Schweinfurt

Somalischer Kreisliga-Schiri: Integration mit Karten und Pfeife

Nicht nur, weil er mit dem Fahrrad zum Sportplatz fährt, auch mit guten Leistungen fällt Abdifatah Muse Mohamud auf. Wie ein Schiedsrichter mit Fifa-Bescheinigung in Unterfranken gelandet ist.
So nicht! Der Somalier Abdifatah Muse Mohamud ist nach seiner Flucht in Franken als Referee aktiv – und lässt manchmal auch die Karten sprechen. 
Foto: foto2press/Frank Scheuring | So nicht! Der Somalier Abdifatah Muse Mohamud ist nach seiner Flucht in Franken als Referee aktiv – und lässt manchmal auch die Karten sprechen. 

Abdifatah Muse Mohamud grinst. "Is' echt kalt." Auch dieser nasskalte, ungemütliche Sonntagmittag im tristen November – das Thermometer zeigt sechseinhalb Grad – kann ihm nicht die Laune verderben, als er im Hinterhof der Gemeinschaftsunterkunft in der Schweinfurter Sattlerstraße sein Fahrradschloss öffnet. Für eine Radtour ist es zu frisch. Doch der Somalier will nicht ziellos die Landschaft erkunden, sondern nach Röthlein auf den Sportplatz – zum Pfeifen. Der 24-Jährige ist Fußball-Schiedsrichter. Und was kaum einer weiß: Der Geflüchtete, der schon öfter dadurch aufgefallen ist, dass er bei seinen Einsätzen als Unparteiischer mit dem – vom ersten in Deutschland verdienten Geld gekauften – Fahrrad kommt und sich auch nicht vor weiteren Strecken scheut, hat sogar ein Zertifikat des Weltverbandes Fifa in der Tasche. 

Macht sich oft mit dem Fahrrad auf den Weg zum Sportgelände: Schiedsrichter Abdifatah Muse Mohamud.
Foto: foto2press/Frank Scheuring | Macht sich oft mit dem Fahrrad auf den Weg zum Sportgelände: Schiedsrichter Abdifatah Muse Mohamud.

Diese – eine kleine Reisetasche – lässt er nie aus den Augen, als er ganz alleine seine Heimat verlässt; am 4. April 2019, das weiß er noch ganz genau. Unruhe, Krieg, persönliche Probleme: Der junge Mann hält es nicht mehr aus und macht sich auf eine Reise ins Ungewisse. Sechs, sieben Monate dauert seine Flucht. Oft im Bus, Auto oder Zug. Wenn's dann mal nicht mehr weitergeht, läuft er. "Bis zu 32 Kilometer am Tag. Das war, glaube ich, die längste Strecke", erklärt der Referee, als er am Röthleiner Sportplatz steht, wo er gleich die A-Klassen-Partie zwischen dem FC Röthlein/Schwebheim und dem TV Oberndorf II leiten wird.  

Nach der Odysee durch Europa gleich zur Schiedsrichtergruppe

Dass er nun alleine bis zur Kreisliga Verantwortung übernimmt und in der Landesliga mit der Fahne in der Hand assistieren darf, hat er einem glücklichen Umstand zu verdanken: Kurz nachdem Muse Mohamud nach seiner Odysee von Ostafrika über die Türkei, Griechenland und Italien in Schweinfurt angekommen ist, wendet er sich an die örtlichen Schiedsrichter.

Servus! Auch in Sachen Kommunikation hat der Somalier Abdifatah Muse Mohamud (rechts) keine Probleme. 
Foto: foto2press/Frank Scheuring | Servus! Auch in Sachen Kommunikation hat der Somalier Abdifatah Muse Mohamud (rechts) keine Probleme. 

"Er hatte eigentlich nur seine Schiedsrichter-Unterlagen dabei", erinnert sich Heinrich Keller, beim Bayerischen Fußball-Verband (BFV) Obmann der Schiedsrichtergruppe Schweinfurt, später. In Zeiten, in denen etliche Referees fehlen, ist er froh um jede helfende Hand. Er organisiert ihm einen Platz beim Regeltest. "Da hat er bewiesen, das er es kann und wurde auch beim Pfeifen beobachtet. Es kam raus, dass man ihn einsetzen kann. Er ist echt engagiert, davon kann sich mancher Deutscher eine Scheibe abschneiden. Allein schon, dass er kaum in Schweinfurt war und zu uns marschiert ist, zeigt das." Heinrich Keller, ein Hergolshäuser, bringt ihn bei der heimischen DJK unter – für die pfeift Muse Mohamud bis heute.

