Würzburg

Gnaden- oder Scharfrichter: Die 16 000 Fälle des Herbert Fehrer

Was lernt man über die Gesellschaft nach 22 Jahren als Sportrichter? Einiges, wie Herbert Fehrer sagt. Nach seinem Abschied gibt er Einblicke in eine sonst eher verschlossene Welt.
Wenn es hoch her ging beim Fußball-Nachwuchs, waren hinterher Herbert Fehrer und seine Kollegen des Jugendsportgerichts gefragt. In dieser Szene bleibt alles  im Rahmen.
Foto: Heiko Becker | Wenn es hoch her ging beim Fußball-Nachwuchs, waren hinterher Herbert Fehrer und seine Kollegen des Jugendsportgerichts gefragt. In dieser Szene bleibt alles im Rahmen.

Wer sich als Fußballer etwas zu Schulden kommen lässt, landet in der Regel vor dem Sportgericht – nicht immer persönlich. Die meisten Fälle werden auf Grundlage schriftlicher Einlassungen verhandelt. Nur bei schwereren Vergehen muss ein Täter vor Gericht erscheinen, um dort auszusagen und zur Aufklärung beizutragen. Er sitzt dann vor einer dreiköpfigen Kammer – und vor Leuten wie Herbert Fehrer, der 22 Jahre lang Mitglied erst im Kreissportgericht Würzburg und dann im Jugendsportgericht Unterfranken war. Jetzt hat der langjährige Funktionär des SV Theilheim mit 75 Jahren – nicht ganz freiwillig – aufgehört. Fehrer blickt zurück auf mehr als 16 000 Fälle. Welcher war sein spektakulärster? Was war die härteste Strafe, die er aussprach? Und: Sieht er sich im Rückblick eigentlich als strenger Richter?

Herr Fehrer, wenn man 22 Jahre Sportrichter war, was lernt man dann über die Gesellschaft im Allgemeinen und die Fußballer im Besonderen?

Herbert Fehrer: Man lernt vor allem, dass sich die Gesellschaft und der Fußball immer wieder wandeln. Ich erinnere mich noch lebhaft, als mein Heimatverein, der SV Theilheim, vor 20 Jahren gegen Randersacker gespielt hat: Da herrschte – wie bei vielen Derbys – einerseits Festtagsstimmung, andererseits war es eine regelrechte Schlacht. Das hat sich danach zum Glück wieder beruhigt, weil die meisten der beteiligten Spieler einander von Partys oder aus der Schule kennen. Leider muss man feststellen, dass seit einiger Zeit die Gewaltdelikte auf dem Fußballplatz wieder steigen.

Sie waren zunächst im Kreissportgericht für Erwachsene zuständig und saßen danach im Jugendsportgericht. Gab es da Unterschiede in der Qualität der Fälle?

Fehrer: Ja, die gab es. In meiner Zeit beim Kreissportgericht hatten wir im Jahr vier, fünf mündliche Verhandlungen, immer nach schweren Delikten. Im Jugendsportgericht hatten wir in sieben, acht Jahren eine einzige. Das hat auch mit den Entfernungen zu tun. Wenn in der U15 die eine Mannschaft aus Aschaffenburg kommt und die andere aus Großbardorf, überlegt man schon, ob man eine mündliche Verhandlung in Würzburg ansetzt. Da muss schon was Schlimmes vorgefallen sein.

Aber wären nicht gerade bei der Jugend mehr mündliche Verhandlungen sinnvoll, um eine erzieherische Wirkung zu erzielen?

Fehrer: Das liegt immer im Ermessen des Vorsitzenden. Von der Schwere der Fälle war das aber meistens nicht nötig. Es gab mal einen Fall in Kitzingen mit der U17, bei dem wir sagten: Da müssen wir die Beteiligten anhören. Das haben wir dann auch getan. Bei der Jugend werden die Spiele ja oft von jungen Schiedsrichtern gepfiffen, und da gab es mal den Fall, dass sich der Schiedsrichter und derjenige, der sich daneben benahm, am nächsten Tag in der Schule wiedersahen.

