Großbardorf

Warum Michael Urbansky die Entwicklung einer Fehlerkultur so wichtig ist

Michael Urbansky weiß, wie Training von der Pike auf geht. Er koordiniert die 15 nordbayerischen DFB-Stützpunkte und ist dafür im Jahr 40000 Kilometer unterwegs. Außerdem ist er Bundestrainer der weiblichen U19-Nationalmannschaft beim DFB.
Foto: Rudi Dümpert | Michael Urbansky weiß, wie Training von der Pike auf geht. Er koordiniert die 15 nordbayerischen DFB-Stützpunkte und ist dafür im Jahr 40000 Kilometer unterwegs.

"Wir sind nicht da, um euch zu motivieren. Das müsst ihr schon selber. Wir sind da, um eure Motivation hochzuhalten und euch in eurer sportlichen und persönlichen Entwicklung zu fördern und zu unterstützen." Sagte Michael Urbansky, der als Koordinator der 15 nordbayerischen DFB-Stützpunkte 40000 Kilometer im Jahr unterwegs ist. Letzten Montag besuchte er die Jungen und Mädchen des Jahrgangs 2008 am Ende ihrer ersten Trainingseinheit in Vierer-Gruppen seit mehr als einem halben Jahr in der Großbardorfer Bioenergie-Arena.

Dabei signalisierten ihm deren Augen, dass es an ihnen nicht scheitern soll. Ein paar Mal zuvor – und das zeichnet die intensive Förderung durch den Stützpunkt Großbardorf aus – holte man die Talente aus der kombinierten Corona-Winterpause heraus zu ganz speziellen, aber Hygiene- und Abstand-technisch erlaubten Trainingseinheiten auf den Kunstrasen an der Unterhofer Straße: 160 Minuten lang kümmerten sich vier Trainer je 40 Minuten ganz individuell um je einen Spieler, so intensiv, wie es sonst nie möglich ist – mit viel Herzblut und Einfühlungsvermögen für die Folgen des Fußball-Lockdowns für die Jugendlichen.

Was bezweckt der DFB mit den Stützpunkten?

Der Südthüringer Urbansky (39), gebürtiger Sonneberger, studierte in Jena Sportwissenschaft, spielte dort aktiv beim FC Carl Zeiss sowie bei der BSG Wismut Gera und steht in Diensten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) außerdem als Bundestrainer der weiblichen U19. Das Stützpunktprogramm geht über vier Jahre in den Altersklassen U12 bis U15, dem sogenannten "goldenen Lernalter". Im Fußballkreis Rhön gibt es in Hammelburg einen weiteren DFB-Stützpunkt. Schweinfurt dagegen ist schon Nachwuchsleistungszentrum (NLZ), ebenso Würzburg, Nürnberg und Fürth. 366 DFB-Stützpunkte gibt es inzwischen in Deutschland, 64 in Bayern. Sie bilden ein engmaschiges und flächendeckendes Netz, das gewährleistet, dass talentierte Jungen und Mädchen in jeder Region gesichtet und gefördert werden.

Lernen am Vorbild: André Betz (rechts) zeigt Paul Semineth Körperspannung und Konzentration.
Foto: Rudi Dümpert | Lernen am Vorbild: André Betz (rechts) zeigt Paul Semineth Körperspannung und Konzentration.

Am Standort Großbardorf trainieren derzeit gut 40 Jungen und Mädchen aus dem Landkreis, aber nicht ausschließlich: "Wenn es von der Entfernung her besser passt, auch von außerhalb", ergänzt Trainer Alexander Leicht, "zum Beispiel aus Maroldsweisach und Ermershausen, Stadtlauringen und Ballingshausen oder aus Poppenlauer." Die Unterstützung des Elternhauses sei über den Fahrdienst hinweg nötig, sagt Urbansky: "Was nicht bedeutet, dass man ihnen alles abnimmt. Sie müssen sich schon selber organisieren lernen, Fehler machen dürfen, dazu stehen und daraus lernen."

