Es gab eine Zeit, da versuchte Sebastian Bayerl den eigenen Körper zu betrügen. Er versuchte Schmerzen zu ignorieren. Getrieben von dem Gedanken, "unbedingt dabei zu sein", nahm er vor jedem Training und Fußballspiel Schmerztabletten. Er war dabei. Bayerl schoss ein Freistoßtor, schlug präzise Flanken, die Mitspieler zu Kopfballtoren nutzten, er war ein Held im entscheidenden Aufstiegsspiel seines Vereins TSV Lengfeld. Das war im Juni 2005. Seitdem spielt Lengfeld in der Landesliga.
Seitdem hat Bayerl aber auch nie wieder den Rasen betreten. Und ein wenig Reue steckt heute in dem 27 Jahre alten Studenten der Betriebswirtschaft. Er sitzt im Würzburger Café Schönborn vor einem heißen Kakao und sagt: "Ich glaube, ich hab' damals etwas kaputt gemacht. Ich dachte zu dieser Zeit, ich würde es nach der Saison einfach auskurieren." Doch die Schmerzen blieben. Über Wochen. Über Monate. Über viele, viele Monate. Manchmal so schlimm, dass er an einigen Tagen kaum spazieren gehen konnte. Seit anderthalb Jahren kämpft Bayerl nun die Schlacht um die Rückkehr. Es ist sein härtestes Spiel bisher, eines mit nicht enden wollender Verlängerung.
Der ehemalige Lengfelder Außenverteidiger schleppt nämlich eine Verletzung mit sich, die zu den tückischsten im Sport zählt: entzündete Schambeinknochen. Das Problem: Bayerl weiß nicht, woher die Schmerzen kommen, die so sind, als "ob mich jemand von unten sticht", wie er sagt. Es ist eine "Phantom-Verletzung". Niemand kann ihm sagen, wie die Therapie aussehen soll. Dabei hat Bayerl nichts unversucht gelassen.
Zehn Ärzte suchte er auf, acht Physiotherapeuten klapperte er ab, er kennt die Preise von allen, er war in Frankfurt, in München, in Regensburg, er sagt, er habe Deutschland kennen gelernt. Sogar prominente Ärzte kontaktierte er: Adolf Katzenmeier, Physiotherapeut des DFB-Teams, und Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, DFB-Arzt. Die Reise durch die Praxen der Republik hat Bayerl bisher rund 2000 Euro gekostet und ernüchterte Erkenntnisse gebracht: "Man hört so viel." Vor allem viel Gegensätzliches. Der Student glaubte sogar einem Arzt, der bei ihm Zusammenhänge von Weisheitszähnen und Schambein zog: Also ließ Bayerl sich alle vier ziehen, was probiert man nicht alles, wenn man unbedingt wieder Fußball spielen will? Geholfen hat es nicht. Zurzeit trägt er einen Gürtel, der die Beckenknochen zusammendrücken soll.
Immerhin denkt Bayerl weiterhin positiv: "Kein Arzt hat gesagt, dass es nie mehr gehen wird." Keiner hat allerdings auch gesagt, wie es wieder gehe. Er schwebt also in einem schier endlosen Raum zwischen Hoffnung und Resignation.
Von klein auf hatte Bayerl einst ein sehr bewegungsaktives Leben geführt. Beide Eltern sind Sportlehrer, er spielte Tennis, Squash, zweimal die Woche ging er ins Fitnessstudio, und natürlich war da der TSV Lengfeld, mit dem er Aufstieg um Aufstieg schaffte. Ernsthafte Verletzungen kannte der gut durchtrainierte Bayerl lange Zeit nicht. Erst im Herbst 2004, im Alter von 25 Jahren, riss bei ihm mal eine Muskelfaser. Dann kam der April 2005. Plötzlich dieses heimtückische Stechen in der Hüfte. Immer wenn er sich drehte. Es wollte nicht mehr aufhören. Er nahm Schmerzpillen. Dann hörte er auf zu spielen. Er wartete. Und tut es bis jetzt. "Das Schlimmste ist, nichts zu tun", sagte Bayerl jetzt, wo die Inaktivität an ihm nagt: "Man fällt in ein Loch." Zumindest wird es besser. Er joggt mittlerweile, er fährt Rad und wandert mit der Freundin. Doch wann und ob er je wieder spielen wird, das kann nur die Zeit beantworten.
Als er kürzlich Dr. Müller-Wohlfahrt besuchte, argumentierte dieser, dass es an der Lendenwirbelsäule liege, dass diese die Statik der Hüfte verzieht. Der Arzt folgerte, man könne es hinbiegen, und so weit weg wäre der Fußball dann nicht mehr. Es ist Sebastian Bayerls frischeste Hoffnung. Noch will er nicht aufstecken.