Nordheim

Svenja Betz schnuppert in Belgien Profiluft

Die Nordheimerin fährt seit dieser Saison für ein belgisches Profi-Radsportteam. Warum sie bei ihren ersten Einsätzen gleich die ganze Härte des Profiradsports zu spüren bekommt.
Svenja Betz aus Nordheim fährt seit dieser Saison für das belgische Profi-Radsportteam Rupelcleaning.
Foto: Anke Betz | Svenja Betz aus Nordheim fährt seit dieser Saison für das belgische Profi-Radsportteam Rupelcleaning.

Den 23. August 2020 hat Svenja Betz noch ganz genau in Erinnerung. Bei der deutschen Radsport-Meisterschaft der Elitefahrerinnen am Sachsenring stand die Nordheimerin ganz knapp vor der großen Überraschung. Nachdem sie 25 Kilometer alleine vor dem Feld gefahren war, fehlten ihr am Ende nur wenige Meter zum Meistertitel. Aus Tränen der Enttäuschung wurden im Ziel aber sehr schnell Freudentränen. Wie sich einige Wochen später zeigen sollte, hatte ihr beherzter Auftritt im Feld der besten deutschen Radfahrerinnen nämlich mächtig Eindruck hinterlassen.

Deutsche Meisterschaft als Türöffner

"Für meinen weiteren Weg war die deutsche Meisterschaft das entscheidende Rennen. Dort bin ich dem Chef eines größeren Teams aufgefallen und er hat mir sehr dabei geholfen, einen Platz in einem Profiteam zu bekommen", sagt Betz. So kam es, dass die 25-Jährige am Ende ihrer zweiten Saison im Radsport tatsächlich den nächsten Schritt gehen konnte und zum belgischen Team Rupelcleaning wechselte. Eine Mannschaft, für die der Profiradsport genauso wie für Betz selbst Neuland ist. "Eigentlich war Ende Oktober der Zeitpunkt für einen Wechsel schon relativ spät. Da das Team aber erstmals eine UCI-Lizenz bekommen hatte, war noch Platz für einige ausländische Fahrerinnen."

Die Aussicht auf ihr Profidebüt hat bei Betz für zusätzliche Motivation gesorgt. Daher arbeitet sie nun seit November mit einem eigenen Trainer zusammen. "Er schreibt mir individuelle Trainingspläne, sodass ich insgesamt noch professioneller trainieren kann." Der kalte Winter und der viele Schnee erschwerten jedoch die Vorbereitung auf Betz' erste Profisaison. "Ich hätte gerne auch ein Trainingslager, beispielsweise auf Mallorca, absolviert. Wegen Corona ging das natürlich nicht und so habe ich viel auf der Rolle und zum Teil auch im Schneematsch trainiert."

Neun Frühjahrsklassiker mit den besten Fahrerinnen der Welt

Die Vorfreude auf das Frühjahr hat das aber nicht getrübt. Im Gegenteil. Bereits Mitte Februar machte sich die Nordheimerin, die in Münster studiert, auf den Weg nach Belgien. Aufgrund der Corona-Pandemie benötigte sie zunächst einige Dokumente, um überhaupt in das Nachbarland einreisen zu können. "Ich bin bis dato nur einmal ein Rennen in Belgien gefahren. Daher war ich bereits zwei Wochen vor dem ersten Rennen dort, um mich auf die Frühjahrsklassiker bestmöglich vorbereiten zu können." Wie bei den Klassikern der Männer standen auch bei den Frauen einige berühmte Anstiege und Pflastersteinpassagen auf dem Programm. 

Ihre Solofahrt bei der deutschen Meisterschaft im August 2020 war für Svenja Betz der Türöffner für den Profiradsport.
Foto: Rainer Völkl | Ihre Solofahrt bei der deutschen Meisterschaft im August 2020 war für Svenja Betz der Türöffner für den Profiradsport.

