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Christian Graber: Datensammler in der Fußball-Bundesliga

Tore, Zweikämpfe, Fouls: Der Dettelbacher erhebt in Stadien Live-Daten, die Medien und Klubs in Echtzeit nutzen. Ein spannender Einblick in die Vermessung des Fußballs.
Das Max-Morlock-Stadion des 1. FC Nürnberg ist sein Revier: Christian Graber ist Scout für Live-Datenerhebung in der Fußball-Bundesliga.
Foto: Graber | Das Max-Morlock-Stadion des 1. FC Nürnberg ist sein Revier: Christian Graber ist Scout für Live-Datenerhebung in der Fußball-Bundesliga.

Zweite Fußball-Bundesliga, dritter Spieltag. Der 5. Oktober 2020, ein Montagabend. Im Max-Morlock-Stadion läuft die dritte Minute der Nachspielzeit im Duell des 1. FC Nürnberg gegen Darmstadt 98. Es steht 2:2. Ein letzter Freistoß für die Gäste nach einem Foul von Robin Hack an Patrick Herrmann im Halbfeld. Der Ex-Cluberer Tobias Kempe serviert den ruhenden Ball. Nahe des Elfmeterpunkts köpft Nicolai Rapp ihn zum 2:3 ins Nürnberger Tor. Die 6600 Zuschauer können es kaum fassen. Auf der Pressetribüne sitzt Christian Graber. Er trägt ein Headset mit einem kleinen Mikrofon dran und sagt: "Hermann Boden, Foul Hack an Herrmann. Direkt Darmstadt. Kempe lang hoch, Luft Rapp, Kopfball, Tor Rapp."

Was für Laien klingt wie Gestammel, erkennen Profis als Stenosprache. Graber ist im Nebenjob Scout für Live-Datenerhebung in der Ersten und Zweiten Fußball-Bundesliga. Seine Aufgabe nennt sich "Speaker". Als solcher kommentiert er Spiele - aber eben nicht lebendig oder unterhaltsam oder emotional wie ein Radio-oder TV-Kommentator, sondern sachlich reduziert auf die nackten Fakten. Dazu gehören Torschüsse, Zweikämpfe, Luftduelle, Fouls und Freistöße, Ecken und Einwürfe, Latten- und Pfostentreffer, Torwartparaden und auch Pässe in ihrer Weite und Höhe. "Also eigentlich alle Daten außer Laufleistungen und Geschwindigkeiten." Keine Livekonferenz, kein Spielbericht kommt ohne diese Statistiken aus. Sie sind das objektive Gegenteil zum subjektiven Stammtischgeschwätz und Geschäftsgrundlage einer ganzen Branche.

Das bittere 2:3 des 1. FC Nürnberg gegen Darmstadt 98 im Max-Morlock-Stadion: Die Cluberer (in Schwarz-Rot) sind konsterniert nach dem Nachspielzeit-Tor von Nicolai Rapp. 
Foto: Heiko Becker | Das bittere 2:3 des 1. FC Nürnberg gegen Darmstadt 98 im Max-Morlock-Stadion: Die Cluberer (in Schwarz-Rot) sind konsterniert nach dem Nachspielzeit-Tor von Nicolai Rapp. 

Daten in Echtzeit 

Grabers Publikum ist ein einzelner Kollege: der so genannte "Writer" am anderen Ende einer Standleitung nach München. Er sitzt am Telefon in einem Büro des weltweit tätigen Sportbusiness-Unternehmens Deltatre in Ismaning und tippt die Informationen, die Graber ihm durchgibt, per Touchpad in eine riesige Datenbank ein. ARD, ZDF, Sky und andere Medien sowie sämtliche Bundesliga-Klubs können diese in Echtzeit abrufen. Graber vermutet, dass auch Wettanbieter dazu gehören. Sie alle sind Kunden der von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) gegründeten Firma Sportec Solutions, die ihre Daten von Deltatre bezieht. Und damit von Leuten wie Christian Graber. 

"Ich bin schon früher gerne ins Stadion gegangen. Jetzt kriege ich sogar Geld dafür."
Christian Graber über seinen Nebenjob

Der Dettelbacher hat in Bayreuth Sportökonomie studiert. Als er vor gut drei Jahren in den letzten Zügen seiner Masterarbeit lag und eine Arbeitsstelle suchte, fand er gleich zwei Jobs: hauptberuflich als Geschäftsstellenleiter des Handball-Zweitligisten DJK Rimpar Wölfe, nebenberuflich als Scout für die Live-Datenerhebung im Fußball. "Es ist ein gut bezahltes Hobby. Ich bin schon früher gerne ins Stadion gegangen. Jetzt kriege ich sogar Geld dafür." Bei seinem Heimatverein in Dettelbach spielt der 30-Jährige selbst seit seiner Kindheit Fußball, heute ist er als "Sechser" in der Kreisliga aktiv. Die eigene Erfahrung sei hilfreich, sagt er, auch die als Schiedsrichter.

