Würzburg

Würzburger Flüchtlingsrat übt Kritik an Massenquarantäne

Von Freiheitsentzug spricht ein Geflüchteter, der in einer Gemeinschaftsunterkunft in Ochsenfurt in Quarantäne musste. Warum die Zustände dort seine Menschenrechte verletzen.
Ein Corona-Fall in der Würzburger Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete in der Veitshöchheimer Straße in Würzburg, und alle Bewohner müssen in Quarantäne. Dieses Vorgehen kritisieren Eva Peteler und Burkhard Hose vom Würzburger Flüchtlingsrat. 
Foto: ArchivThomas Obermeier | Ein Corona-Fall in der Würzburger Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete in der Veitshöchheimer Straße in Würzburg, und alle Bewohner müssen in Quarantäne.

Es muss nur ein Coronafall in einer Gemeinschaftsunterkunft (GU) für Geflüchtete auftreten - meist verordnet die zuständige Behörde dann Quarantäne für alle. Jüngst war dies in Würzburg und Ochsenfurt der Fall. Für die Bewohner sei das oft eine schwierige Situation, meint Burkard Hose vom Würzburger Flüchtlingsrat. Er spricht gar von einer "Haft" - und das sei den Menschen schwer zu vermitteln. 

Arthur Elliot lebt in der GU Ochsenfurt. Anfang November musste er zusammen mit 70 weiteren Personen, die dort leben, in Quarantäne. Die Organisation "Mehr als 16a" veröffentlicht auf ihrer Facebook-Seite einen Hilferuf von Elliot, in dem er schreibt, dass dieser "Freiheitsentzug" nicht gerechtfertigt sei. Die Umstände würden seine Menschenrechte verletzen. Obwohl er wie all die anderen negativ getestet wurde, darf er die Unterkunft nicht verlassen: weder um Essen zu kaufen, noch für medizinische Versorgung; Familienbesuche sind verboten. "Auch für die Ausübung unserer Religion oder unseres Glaubens dürfen wir nicht nach draußen. Dies ist verfassungswidrig", schreibt Elliot in seinem Hilferuf.

"Corona bringt ans Licht, welche Probleme es in den Gemeinschaftsunterkünften gibt."
Burkard Hose, Würzburger Flüchtlingsrat

Das kalte Dosenessen würde nicht reichen. Hygieneartikel bekomme er nicht. Es würde aber verlangt werden, die Hände zu waschen und sich sozial zu distanzieren, was in den Wohnanlagen beinahe unmöglich sei. "Es gibt nur ein Bad und eine Küche auf jedem Stockwerk, die sich alle teilen müssen." 

Eva Peteler und Burkard Hose vom Flüchtlingsrat kritisieren die Massenquarantäne in Gemeinschaftsunterkünften für Geflüchtete. 
Foto: Thomas Obermeier | Eva Peteler und Burkard Hose vom Flüchtlingsrat kritisieren die Massenquarantäne in Gemeinschaftsunterkünften für Geflüchtete. 

In Würzburg waren 360 Menschen von der Massenquarantäne betroffen

Diese Missstände sind Eva Peteler und Burkhard Hose, den Sprechern des Würzburger Flüchtlingsrates, bekannt. "Corona bringt ans Licht, welche Probleme es in den Gemeinschaftsunterkünften gibt", sagt Hose im Gespräch mit dieser Redaktion. Dazu komme, dass die zusammengewürfelten Bewohner "keine gemeinsame Sprache, keine gemeinsame Biographie und keine gemeinsame Basis haben". Mit Unverständnis reagieren beide deshalb auf die Entscheidung des Würzburger Gesundheitsamtes, vor kurzem alle Bewohner der Würzburger Gemeinschaftsunterkunft unter Quarantäne zu stellen. "360 Menschen sind hier in vier Häusern untergebracht", sagt Eva Peteler und fragt sich, warum keine anderen Lösungen möglich sind.