Bei einem Eintagesrennen in Flandern feierte Svenja Betz Ende Februar ihr Debüt im Profiradsport. Im März und April folgten insgesamt acht weitere Frühjahrsklassiker. Zum Teil handelte es sich um World-Tour-Rennen, der höchsten Kategorie im Radsport. "Für mich war das natürlich etwas ganz Anderes, als das, was ich bis dahin gekannt habe. Zum einen waren die Distanzen deutlich länger als beispielsweise bei den Bundesliga-Rennen, zum anderen waren die Felder mit bis zu 170 Fahrerinnen auch viel größer." Da in Corona-Zeiten aktuell weniger Rennen stattfinden, waren auch bei den kleineren Rennen viele große Teams am Start. "Das Niveau war dadurch noch einmal höher", so Betz.

Nach einigen Stürzen mental am Boden

Nachdem sie ihr erstes Rennen noch unbeschadet überstanden hatte, gab es in den folgenden Wochen jedoch einige Rückschläge. "Bei meinem zweiten Rennen bin ich gleich zu Beginn gestürzt und musste hinter den Begleitfahrzeugen her fahren. Von meinem Team wurde ich dann aus dem Rennen genommen", sagt Betz. Auch bei den weiteren Frühjahrsklassikern wurde die 25-Jährige immer wieder von Stürzen ausgebremst und erreichte einige Male nicht das Ziel. "In einem Rennen bin ich sogar gleich zweimal gestürzt. Mental war das natürlich schon sehr belastend und ich hatte später teilweise etwas Angst, im Feld zu fahren", gibt Betz zu.

Auch eine Windkante sei ihr einmal zum Verhängnis geworden, sodass sie frühzeitig abgehängt wurde. "Die Profirennen sind eben sehr stark von der Taktik und von Positionskämpfen geprägt. Wenn man da an gewissen Stellen nicht gut positioniert ist, hat man kaum eine Chance. Der Positionskampf im Feld ist mir aber sehr schwer gefallen, da muss ich noch viel lernen", zeigt sich Betz selbstkritisch. Nachdem sie in den letzten drei Rennen aber wieder das Ziel erreicht hatte, blickt sie dennoch zufrieden und mit einem guten Gefühl auf ihr erstes Saisondrittel im Profiradsport zurück.

Internationale WG mit Sportlerinnen aus Irland, Finnland und Kroatien

"Die vergangenen zehn Wochen in Belgien waren eine unglaublich aufregende Zeit für mich. Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Chance bei einem Profiteam bekommen habe. In der aktuellen Situation überhaupt Rennen fahren zu dürfen, ist nicht selbstverständlich", ist Betz demütig. Dabei denkt sie auch an ihre ehemaligen Teamkollegen, die aktuell nur trainieren können und darauf hoffen, dass in dieser Saison noch Bundesliga-Rennen stattfinden. "Umso mehr habe ich in den letzten Wochen das Leben als Profisportlerin genossen."

Völlig neu waren für Betz beispielsweise Massagen oder der Radiofunk während der Rennen. "Um mich herum wurde eigentlich alles organisiert. Ich musste mich wirklich nur noch um sich selbst kümmern." In der Zeit zwischen den Rennen lebte Betz zusammen mit einigen ihrer Teamkolleginnen in einer WG. "Das war eine sehr aufregende Zeit, da die Fahrerinnen aus Irland, Finnland und Kroatien kommen. Dadurch lernte ich auch viel über andere Kulturen." Letztlich konnte sie das Profileben in den letzten Monaten aber nur genießen, da an der Uni gerade Semesterferien waren.

Mit dem Radsport verdient Svenja Betz noch kein Geld

In den nächsten Monaten muss die Nordheimerin nun aber Studium und Radsport unter einen Hut bekommen. "Das wird sicherlich nicht einfach. Aber zum Glück finden die meisten Veranstaltungen zur Zeit online statt. Alleine auf den Radsport kann ich mich nicht konzentrieren, denn aktuell verdiene ich damit keinen einzigen Cent", sagt Betz. Dennoch freut sie sich bereits auf die nächsten Rennen im Mai und Juni. "Ich will in diesem Jahr einfach so viel Erfahrungen wie möglich sammeln." Und dann ist da auch noch die deutsche Meisterschaft, bei der Betz Ende Juni erneut für Furore sorgen möchte.

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