"Man steht oft da und weiß: Da wird gelogen, dass sich die Balken biegen."
Herbert Fehrer über den Alltag des Sportrichters
Wenn man es immer wieder mit menschlichen Verfehlungen zu tun hat, bekommt man dann unter Umständen ein schiefes Bild der Gesellschaft?

Fehrer: Die Gefahr liegt nahe, ja. Man muss aber differenzieren. Die Erwachsenen sind in der Regel für sich selbst verantwortlich. Bei den Jugendlichen, vor allem den ganz Kleinen, stecken mitunter die Eltern dahinter. Typisches Beispiel: Der eigene Sprössling wird auf dem Platz angegangen und der Vater schreit von außen sein: Lass dir das nicht gefallen!

Wie oft hatten Sie speziell bei Jugendlichen den Eindruck, dass das Elternhaus versagt hat?

Fehrer: Ach, gar nicht mal so oft. Die Eltern waren ja froh, wenn ihre Sprösslinge etwas Vernünftiges machen, und standen auch dahinter.

Muss das Sportgericht bisweilen ausbaden, was die Gesellschaft an Problemen verursacht hat?

Fehrer: Na ja, die Leute machen es sich einfach und sagen: Dafür sind die ja da beim Sportgericht, um den einen oder anderen auf den richtigen Weg zu bringen. Aber man steht bei mündlichen Verhandlungen oft da und weiß: Da wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Wir schauten uns dann bei der Urteilsfindung an und fragten uns: Wer sind die Guten, wer die Schlechten? Wenn einer immer nur Unsinn erzählt, braucht man Fingerspitzengefühl und Erfahrung.

Herbert Fehrer war 22 Jahre als Sportrichter im Einsatz. 'Mir fällt jetzt kein Fall ein, wo wir völlig schief lagen', sagt er.
Foto: BFV | Herbert Fehrer war 22 Jahre als Sportrichter im Einsatz. "Mir fällt jetzt kein Fall ein, wo wir völlig schief lagen", sagt er.
Wie kommt man der Wahrheit auf den Grund?

Fehrer: Das ist eine Frage des Vorgehens. Wenn die Stellungnahmen der Vereine kommen, weiß man meistens schon: Das ist die Standardausrede. Ich habe bei einer Spielabsage zum Beispiel oft gesagt: Das riecht ja schon durchs Telefon.

Bekommt man bei mündlichen Verhandlungen ein Gefühl für die Wahrheit?

Fehrer: Ja. Ich habe Betroffene immer gefragt: Wären Sie denn bereit, Ihren Fehler einzugestehen und sich beim Gegner zu entschuldigen? An der Reaktion habe ich gesehen, was Sache ist. Man muss allerdings dazusagen: In 90 Prozent der Fälle war es so, dass sich die Betroffenen über den Tisch die Hand gaben. Damit war die Kuh vom Eis.

Die Ideallösung für Sie?

Fehrer: Die beste Lösung für alle: für die Betroffenen und für mich. Denn was nützt es, wenn gar nichts zustande kommt, wie neulich bei einem krassen Fall in Karlstadt, der auch noch zivilrechtlich weiterging? Das kann nicht im Sinne des Fußballs sein.

Was war Ihr spektakulärster Fall in 22 Jahren?

Fehrer: Mit dieser Frage habe ich gerechnet, und ich muss ehrlich sagen: Ich weiß es nicht. Es gibt in jeder Hinsicht Fälle, über die man sich wundert. Wir hatten mal eine mündliche Verhandlung nach einem Spiel im Kitzinger Raum. Da saß ein Spieler, der nicht als Kind von Traurigkeit bekannt war, neben einem Mannschaftskameraden und sagte plötzlich zu ihm: "Mensch, jetzt sag doch, wie es war. Klar hast du hingehaut." So etwas erlebt man selten. Uns hat es die Arbeit erleichtert – und Respekt abgenötigt. Wobei unser damaliger Vorsitzender Klaus Ullrich immer sagte: Ehrlichkeit wird belohnt.

