Fussball: 2. Bundesliga

Rachid Azzouzi: "Wir haben  hohe Ansprüche an uns selbst"

Der Geschäftsführer Sport sieht die Spvgg Greuther Fürth auf einem guten Weg. Vor dem Frankenderby spricht er über Chancen, Zwänge und Johannes Geis.
Gut gelaunt: Geschäftsführer Rachid Azzouzi (Mitte) mit Trainer Stefan Leitl (rechts) und Co-Trainer Andre Mijatovic nach dem Sieg im Fürther Heimspiel gegen Darmstadt. 
Foto: Foto Melanie Zink, imago | Gut gelaunt: Geschäftsführer Rachid Azzouzi (Mitte) mit Trainer Stefan Leitl (rechts) und Co-Trainer Andre Mijatovic nach dem Sieg im Fürther Heimspiel gegen Darmstadt. 

Helmut Hack, der für die SpVgg Greuther Fürth eine ähnliche Bedeutung hatte wie ein Uli Hoeneß für den FC Bayern München, ist nicht mehr da. Der Erfinder des Fusionsvereins und langjährige Präsident hat sich in den Ruhestand zurückgezogen. Sein Nachfolger Fred Höfler kümmert sich in erster Linie um den eingetragenen Verein. Holger Schiewagner und Rachid Azzouzi bestimmen in der neuen Struktur als Geschäftsführer nun die Geschicke der Profis. Sie sind aber beide lange im Verein, wurden noch unter Hack installiert und führen dessen Arbeit fort - mit eigenen Akzenten, natürlich. Vor dem 265. Derby gegen den 1. FC Nürnberg am Sonntag im Ronhof haben wir uns mit dem für den Bereich Sport zuständigen Azzouzi unterhalten.  

Frage: Herr Azzouzi, hätten Sie erwartet, dass die Zweitliga-Tabelle so ausschaut vor dem Derby, dass die SpVgg Greuther Fürth eine ganze Ecke weiter vorne steht als der 1. FC Nürnberg?

Rachid Azzouzi: Seit 1997 bin ich jetzt in Fürth, mit einer fünfjährigen Unterbrechung, und weiß eines ganz sicher: Es hat uns immer stark gemacht, wenn wir auf uns geschaut haben und nicht zum Nachbarn oder woanders hin. Wir haben einen hohen Anspruch an uns selbst, wollen selbstbewusst sein und das maximal Mögliche in einer Saison erreichen, bei aller Demut, die wir leben. Deshalb war ich sehr zuversichtlich, dass wir  eine gute Rolle spielen können.

Und die spielen Sie ja auch.

Azzouzi: Mit dem Weg durch die bisherige Saison bin ich zufrieden, mit der Punktausbeute nicht. Wir haben schon einiges liegen gelassen. Besonders ärgerlich war das Pokalspiel in Duisburg und das Heimspiel gegen Kiel, wo wir beide Male einfach nicht gut performt haben. Alle anderen Spiele haben wir fußballerisch sehr gut gelöst.

Woran fehlt es noch? Es scheint, als wäre die Mannschaft nicht  in der Lage, 90 Minuten lang die Kontrolle über den Gegner auszuüben. Wie zuletzt in Sandhausen, als Sie nach 2:1-Führung noch 2:3 verloren haben.

Azzouzi: Wir müssen sehen, wo wir herkommen. Vor eineinhalb Jahren wären wir fast abgestiegen. Wir sind auf hohem Niveau kritisch, dürfen aber nicht vergessen, welche Entwicklung die Mannschaft genommen hat. Dafür gebührt ihr Wertschätzung. Wir spielen Fußball, mit dem Ball am Fuß und am Boden. Nun geht es darum, die nächsten Schritte zu machen. Wir stellen die drittjüngste Mannschaft der Liga, wieder mal. Manchmal erkennen wir noch nicht, dass wir besser sind als der Gegner. Wir müssen das Gefühl entwickeln, wann wir Spiele entscheiden können. Da fehlt noch die Erfahrung.

Wir beschweren uns nicht. Wir wünschen uns aber etwas mehr Wertschätzung für das, was wir machen.
Rachid Azzouzi über die öffentliche Wahrnehmung seines Vereins

Greuther Fürth wird als der Dino der zweiten Liga bezeichnet. Nie abgestiegen, aber auch nur einmal aufgestiegen. Mancher findet das langweilig. Ärgert Sie das?

Azzouzi: Wir beschweren uns nicht. Wir wünschen uns aber etwas mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung für das, was wir machen. Wenn wir unsere Arbeit nachhaltig gestalten, wird das aber wieder so kommen.

Ihr Geschäftsführer-Kollege Holger Schiewagner musste kürzlich mal wieder dementieren, dass es ein internes Aufstiegsverbot gebe. Darf man sportlich davon träumen?