"In der Landesliga geht das so nicht. Die Linie is' A-Klasse."
Schiedsrichter Abdifatah Muse Mohamud scherzhaft über den abgestreuten Platz in Röthlein

Nicht immer in der A-Klasse. Aber heute schon. "In der Landesliga geht das so nicht. Die Linie is' A-Klasse", sagt er. Mittlerweile ist es kurz nach halb zwei – in knapp einer halben Stunde soll es losgehen. Die gezogenen Linien auf dem Platz des früheren Bezirksligisten TSV Röthlein sind tatsächlich ein bisschen dünn. Das ist aber kein Problem. Dafür etwas anderes: "Die Eckenflaggen fehlen." FC-Trainer Michél Keller stutzt kurz. "Eckfahnen? Die macht da drüben schon einer rein." Alles klar.

Tücken der Technik: Auch Abdifatah Muse Mohamud kann das Laptop-Problem vor dem Anpfiff nicht lösen. 
Foto: foto2press/Frank Scheuring | Tücken der Technik: Auch Abdifatah Muse Mohamud kann das Laptop-Problem vor dem Anpfiff nicht lösen. 

Klar ist in den etwas später folgenden, mitunter auch hitzigen, gut 90 Minuten nicht immer alles. Sieben Gelbe Karten zückt der Mann, dessen Fifa-Kurs der BFV auch bestätigt. Ein Spieler muss beim 2:0-Erfolg der Gastgeber vorzeitig mit Gelb-Rot vom Platz. Zwei Foulelfmeter, von denen einer verwandelt wird, gibt es auch noch. Manchmal pfeift Muse Mohamud für einige Beteiligte etwas zu spät ab. "Wenn man die Vorteilsregel anwendet, haben die Leute in den unteren Klassen massive Probleme. Es wird für die höheren Ligen aber gelehrt, dass man etwas wartet", erläutert Schiri-Boss Keller.

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Kurz nach dem Abpfiff ist das Ganze aber schon vergessen. "Sehr gut gepfiffen!" ruft Timo Hümmer dem Somalier zu, als er – natürlich mit einem breiten Grinsen und irgendwie auch ein bisschen stolz – vom Platz läuft. Hümmer, zweiter Vorsitzender des FC Röthlein/Schwebheim und Leiter des Ordnungsdienstes, zahlt ihm wenig später noch die Aufwandsentschädigung aus. Gut 30 Euro gibt's. "Da kann sich keiner beschweren", wertet Hümmer den Auftritts noch einmal positiv.

Muse Mohamud möchte in Schweinfurt heimisch werden

Beschwert hatte sich Hümmer an diesem Tag allerdings schon einmal – über den Laptop im Sportheim, der die für die Freigabe der Spiel-Daten notwendige BFV-Seite nicht anzeigen wollte. Muse Mohamud, in seinem Heimatland Wirtschafts-Student, Zweitliga-Schiri und Assistent in der höchsten somalischen Liga, ist sofort tatkräftig dabei, kann das Problem vor Spielbeginn aber doch nicht lösen. Dass er die Suchbegriffe fehlerfrei eintippt, kommt nicht von ungefähr: "Ich habe ja schon Integrations- und Sprachkurse gehabt."

Der Mann, der eigentlich nur "Abdi" genannt wird und sich auch so vorstellt, will sich weiter integrieren – und in Schweinfurt bleiben, auch wenn die Gemeinschaftsunterkunft nahe der Stadtgalerie von außen so gar keinen heimeligen Charme versprüht. "Schweinfurt is' okay." In der Kugellagerstadt hat Muse Mohamud mittlerweile einen Job als Verpackungs-Maschinist bei einer im Hafen ansässigen Großbäckerei gefunden und macht gerade seinen Führerschein. 

Alles im Griff: Mit dem Schiri, der nur 'Abdi' gerufen wird, sind auch die Verantwortlichen sehr zufrieden. 
Foto: foto2press/Frank Scheuring | Alles im Griff: Mit dem Schiri, der nur "Abdi" gerufen wird, sind auch die Verantwortlichen sehr zufrieden. 

Verständlich, dass für ihn nicht in der Kreisliga Schluss sein soll. "Wenn er seine Leistung bringt, werden wir ihn natürlich fördern. Das Problem ist momentan das fehlende Fahrzeug. Mit dem Fahrrad ist er ja nur beschränkt einsetzbar", meint Schiri-Obmann Keller. Doch der Traum vom höherklassigen Fußball lebt. Auch, wenn Abdi um kurz vor halb vier wieder in den grauen Hinterhof in der Sattlerstraße geht – vorbei an einem Champions-League-Ball, verziert mit etlichen Sternen.

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