Mit 15 ist die heimatnahe Talentförderung allerdings beendet. "Ich hoffe, wir haben ihm dann so viel vermittelt, dass er den nächsten Schritt tun kann Richtung regionaler Großverein, Nachwuchsleistungszentrum oder andere Dinge wie die Auswahlmannschaften auf regionaler Ebene Nordbayern oder BFV-Ebene", sagt Urbansky. Dort könnten sie von Verbandsseite weiter gefördert werden. "Die Entwicklungsverläufe sind aber sehr unterschiedlich. Manche Spieler machen erst mit 15 oder 16 noch mal einen richtigen Sprung, wenn sie vielleicht den Verein gewechselt haben. Die Pyramide wird nach oben natürlich immer enger."

Nach welchen Kriterien richtet sich die Sichtung?

"Hier", so Urbansky, "geht es darum, die perspektivisch talentiertesten Kinder zu erfassen. Es müssen nicht die aktuell besten sein. Sondern die, bei denen die Wahrscheinlichkeit am höchsten ist, dass sie sich am besten entwickeln." Das, nennt er als Beispiel, müsse nicht immer ein großer und schneller Spieler sein. "Oft hat auch der kleine Schnelle, der vielleicht auch später im Jahrgang geboren ist, das größere Talent. Es gibt die Schnell-Entwickler, die schon wie halbe Männer aussehen, und die, die nichts dafür können, dass sie körperlich noch nicht so weit sind. Wir wollen die Spätentwickler und die Bewegungstalente herausfiltern."

Welche Ziele und Ideen verfolgt der Stützpunkt?

Man schaue, sagt Urbansky, nicht nur auf das Sportliche, sondern auf den ganzen Menschen. Es gehe auch darum, Werte zu vermitteln. "Ich finde es schade, dass der Sport aktuell viel zu wenig Lobby in unserer Gesellschaft hat, die nicht erkennt, welchen Wert gerade der Mannschaftssport hat. Er ist für mich eine Art Schule des Lebens." Urbansky begründet seine These: "Wo kann ich gesundheitliche Förderung, Teamgeist, Fairness, Respekt, das Setzen und Verfolgen langfristiger Ziele, das Verarbeiten von Negativerlebnissen besser verbinden als im Sport? Gerade jetzt in dieser Corona-Situation vermisse ich, dass man diese Chancen nutzt."

Im Fernsehen bekomme man vorgeführt – bei "Deutschland sucht den Superstar" oder "Wer wird Millionär" – wie man in kurzer Zeit relativ viel gewinnen kann. Das Problem im Fußball sei aber, dass man sich viele Jahre lang quälen müsse, um am Ende den Erfolg zu erreichen. "Es werden immer weniger, die sich langfristige Ziele setzen und langfristig daran arbeiten", findet Urbansky. "Die es aber machen, können Erfolg haben, wenn sie verletzungsfrei bleiben, gute Trainer haben und gute Entscheidungen treffen, was Vereinswechsel betrifft. Und parallel dazu werden sie viele Dinge für ihr privates Leben und fürs berufliche Leben mitnehmen. Das wird in der Politik und im Bildungswesen viel zu wenig erkannt."

Wer sind aktuell die Stützpunkttrainer?

Urbansky sieht den DFB-Stützpunkt Großbardorf sehr gut aufgestellt. Man habe zwar nicht die Zeit, in den eineinhalb Stunden pro Woche Entwicklungen permanent zu begleiten: "Wir können aber Impulse setzen." Er meint damit besonders den Leiter des Großbardorfer Stützpunkts, Thomas Jakob, Elitelizenzinhaber aus Maroldsweisach, sieben Jahre lang Landesligaspieler beim FC Haßfurt. Seine Linie verfolgen auch die ihm zur Seite gestellten Honorartrainer Alexander Leicht (Großeibstadt), demnächst Trainer des Kreisligisten TSV Bad Königshofen, und André Betz (Windheim bei Hammelburg), derzeit Teammanager Bayernliga beim TSV Großbardorf und ab Juli Co-Trainer beim Regionalligisten TSV Aubstadt.

Fünf Mal geballte Jugendtrainer-Kompetenz beim Großbardorfer DFB-Stützpunkt: Der Koordinator Nordbayern Michael Urbansky (von links), André Betz, Alexander Leicht, der Leiter Thomas Jakob und Alexander Sarwanidi.
Foto: Rudi Dümpert | Fünf Mal geballte Jugendtrainer-Kompetenz beim Großbardorfer DFB-Stützpunkt: Der Koordinator Nordbayern Michael Urbansky (von links), André Betz, Alexander Leicht, der Leiter Thomas Jakob und Alexander Sarwanidi.