Wie viele Fälle haben Sie insgesamt verhandelt?

Fehrer: Darüber gibt es eine private Statistik: Bei 16 000 habe ich aufgehört zu zählen. Das liegt auch daran, dass ich über zwei, drei Jahre eine Doppelfunktion hatte – im Kreissportgericht und im Juniorensportgericht – und dass zum Beispiel auch ein Spielausfall zu den Delikten zählt. Es ist eine wahnsinnige Zahl, über die ich selbst erschrocken bin. Aber ich kann damit niemandem imponieren, weil Otto Normalzuschauer mit dieser Zahl nichts anfangen kann.

Waren Sie ein strenger Richter?

Fehrer: (lacht) Wir haben uns immer gegenseitig gefrotzelt. Mal waren wir das Gnadengericht und mal die Scharfrichter. Der Gradmesser war für uns die Zahl der Berufungen. Wir hatten in der Regel ein bis zwei im Jahr. Daran konnte man ersehen, dass wir unsere Arbeit nicht so schlecht machten. Sonst hätten die Vereine Urteile häufiger überprüfen lassen.

"Wir haben mal einen Schiedsrichter gesperrt. Das war schon hart."
Herbert Fehrer über seine härteste Strafe
Mussten Sie sich trotzdem mal einen Irrtum eingestehen?

Fehrer: Man tut das ungern, ganz klar. Wer gibt schon gerne einen Fehler zu? Mir fällt jetzt aber kein Fall ein, wo wir völlig schief lagen. Gerade nach mündlichen Verhandlungen ist man sich unsicher, ob man alles richtig gemacht hat. Ich war ja auch Schöffe am Amtsgericht. Auch da sagt der Richter schon mal, dass ihm bei einem Urteil nicht wohl sei.

Dann entscheidet der Zweifel für den Angeklagten?

Fehrer: Richtig, das war immer unser Maßstab.

Erinnern Sie sich an die härteste Strafe, die Sie ausgesprochen haben?

Fehrer: Wir hatten mal den Fall eines Schiedsrichters, der zu einem türkischen Spieler sagte: "Auch wenn du einen deutschen Schäferhund hast, bist du noch kein Deutscher." Daraufhin haben wir den Schiedsrichter gesperrt. Das war schon hart.

Sind Sie mit den Jahren milder geworden?

Fehrer: Ja, ich denke schon. Gewisse Dinge kann man, wenn man älter ist, besser verstehen. Und dann wird man milder und bekommt ein dickes Fell.

Was hat Sie denn nach 22 Jahren dazu bewogen aufzuhören?

Fehrer: Da gab es mehrere Dinge. Zum einen, dass der SV Theilheim seine Fußballabteilung aufgelöst hat – aus nicht nachvollziehbaren Gründen. Mein Vater war 1949 Gründungsvorstand, damals war ich stolze vier Jahre alt. Mir wurde der Fußball quasi in die Wiege gelegt. Ich war Spieler, Schiedsrichter und im Verein alles außer Platzwart. Dann löst man die Abteilung Knall auf Fall auf. Das ging mir schon nahe. Der Verein besteht ja noch, weil er acht weitere Abteilungen hat, nur halt die Fußballer nicht mehr. Ich hätte mir also als Mitglied des Sportgerichts mit 75 Jahren noch einen anderen Verein suchen müssen, um in dieser Funktion weiterzumachen. Das sieht der Verband so vor. Da wäre ich mir blöd vorgekommen.

Und die weiteren Gründe?

Fehrer: Ich bin jetzt 75. Gerhard Weißenberger, mit dem ich im Jugendsportgericht Seite an Seite saß, ist 77. Das hat gepasst zwischen uns. Jetzt sollen die Jüngeren mal ran. Wir hatten eigentlich vor, bis Ende der Periode 2022 weiterzumachen. Aber dann kam Corona. Auch wenn es mir immer viel Spaß gemacht hat: Irgendwann ist halt mal Schluss.

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