BALKENHOL:

Der Goldsheriff war nie der arme Polizist

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„Verdammt lang her“ – das ist der Titel unserer Serie, in der wir große Sportlerinnen und Sportler von einst zum Interview gebeten haben. Im 17. Teil kommt der ehemalige Goldmedaillengewinner im Dressurreiten Klaus Balkenhol zu Wort. Der 72-jährige Reitmeister bewirtschaftet in der Bauernschaft Höven (Münsterland) zusammen mit Ehefrau Judith, Tochter Anabel und sieben Angestellten einen schmucken, zehn Hektar großen Ausbildungsbetrieb für Dressurpferde. Zu seiner aktiven Zeit war Klaus Balkenhol einer der weltbesten Dressurreiter, von 1996 bis 2000 arbeitete er als Bundestrainer, danach zeichnete er acht erfolgreiche Jahre für die Amerikaner als Nationalcoach verantwortlich.

Frage: Sie sind als Goldsheriff in die Geschichte des Dressursports eingegangen. Weckt das positive Erinnerungen?

KLAUS BALKENHOL: Durchaus. Die Assoziation zur olympischen Goldmedaille passt doch prima. Ich war Polizist und hatte auf einem Polizeipferd namens Goldstern Team-Gold gewonnen.

Wenn Sie an Ihre Karriere zurückdenken, wann hat Sie der sportliche Ehrgeiz gepackt, und wie konnten Sie Sport und den Beruf als Polizist miteinander in Einklang bringen?

Gesunden Ehrgeiz hatte ich schon immer. Zudem hatte ich mit meinem damaligen Staffelführer Otto Hartwig in Düsseldorf einen Vorgesetzten, der auf die klassische Art der Ausbildung setzte. Damit war meine Vorliebe für die Dressur geweckt. Alles andere ergab sich durch die Erfolge, die sich zunächst mit meinem Polizeipferd Rabauke einstellten. Durfte ich zunächst nur an fünf Turnieren rund um Düsseldorf teilnehmen, bekam ich später durch Ministererlass die Erlaubnis für die Teilnahme am überregionalen großen Sport.

Ihre Reiterkarriere ist mit zwei Pferdenamen fest verbunden, Rabauke und Goldstern. Beide Vierbeiner standen im Polizeidienst, waren mithin in der Geldsportart Dressur nur „Billigware“. Hat Sie diese Tatsache je belastet?

BALKENHOL: Nein. Ich wurde in den Medien zwar oft als armer Polizist dargestellt, doch das stimmte nicht. Meine Familie konnte ich von meinem Gehalt gut ernähren. Für ein eigenes Pferd hat es zwar nicht gereicht, doch mein Polizeiberitt war auch gut genug, um mich auf internationalem Parkett behaupten zu können. Außerdem haben mich meine Mitstreiter von Anfang an gut aufgenommen und meine sportliche Leistung anerkannt. Damals sind viele Freundschaften, die auch heute noch Bestand haben, entstanden.

Was war Ihr schönstes Erlebnis als Aktiver?

BALKENHOL: Eine Olympia-Teilnahme ist sicherlich für jeden Sportler das Größte, und wenn du dann noch Gold gewinnst, bekommen die Spiele eine besondere Bedeutung, zumal ich 1992 in Barcelona schon 52 Jahre alt war. Dennoch: Emotional das schönste Erlebnis war der Gewinn meines ersten nationalen Meistertitels 1991 in Münster.

Sie waren ein Spätberufener, denn Ihren ersten Grand Prix haben Sie erst mit 39 Jahren absolviert. Bedauern Sie den späten Einstieg in den Spitzensport?

BALKENHOL: Nein. Wer fit ist, kann den Reitsport bis ins hohe Alter ausüben. Außerdem hatte ich Zeit, um viel über Pferde zu erfahren.

1996 sind Sie aus dem Leistungssport ausgestiegen und Trainer geworden. Was zeichnet einen guten Dressurcoach aus?

BALKENHOL: Ich bin davon überzeugt, dass ein guter Trainer alles vormachen kann. Das fördert die Akzeptanz, und ohne die geht es nicht. Ich reite grundsätzlich jedes Pferd meiner Schützlinge persönlich. So kann ich ein Tier erfühlen und beim Training gedanklich mitreiten. Außerdem muss ein Trainer in jeder Hinsicht Vorbild sein.

„Wer fit ist, kann den Reitsport bis ins hohe Alter ausüben.“

Klaus Balkenhol

Als Sie noch aktiv waren, war Deutschland unbestritten die Nummer eins. Heute hat sich das Bild grundlegend gewandelt. Wo liegen die Gründe dafür?

BALKENHOL: Andere Nationen haben aufgeholt, auch in der Zucht. Aber das ist doch gut. Dadurch wächst die Spannung. Deutschland ist international aber immer noch sehr gut aufgestellt.

Was sollte getan werden, um zumindest wieder in Schlagdistanz zu Nationen wie Holland und Großbritannien zu kommen?