Azzouzi: Es geht nicht ums Träumen. Es geht um eine Entwicklung. Die Aussage „Die dürfen nicht aufsteigen“ war schon früher ein ständiges Thema, das genervt hat, bis wir 2012 dann aufgestiegen sind. Ein totaler Blödsinn, denn aufzusteigen, bedeutet ja keinen wirtschaftlichen Nachteil. Höchstwahrscheinlich wirst Du ein Bundesliga-Jahr mit Gewinn abschließen und schaffst damit eine Basis für das Jahr danach, selbst wenn Du wieder absteigen solltest. Wir haben sportlich hohe Ansprüche an uns selbst, aber wir hängen das nicht an dem Tabellenplatz auf.

Mit Branimir Hrgota und Harvard Nielsen haben Sie zwei erfahrene Stürmer dazugewinnen können. Wie schwierig war das, auch wenn Hrgota ablösefrei zu haben war?

Azzouzi: Wir gucken immer nach ablösefreien Spielern, das kennt man ja von uns. In der Regel haben wir bei Transfers ein größeres Plus. Es ist ein Stück unserer Philosophie, Spieler zu entwickeln und die Besten zu verkaufen. Als Sport-Geschäftsführer würde ich am liebsten die Besten halten und noch Bessere dazu holen. Aber das funktioniert in Fürth leider nicht, dafür haben wir die wirtschaftlichen Voraussetzungen nicht. Aber da jammern wir nicht rum. Hrgota hatte in Frankfurt zwei Jahre fast nicht gespielt. Nielsen hat in Düsseldorf und vorher Freiburg auch nicht seine beste Zeit gehabt. Nur so kriegen wir so ein Potenzial, wie es die beiden haben. Wenn wir sie an ihr Leistungsmaximum heranführen, kann es auch sein, dass wir sie wieder abgeben müssen.

Auf der einen Seite haben Sie einen Hrgota, der schon international gespielt hat – auf der anderen Seite Innenverteidiger Maximilian Bauer, der erst 19 ist und als 13-Jähriger aus Deggendorf gekommen ist. Von solchen Talenten aus dem eigenen Stall gibt es nicht mehr viele im Kader.

Azzouzi: Da sind wir wieder auf einem besseren Weg. In der Nachwuchsarbeit hatten wir eine Delle. Es braucht noch Zeit, um das Niveau der Vergangenheit wieder zu erreichen. Vieles hat sich aber auch verändert im Vergleich zu den Jahren, wo wir am Fließband solche Spieler produziert haben.  Spieler aus den Nachwuchsleistungszentren  werden schon frühzeitig von den ganz großen Vereinen abgeworben. Das bedeutet, dass bei uns nicht immer die Topspieler durchkommen, sondern manchmal die Zweitbesten. Das ist schade, denn bei uns ist die Möglichkeit, Profi zu werden, noch sehr hoch. Und du hast noch immer die Möglichkeit, als gestandener Profi zu einem Bundesligisten zu wechseln, anstatt mit 15 oder 16 zu gehen und mit 18 oder 19 wieder bei uns vor der Tür zu stehen. Das passiert sehr oft. Aber die Erkenntnis ist gewachsen, dass Fürth wieder für etwas steht: Die arbeiten mit dem Jungen, die machen ihn besser. Ich bekomme mittlerweile von Bundesligisten Anfragen für eine sportliche Kooperation. Aber das machen wir nicht, wir entwickeln nicht für einen anderen Verein, von ausgeliehenen Spielern haben wir nichts.

Die Trennung von Trainer Damir Buric zu Beginn des Jahres ist Ihnen, wie man hört, sehr schwer gefallen?

Azzouzi: Das stimmt. Sie hatte nichts mit der Qualität des Trainers zu tun, sondern leider mit Situationen, die im Fußball manchmal in die verkehrte Richtung laufen. Wir haben versucht, mit einem anderen Input wieder in die Spur zu kommen. Damir Buric leistet bei Hajduk Split, einem der Top-Vereine in Kroatien, jetzt wieder gute und erfolgreiche Arbeit.

Mit Stefan Leitl haben Sie aber einen Nachfolger gefunden, mit dem es gut zu passen scheint.

Azzouzi:  Stefan verkörpert vielleicht noch ein Stück mehr diesen Fürther Weg, wie wir auf dem Platz auftreten wollen: spielerische Lösungen, hohes Pressing, den fußballerischen Ansatz, der uns vor fast zehn Jahren mit Mike Büskens als Trainer hohe Anerkennung gebracht und den Weg in die Bundesliga geebnet hat. Wir sind damals nicht zufällig aufgestiegen, sondern hochverdient.

Welchen Spielern bescheinigen Sie eine besonders gute Entwicklung?

Azzouzi: Maxi Bauer ist ein großes Innenverteidiger-Talent, der bei anderen Klubs schon auf dem Zettel steht. Wir haben mit Paul Seguin vielleicht den neben Adrian Fein vom HSV strategisch besten Mittelfeldspieler der Liga, der ein großes Potenzial hat. Wir haben mit Hans Sarpei einen hochveranlagten Sechser, der noch Spiele braucht. Ich könnte auch noch einige andere nennen. Um die drei Stürmer, die wir haben, beneiden uns – von den Top-Mannschaften abgesehen – viele andere Vereine. Egal wo wir spielen, da klingt immer sehr viel Anerkennung durch. Schön wäre es natürlich, wenn diese Anerkennung in noch mehr Toren münden würde.