Bei umfangreicheren Maßnahmen stehen weitere, auch pädagogisch erfahrene Trainer wie zum Beispiel Alexander Sarwanidi (U17 TSV Großbardorf) und Hansjürgen Ragati (U15 TSV Großbardorf) sowie Grabfeld-Gallier-Torwarttrainer Otto Dietz zur Verfügung. Angestrebt ist bei steigendem Alter eine Verkleinerung der Gruppengröße. Urbansky sieht sogar acht als Wunschgröße. Das bedeutet, dass einerseits der eine oder andere Jugendliche ausscheidet, aber auch Spätentwickler nachrücken können – per Sichtung und/oder Empfehlung des Vereinstrainers.

Was könnte man noch effektiver gestalten?

Womit der Punkt erreicht wäre, der Michael Urbansky besonders unter den Nägeln brennt. Alexander Leicht nennt den DFB-Profi einen "Perfektionisten, für den gut nicht reicht, weil es besser auch gibt". Seit 20 Jahren gebe es DFB-Stützpunkte, den in Großbardorf seit 2008, und viele könnten nichts damit anfangen. Der ehemalige Trainer Dietrich Weise (Düsseldorf, Kaiserslautern, Frankfurt, DFB) rief das Nachwuchsförderungs-Konzept („auf dass kein Talent unentdeckt bleibe“) mit zusätzlichem Training zu jenem im Verein ins Leben.

"Wir könnten aber noch viel besser, sprich effektiver sein", wünscht sich Urbansky mehr Zusammenarbeit und Gespräche mit den Vereinstrainern. "Mit der Empfehlung eines Kinds für eine Sichtung ist es nicht getan. Ich lade alle Jugendtrainer der Region, ob sie Kinder bei uns haben oder nicht, ein, immer wieder mal zu kommen, sich ein bisschen was abzugucken und mit uns ins Gespräch zu kommen. Wir stellen ihnen dann auch unsere Trainingspläne und Ausarbeitungen zur Verfügung, die sie bei ihrem Training umsetzen können. Zusätzlich können wir ihnen gezielte Übungen für ihre Spieler bei uns mitgeben."

Gibt es Vergleiche unter den Stützpunkten?

Es gibt verschiedene Formen von Turnieren, bei denen mal mehr, mal weniger Stützpunkte gegeneinander antreten. "Manchmal", sagt Urbansky, "spielen wir auch mit gemischten Teams, dass je zwei Spieler aus Großbardorf, Hammelburg, Schweinfurt und Schwarzach eine Mannschaft bilden". Das sei spannend und lehrreich. "Man hat dadurch Feuer und Emotionen herausgenommen, weil der Team-Gedanke weg ist. Die Grundidee ist ja die individuelle Förderung, und wir wollen sie zur Eigenverantwortung erziehen, dass sie mitdenken, vielleicht sogar selber mal eine Mannschaft aufstellen."

Worin liegt die individuelle Förderung?

"Die Jungs und Mädels sollen in dem Programm lernen, sich selbstständig Ziele zu setzen, zu erkennen, wo sind die Stärken und wo die Dinge, die es zu optimieren gilt", sagt Urbansky. Ihm falle auf, dass die Kinder zwar benennen können, was sie nicht beherrschen. Bei der Frage nach den Fähigkeiten falle ihnen aber nichts ein. "Das finde ich schade. Wir Trainer müssen vordergründig den Kindern bewusst machen, was sie können, damit sie das aus sich herausholen und nicht so viel darüber nachdenken, was sie nicht können", sagt Urbansky.

Wichtig sei den Trainern die Schulung der Eigenverantwortung ihrer Schützlinge. "Sie müssen Entscheidungen treffen, Fehler machen, dazu stehen und es besser machen. Sie brauchen Fehler. Denn durch Fehler lernt man am schnellsten." Die auf dem Platz erlernte Fähigkeit, bewusste Entscheidungen zu treffen, helfe nicht nur dort, sondern ergebe "gestandene Persönlichkeiten im Leben insgesamt. So ist manchmal weniger Einfluss mehr Einfluss."

Trainingstag am DFB-Stützpunkt Großbardorf ist Montag. Ab 17 Uhr üben die U12/U13-Junioren, ab 18.30 Uhr die U14/U15-Junioren. Informationen und Kontaktmöglichkeiten unter www.bfv.de

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