BALKENHOL: Wir müssen in der Ausbildung neue Akzente setzen, die Kaderreiter öfter in Lehrgängen auf große Aufgaben vorbereiten, ihnen vermitteln, dass auch sie Vorbildfunktion für den Nachwuchs haben. Fördern und fordern muss zur festen Devise werden. Im übrigen bleibt festzustellen, dass Holland bei der WM von Deutschland geschlagen wurde.

Der Hype um Totilas ist hierzulande verflogen. Der Hengst ist sicherlich eine Ausnahmeerscheinung, doch sein Reiter Matthias Alexander Rath scheitert immer wieder an den Einerwechseln. Deutet das auf reiterliche Schwächen hin?

BALKENHOL: Quatsch. Matthias ist ein guter Reiter. Das hat er schon mit anderen Pferden bewiesen. Die Schwächen liegen eher beim Pferd. Auch Edward Gal (Anm. d. Red.: der Niederländer wurde mit Totilas dreimal Weltmeister) hatte lange Zeit immer wieder Schwierigkeiten mit den fliegenden Wechseln. Die totale Vermarktung, verbunden mit dem großen Druck bei der Übernahme, hat Matthias allerdings nicht gutgetan.

Wie sehen Sie die deutschen Dressurchancen für die nahe Zukunft?

BALKENHOL: Darum ist mir nicht bange. Wir haben eine starke Pferdezucht, ein einmaliges Ausbildungskonzept für junge Pferde und nach wie vor starke Reiter. Daran ändert auch der Verkauf von Christoph Koschels Donnperignon, für den ich absolutes Verständnis habe, nichts. Wir werden eine schlagkräftige Mannschaft für Olympia stellen können.

Was macht Ihr Vierbeiner Dablino, schließlich ist er der Hoffnungsträger für Ihre Tochter Anabel.

BALKENHOL: Der hat seine Verletzung auskuriert und steht wieder im Aufbautraining. Den Rest wird man sehen.

Der Verein Xenophon, dem Sie vorstehen, sieht sich als Garant für die klassische Form des Dressurreitens. Welche Ziele verfolgt er genau?

BALKENHOL: Wir haben den Verein nach den Doping- und Rollkur-Skandalen gegründet. Es ist nicht unsere Absicht, jemanden zu bevormunden, allerdings stehen wir für eine fach- und pferdegerechte Ausbildung unserer Tiere. Das sind leider Dinge, die heute oftmals in Vergessenheit geraten sind.

Sie sind jetzt 72 Jahre alt. Wie lange wird es den Trainer Balkenhol noch geben?

BALKENHOL: Ich habe noch viel Spaß an der Arbeit. Derzeit reite ich noch zwei bis vier Pferde pro Tag und habe keinerlei gesundheitliche Probleme. Deshalb verschwende ich ans Aufhören noch keinen Gedanken.

Wagen wir abschließend einen Blick in die Zukunft: Was erhoffen Sie sich?

BALKENHOL: Ich wünsche mir, dass die Ausbildung weiter pferdegerecht optimiert wird. Die Kommerzialisierung schreitet zwar auch in der Dressurreiterei voran, doch ein Pferd braucht Zeit, um gut ausgebildet zu werden. Dem schnellen Drängen vieler Reiter nach Ruhm und Ehre ist meistens kein langer Erfolg beschieden, denn nur die wenigsten Vierbeiner halten die großen Anstrengungen im Viereck ohne einen zielorientierten, durchdachten und gymnastizierenden Aufbau lange durch.

ONLINE-TIPP

Bisher in dieser Serie erschienen sind Interviews mit Fechterin Anja Fichtel, Skifahrer Markus Wasmeier, Hockeyspieler Stefan Blöcher, Skilangläufer Jochen Behle, Schwimmer Michael Groß, Tennisspieler Michael Stich, Springreiter Hans Günter Winkler, Radfahrer Dietrich Thurau, Eiskunstläufer Rudi Cerne, Handballer Andreas Thiel, Leichtathlet Dieter Baumann, Rallye- fahrer Walter Röhrl, Eishockeyspieler Erich Kühnhackl, Boxer Axel Schulz und Basketballspieler Henning Hanisch. Alle Teile zum Nachlesen finden Sie im Internet unter: www.mainpost.de/sport

Klaus Balkenhol

Geboren: 6. Dezember 1939 in Velen

(Münsterland).

Wohnort: Rosendahl, BauernschaftHöven.

Familienstand: verheiratet

mit Judith.

Kinder: Anabel

Beruf: Landwirt, Polizeikommissar,

Dressurausbilder.

Verein: PSV Düsseldorf

Größte Erfolge

Olympia: Teamgold 1992 und 1996, Einzelbronze 1992; Weltmeisterschaften: Teamweltmeister 1994 und

Silber in der Kür (Einzel); Europameisterschaften: Teameuropameister

1993 und 1995, Silber in der Kür 1991; deutsche Meisterschaft: Titelgewinne 1991, 1992, 1993,

1995, 1996; Silber 1979, 1990.

Auszeichnungen: Silbernes

Lorbeerblatt, Bambi, Verdienstorden

des Landes NRW.

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