Acholshausen

Zahlen ziehen fürs Seelenheil

Mit dem „Geistlichen Glückshafen“, der laut Kirchenpfleger Ottmar Gumpert fast in Vergessenheit geraten ist, hat der kleine Gaukönigshöfer Ortsteil eine äußerst seltene Einrichtung zu bieten: Sie ist dafür gedacht, Seelen aus dem Fegefeuer zu erlösen.
Geistlicher Glückshafen: Auf dem Acholshäuser Friedhof zieht Kirchenpfleger Ottmar Gumpert eine Zahl für das Seelenheil.
Foto: HANNELORE GRIMM | Geistlicher Glückshafen: Auf dem Acholshäuser Friedhof zieht Kirchenpfleger Ottmar Gumpert eine Zahl für das Seelenheil.

In Acholshausen ist der ungewöhnliche Glückshafen in einer Mauernische gleich links neben dem Eingang zum Friedhof untergebracht. Vor einer Tafel, die Auskunft gibt, welche Seelen eines Gebetes bedürfen, steht – unverrückbar befestigt – ein kleines weißes Metallkästchen. Unter diesem Behälter, an dem der Zahn der Zeit fleißig nagt, ist eingraviert auf einer Steinplatte zu lesen: „Es ist ein heiliger und heilsamer Gedanke für die Verstorbenen z. beten, damit sie erlöst werden v. d. Leiden.“

Damit sich erklärt sich auch die denkbar einfache Benutzung des Glückshafens: Aus dem Kästchen nimmt man eines der runden Scheibchen mit den aufgedruckten Zahlen und sucht auf der Liste die entsprechende Nummer. Für Ottmar Gumpert, der die Nummer 27 zieht, bedeutet das fünf Vaterunser und Ave Maria zu beten „für die Seelen die hoffärtig (hochmütig) sind.“

Wer sich ganz viel Zeit nimmt, kann seine Gebete den verstorbenen Eltern, Großeltern, Brüdern und Schwestern, den Seelen der Verwandten, aller verstorbenen Priester, den Amtsbehörden, Wohltätern ebenso widmen wie den Freunden und auch den Feinden.

Hilfe im Fegefeuer soll auch denen zuteil werden, die zu Lebzeiten keine Geduld hatten, stolz, träge, geizig, lieblos, putzsüchtig, unandächtig, trunksüchtig oder hartherzig waren. Vergessen hat derjenige, der den Glückshafen geschaffen hat, auch jene nicht, die verschwenderisch, zornig, unaufrichtig, naschhaft, mürrisch, unwahrhaft oder unkeusch waren.

Die Kirchenschwätzer, die am Irdischen hingen, die durch ihre Kleider Anlass zur Sünde gegeben haben, die sündhafte Spiele trieben, die durch Nachtschwärmerei Ärgernis gegeben haben, kommen – falls ihre Nummer gezogen wird – ebenso in den Genuss eines Gebetes wie die im Krieg Gefallenen, die Ordensleute oder die Muttergottesverehrer.

Aus der Liste, die 70 Punkte umfasst, kann das Gebet zur Erlösung aus dem Fegefeuer den Fürsten oder alle hohen Stände ebenso gelten wie den Seelen, die des Gebetes am meisten bedürfen.

Ob der Glückshafen bei der Anlage des Friedhofes 1821 oder später von einem Ortsgeistlichen eingerichtet worden ist, das lässt sich nicht mehr ermitteln. Wie in der von Joachim Greubel erstellten Ortschronik zu lesen ist, verließ in den früheren Jahren kaum ein Besucher den Friedhof, ohne eine Nummer aus dem Kästchen zu ziehen und für eine der armen Seelen zu beten. Wenn auch dieser früher ganz selbstverständliche Ausdruck tiefer Frömmigkeit aus dem Alltag verschwunden ist, so ist es doch tröstlich, dass Ottmar Gumpert die Initiative ergreifen wird, um die Spuren der Zeit an dem Glückshafen zu beseitigen um diese Rarität auch für die Zukunft zu erhalten.

Ein weiteres bekanntes Exemplar war in der hoch gelegenen Wallfahrtskirche St. Quirin in Sellrain in Tirol zu finden. Wie Pfarrer Sebastian Huber auf Anfrage erklärt, hat die Einrichtung seit längerem ausgedient. Der Glückhafen wurde nach den Worten des Geistlichen abgebaut und lagert jetzt im Archiv der Pfarrgemeinde Sellrain.

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Hannelore Grimm
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