Besteht die Gefahr, dass Profis in Fürth ein zu ruhiges Leben haben – ohne den Druck, dem Spieler bei größeren Vereinen auch medial ausgesetzt sind?

Azzouzi: Die besteht. Manchmal ist vielleicht zu viel Friede, Freude, Eierkuchen. Deshalb werden wir nicht aufhören, unsere Ansprüche intern zu formulieren.

Da Sie in der Wolle grün gefärbt sind, können Sie schlecht sagen, dass das Derby ein Spiel wie jedes andere ist und auch nur drei Punkte bringt…

Azzouzi: Natürlich geht es darum, wie wir danach  herumlaufen können bis zum Rückspiel. Und wir wollen positiv herumlaufen. Es ist unser Heimspiel. Der Club hat eine gute Mannschaft, aber wir auch. Wir wollen einfach an diesem Tag zeigen, dass der Ronhof uns gehört. Ich bin seit 1997 da, wir haben sehr viele Derbys gespielt seitdem, die gleiche Ligazugehörigkeit ist ja eher die Regel denn die Ausnahme. In den meisten haben wir gut performt, aber am Sonntag zählt nichts, was in der Vergangenheit war.

Johannes Geis, der Torschütze beim legendären Fürther 1:0-Sieg im Nürnberger Stadion in der gemeinsamen Bundesliga-Saison, kommt nun im anderen Trikot zurück.

Azzouzi: Dass der Geisi einen Superschuss hat, wissen wir, schließlich ist er über Jahre bei uns ausgebildet worden. Wir haben ihn als 17-Jährigen schon in einem Zweitliga-Spiel eingesetzt. Welches Talent wir ihn ihm gesehen haben, hat sich bei seinem Weg bis nach Schalke bestätigt. Schnell war er nie, aber dafür ist er schnell im Kopf - und sein rechter Fuß ist schon mehr als gut.

Ich möchte dazu beitragen, dass der Fußball wieder mehr im Fokus ist.
Rachid Azzouzi zu seiner Berufung in die DFL-Kommission

Sie sind vor kurzer Zeit in die DFL-Kommission berufen worden und sind damit einer von vier Vertretern der Zweiten Bundesliga. Was wollen Sie bewirken?

Azzouzi: Es hat mich gefreut, dass ich dazu bestimmt worden bin. Ich möchte dazu beitragen, dass der Fußball wieder mehr im Fokus ist. In den letzten Jahren hat sich zu viel hin zur Show verändert. Das werden vielleicht keine weltbewegenden Dinge sein. Dass die Zahl der Ersatzspieler auf der Bank in dieser Saison von sieben auf neun hochgesetzt wurde, ist schon auf Fürther Initiative hin passiert.

Finden Sie bei Hasan Salihamidzic oder Max Eberl, die mit ihren Vereinen andere Probleme haben, in der Kommission denn Interesse und Gehör?

Azzouzi: Ich glaube schon. Mit Max habe ich noch zusammen gespielt, wir kennen uns gut. Natürlich sind die Probleme der ganz Großen wichtiger als unsere. Vielleicht hätte Fürth gerne eine kürzere Sommerpause, weil jeder Tag ohne Training und Spiel ein wirtschaftlich verlorener Tag ist. Aber der Rahmenterminkalender muss natürlich berücksichtigen, dass Bayern München ungefähr 70 Spiele in der Saison hat und die Profis noch abstellt zu den großen Turnieren. Das Regenerationszeit nötig ist, kann ich natürlich einschätzen. Aber ich kann den großen Vereinen auch mal die Probleme der Kleinen nahebringen. Probleme, die Hasan nie erlebt hat – außer vielleicht, als er von Bosnien nach Deutschland gezogen ist.

Zur Person
Rachid Azzouzi (48) kam in Marokko zur Welt, zog jedoch als Kind mit seiner Familie nach Deutschland und wuchs im Rheinland auf. Als Profi absolvierte der offensive Mittelfeldspieler 64 Bundesliga- und 260 Zweitliga-Partien.  Für die SpVgg Greuther Fürth stand er zwischen 1997 und 2004 alleine 169 Mal auf dem Rasen. Mit Marokko nahm er an den Weltmeisterschaften 1994 und 1998 sowie an den Olympischen Spielen 1992 teil. Von 2005 bis 2012 war Azzouzi Assistent der Geschäftsführung, Team-Manager und Sportmanager in Fürth. Zwei Engagements als Sportdirektor beim FC St. Pauli und bei Fortuna Düsseldorf endeten danach vorzeitig. Seit November 2017 arbeitet Azzouzi wieder bei Greuther Fürth, zunächst als Sportdirektor und seit August letzten Jahres als Geschäftsführer Sport.
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