Abschied vom Größten

Muhammad Ali: Seine Kämpfe sind unvergessen. Ebenso wie sein politisches Engagement. Am Wochenende erlag der gläubige Muslim im Alter von 74 Jahren seiner Parkinson-Krankheit.
Champion Cassius Clay stands over Sonny Liston and taunts him to get up during the first round of t       -  Muhammad Ali (stehend), der damals noch unter seinem Geburtsnamen Cassius Clay boxte, in einem seiner berühmtesten Kämpfe gegen Sonny Liston 1965.
Foto: imago | Muhammad Ali (stehend), der damals noch unter seinem Geburtsnamen Cassius Clay boxte, in einem seiner berühmtesten Kämpfe gegen Sonny Liston 1965.

Sein schwerster und längster Kampf dauerte 32 Jahre. Seit Herbst 1984 kämpfte Muhammad Ali gegen Parkinson. Mit Würde und Demut. Schicksalsergeben. Am Samstag hat einer der größten Athleten in der Geschichte des Sports den Kampf gegen die Nervenkrankheit verloren, wurde erlöst von einem Leiden, das ihm im letzten Drittel seines dramatischen Lebens genommen hatte, was ihn einst weltberühmt gemacht hat: seine Athletik und seine Sprache. Muhammad Ali ist in einem Krankenhaus in Phoenix, Arizona, gestorben. Der dreimalige Boxweltmeister im Schwergewicht wurde 74 Jahre alt.

Unvergessen sind die Dramen im Ring, die Jahrhundertkämpfe in der ersten Hälfte der Siebzigerjahre: „Fight of the Champions“, den Ali gegen Joe Frazier im New Yorker Madison Square Garden – mit einem schweren Niederschlag in der letzten Runde – nach Punkten verlor, weil ihm in der langen Zwangspause der tänzerische Stil „float like a butterfly, sting like a bee“ (schwebe wie ein Schmetterling, steche wie eine Biene) abhandengekommen war. Beim „Rumble in the Jungle“ in Kinshasa holte Ali sich den Titel zurück. Mit einer neuen Seiltaktik – „rope a dope“ – ermüdete er George Foreman und schlug ihn in der achten Runde k. o.

Beim „Thrilla in Manila“, der brutalsten und epischsten Schlacht der Boxgeschichte, durfte Frazier auf Geheiß seines Trainers Eddie Futch zur letzten Runde nicht mehr antreten. „Der nächste Schlag hätte tödlich sein können“, entschied der weise Mann. Ein völlig ausgezehrter Ali stöhnte derweil: „Es war wie der Tod. Ich habe erfahren, was dem Sterben am nächsten kommt.“

Er hatte noch seinen „Sklavennamen“ Cassius Clay getragen, als er mit 22 Jahren Sonny Liston zur Aufgabe gezwungen hatte und am 25. Februar 1964 in Miami sensationell Weltmeister geworden war. Beim Comeback zwei Jahre nach seiner Rücktrittserklärung wurde der 38-jährige Ex-Champion von seinem einstigen Sparringspartner Larry Holmes derart verprügelt, dass sein legendärer Trainer Angelo Dundee unter Tränen das Debakel nach der zehnten Runde beendete.

Kurz nach dieser Demütigung am 2. Oktober 1980 im Caesars Palace von Las Vegas bemerkten Freunde, dass Alis Hände leicht zitterten und er langsamer sprach, manchmal auch schon nuschelte. Dennoch folgte ein Jahr später das „Drama in Bahama“, die entwürdigende Niederlage gegen einen gewissen Trevor Berbick. Der endgültig letzte Kampf mit knapp 40 Jahren war am 11. Dezember 1981. Die beiden Niederlagen waren die vierte und fünfte in 61 Kämpfen.

Alis letzter weltöffentlicher Auftritt bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 in London war erschütternd und hatte Millionen aus aller Welt vor den Fernsehgeräten und 79 000 Zuschauer im Olympiastadion zutiefst bestürzt. Die Spiele, die so heiter werden sollten, hatten bei der Flaggen-Zeremonie ihren traurigsten Moment.

Der größte Boxer aller Zeiten, einst Inbegriff des athletischen Körpers und wachen Geistes, saß gebrechlich auf einem Stuhl, als die Olympische Fahne ihn erreichte.

Im weißen Anzug, gebeugt, spindeldürr, das Gesicht mit der schwarzen Sonnenbrille eine Maske, konnte sich der Olympiasieger von 1960 nur unter Aufbietung der letzten Kräfte erheben und, gestützt auf seine Frau Lonnie, die anderen prominenten Fahnenträger ein Stück begleiten. Seine Frau flüsterte ihm immer wieder ins Ohr, das Tuch anzufassen und dem Publikum zuzuwinken. „Muhammad liebt das Bad in der Menge und ist so überwältigt“, teilte sie anschließend mit.