Würzburger Gesundheitsamt richtet sich nach den Vorschriften

Die Mitarbeiter im Gesundheitsamt für Stadt und Landkreis Würzburg verfahren vorschriftstreu. Es sei vorgesehen, alle mit dem Coronavirus Infizierten sowie deren Kontaktpersonen separat unterzubringen, heißt es auf Nachfrage dieser Redaktion. Für diese Fälle wurden Sonderunterbringungen geschaffen, wie zum Beispiel die Anker-Einrichtung im Krankenhaus St. Josef in Geldersheim und der Innopark in Kitzingen. Weil die beengten Wohn- und Aufenthaltsmöglichkeiten der Asylbewerber in den Gemeinschaftseinrichtungen zu einem engen und unkontrollierbaren Kontakt der positiv getesteten Personen führen würden, und damit auch ein hohes Übertragungsrisiko in der gesamten Unterkunft bestehe, sei eine Quarantäne für alle vorgesehen. Vor allem auch im Hinblick auf die schwierige Kontaktnachverfolgung, argumentieren die Amtsärzte. 

Würzburger Flüchtlingsrat kritisiert bayerische Staatsregierung

"Aber müssen denn unbedingt alle in Quarantäne? Es würde doch reichen, die Personen einzelner Stockwerke oder Häuser von den anderen zu isolieren", hält Eva Peteler dagegen. Das könne nur gewährleistet werden, wenn die Gemeinschaftsunterkunft die baulichen Voraussetzungen erfülle. Dazu gehören eine separate Küche, Toiletten und Waschräume, so dass ein Zusammentreffen mit anderen Asylbewerbern der Unterkunft für zehn bis 14 Tage vermieden werden kann, sagt die behördliche Seite. 

Lesen Sie auch:

Dass solche Umstände Konflikte in der Unterkunft hervorbringen, Schüler abgehängt werden, weil sie dem Unterricht nicht mehr folgen können und bei den Bewohnern neue Ängste wieder hervorbrechen und viel Misstrauen entstehe, seien die Folgen, sagt Burkard Hose. Solch eine Situation berge auch viel Aggressionspotenzial, vor allem häusliches. "Das sowieso schon fragile Zusammenleben zerbricht", ist Hose überzeugt. Denn ehrenamtliche Helfer würden in Quarantäne-Zeiten nicht in die Gemeinschaftsunterkunft kommen können, um zu helfen oder zu vermitteln. Dabei richtet er seine Kritik weniger an die entscheidenden Personen in den Gesundheitsämtern, sondern an die bayerische Staatsregierung, die diese Regeln erlassen habe. 

Ausnahmen in den Gemeinschaftsunterkünften Marktheidenfeld und Ebern

Es gibt aber auch andere Beispiele: "In der Gemeinschaftsunterkunft Marktheidenfeld konnte trotz zweier Infektionsfälle und mehrerer Kontaktpersonen auf eine Gesamtquarantäne verzichtet werden, nachdem die Fälle und die Kontaktpersonen entsprechenden Familien in abgeschlossenen Wohneinheiten zugeordnet werden konnten", so Johannes Hardenacke, Pressesprecher der Regierung von Unterfranken.

Aktuell gebe es auch einen Neuinfektionsfall in der GU Ebern. Die betroffene Person sei bereits in die Ankereinrichtung Unterfranken verlegt und auf eine gesamte Quarantäne aller Bewohner der GU seitens des Gesundheitsamtes im Landratsamt Haßberge bislang verzichtet worden, ergänzt Hardenacke. Die betroffene Person hatte wohl nach eigenen Angaben keinen Erstkontakt zu anderen Bewohnern. Dennoch wurde vorsorglich eine Reihentestung aller rund 70 Bewohner durchgeführt. 

Nichts mehr verpassen: Abonnieren Sie den Newsletter für die Region Würzburg und erhalten Sie dreimal in der Woche die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region per E-Mail.
Weitere Artikel
Themen & Autoren
Würzburg
Thomas Fritz
Amtsärzte
Asylbewerber
Burkhard Hose
Coronavirus
Flüchtlinge
Flüchtlingsräte
Gesundheitsbehörden
Infektionspatienten
Johannes Hardenacke
Krankenhaus St. Josef
Krankenhäuser und Kliniken
Quarantäne
Regierung von Unterfranken
Regierungen und Regierungseinrichtungen
Öffentliche Behörden
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (22)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!