre an der Universität Gießen promoviert. Im Mittelpunkt ihrer Forschungsarbeiten zu Wettbewerb, Regulierung sowie Industriepolitik stehen das Interesse an Chinas Wirtschaftspolitik. Ab dem 1. April gehört Doris Fischer als Uni-Vizepräsidentin der Hochschulleitung an und ist hier für den Bereich Internationalisierung zuständig.
Quelle: JMU
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