Muhammad Ali war der berühmteste Kranke der Welt, seit er am 19. Juli 1996 in Atlanta die Olympische Flamme entzündet hatte. Es war eine tief bewegende Szene: Ali zitterte. Und mit ihm die ganze Welt. Über drei Milliarden Menschen. Die fast schon in Vergessenheit geratene Ikone, vom Parkinsonschen Syndrom gezeichnet, war zur großen Überraschung wie aus dem Nichts auf den eigenen Olymp zurückgekehrt. 36 Jahre nach dem Gewinn der Goldmedaille in Rom, 15 Jahre nach dem Abschied vom Boxring.

Gekleidet in einen weißen Trainingsanzug, in der zitternden rechten Faust die Fackel, entzündete er das Feuer der Spiele. „Ali, Ali“ dröhnte es durchs Stadion, als hätte er Liston, Frazier und Foreman zusammen mit einem Schlag niedergestreckt.

Ein Kameraschwenk zeigte einen weinenden Bill Clinton. Mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten war die Welt vor den Bildschirmen zu Tränen gerührt. Zur Eröffnungsfeier der Spiele von Los Angeles zwölf Jahre zuvor war Ali nicht einmal eingeladen worden, obwohl er von seinem Anwesen am Wilshire Boulevard zu Fuß ins Olympiastadion hätte gehen können. „Die denken, ich bin ein blöd geschlagener Boxer“, sagte ein bereits lethargischer Ali damals seinem deutschen Besucher. Atlanta war ein weltbewegendes Comeback aus dem Schatten seines Schicksals.

Der charismatischste aller Boxchampions war sein Leben lang Superstar, ob einst als tänzelnder Boxästhet, narzisstischer Schreihals („I am the Greatest“), schwarzer Rebell, überzeugter Wehrdienstverweigerer („Ich habe keinen Streit mit dem Vietcong“) oder als schwer kranker Mann.

Sein Gesicht gilt seit über 40 Jahren als das bekannteste der Welt. Muhammad Ali bleibt auf dem Globus für ewig eine Legende, ein Mythos, war mehr als nur ein Boxchampion. Staatsoberhäupter fühlten sich durch seinen Besuch geehrt. UNO-Generalsekretär Kofi Annan ernannte ihn zum Friedensbotschafter der Vereinten Nationen. US-Präsident George W. Bush hängte ihm im Weißen Haus 2005 die Freiheitsmedaille um, die höchste zivile Auszeichnung der Vereinigten Staaten, und nannte Ali einen „Mann des Friedens“. Unvorstellbar 40 Jahre zuvor.

Als Pazifist hatte Muhammad Ali einst das weiße Amerika empört, als er am 28. April 1967 im Rekrutierungsbüro 61 der United States Armed Forces in Houston, Texas, den Wehrdienst verweigerte, die Aberkennung des Titels, den Lizenzentzug, den Verlust von Millionen Dollar und die Verurteilung zu fünf Jahren Haft in Kauf nahm.

Das schwarze Amerika feierte Ali wie einen Freiheitskämpfer und -helden für seine Botschaft: „Warum verlangt man von mir, einem sogenannten Neger, eine Uniform anzuziehen und 10 000 Meilen von der Heimat entfernt mit Bomben und Kugeln auf braune Menschen in Vietnam zu zielen, während andere sogenannte Neger in Louisville wie Hunde behandelt und ihnen die elementarsten Menschenrechte verwehrt werden?"

Erst drei Jahre später hob der Oberste Gerichtshof das Urteil auf und erklärte den Lizenzentzug für Unrecht. Muhammad Ali kehrte aus der Verbannung in den Ring zurück, zum berühmtesten Comeback des Sports. Dieser außergewöhnliche Mensch hatte nicht nur Sonny Liston, sondern auch „eine Gesellschaft besiegt, die einen selbstbewussten afroamerikanischen Sportler nicht ertragen konnte“, urteilte Jan Philipp Reemtsma.

Der strenggläubige Muslim hatte einmal über sein Schicksal gesagt: „Ich habe nie gefragt: ,Warum ich?‘ Ich bin mit so viel Gutem gesegnet. Gott prüft mich.“ Und jeden, der sein Leiden auf das Boxen zurückführte, den belehrte Ali: „Schließlich haben nicht alle an Parkinson erkrankten Menschen geboxt. Richtig?“

„Ich bin mit so viel Gutem gesegnet. Gott prüft mich.“
Muhammad Ali zu seiner Krankheit
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