Das "Heidenheim-Fiasko"

Um den Job als Scout zu bekommen, musste er sich zunächst einem Eignungstest in Frankfurt unterziehen. Allgemeines Fußballwissen wie die Maße des Spielfelds oder der Name des HSV-Kapitäns in einem Europapokalspiel waren gefragt. Der wichtigste Teil: Spieler merken. "Wir bekamen ein Blatt mit 72 Profis der 36 Klubs aus der ersten und zweiten Liga und hatten fünf Minuten Zeit, um sie uns einzuprägen. Dann mussten wir sie wiedergeben." Graber hatte 71 Richtige - "ich hatte gelernt". "Die Bayern kennt jeder", sagt er, "aber bei Sandhausen oder Aue wird's schon schwieriger." 

Hauptberuflich ist Christian Graber Geschäftsstellenleiter des Handball-Zweitligisten DJK Rimpar Wölfe.
Foto: Jonas Blank | Hauptberuflich ist Christian Graber Geschäftsstellenleiter des Handball-Zweitligisten DJK Rimpar Wölfe.

Es folgte ein Schulungswochenende in Köln, an dem er die standardisierte Stenosprache lernte und übte. Und dann der Live-Test im Stadion. An dieses erste Mal als Scout denkt Graber mit Grauen zurück. Er nennt es "das Heidenheim-Fiasko". Die Partie in der Voith-Arena - nicht eben prickelnd: Heidenheim gegen Bochum. "Es war von Beginn an eine Katastrophe, obwohl ich einen erfahrenen Writer hatte", gibt der Unterfranke zu. "Den Anstoß hab ich noch hingekriegt, aber dann hab ich den Faden verloren und unter anderem zwei Eckballtore nicht erkannt." 

Zweite Chance für den "Bayern-Hasser"

Er bekam eine zweite Chance, musste vorher aber noch mal mit einem Spiel auf CD üben: einem 8:0 des FC Bayern München gegen den Hamburger SV. Schwere Kost für einen selbsternannten "Bayern-Hasser". Doch der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel. Graber bekam den Job.

Fan eines bestimmten Klubs zu sein, sei nicht verboten, allerdings auch nicht der Objektivität dienlich, meint der "Sympathisant" von Real Madrid: "Es gibt manchmal einen kleinen Interpretationsspielraum. Wenn beispielsweise der Ball bei einem Luftduell in den leeren Raum fällt, muss ich entscheiden, welcher Spieler das Duell gewonnen hat. Bei solchen Szenen könnte man die Statistik seines Lieblingsvereins zumindest etwas verschönern." Aber auch aus einem anderen Grund sei Fantum dem Job nicht förderlich: "Von Emotionen lässt man sich ablenken. Und dann passieren schnell Fehler." 

Franken ist sein Revier

Graber hat aus dem "Heidenheim-Fiasko" gelernt. Inzwischen arbeitet er in seiner vierten Saison und hat eine gewisse Routine entwickelt, wie er sagt. In der vergangenen Spielzeit war er 35 Mal als Scout im Einsatz, jeden Monat ist er im Durchschnitt vier- bis fünfmal im Stadion, meist jedes zweite Wochenende bei zwei Spielen - dann, wenn Rimpars Handballer auswärts ran müssen. Die Termine und Orte erfährt er in der Regel drei bis vier Wochen vorher. Vereinzelt wurde er schon nach Frankfurt oder Darmstadt, Ingolstadt oder Regensburg geschickt - am häufigsten aber fährt er zum 1. FC Nürnberg und zur SpVgg Greuther Fürth, bei der er während seines Studiums auch schon mal ein Praktikum gemacht hat. "Franken ist mein Revier, anscheinend bin ich der einzige Franke unter den Scouts", glaubt Graber. Neu dazugekommen sind Einsätze beim Zweitliga-Aufsteiger FC Würzburger Kickers.

"Robin Hack ist für mich so ein Möchtegern-Neymar. Er gibt ganz gern den sterbenden Schwan und ist ständig am Jammern."
Christian Graber über den Stürmer des 1. FC Nürnberg

Bei den fränkischen Klubs "kenne ich die Pappenheimer", sagt der 30-Jährige - dennoch bereitet er sich auf jeden Einsatz vor, vor allem auf die Gegner. Aus der Aufstellung, die er vom Verein bekommt, scribbelt er sich eine taktische Aufstellung. Je nach Stadion fällt ihm das Erkennen der Spieler leichter oder schwerer. "In Nürnberg sitzt man sehr weit weg, in Würzburg recht nah dran."

Der 'Möchtegern-Neymar' des 1. FC Nürnberg: Robin Hack
Foto: Heiko Becker | Der "Möchtegern-Neymar" des 1. FC Nürnberg: Robin Hack

Dankbar sind Scouts um jede Auffälligkeit der Akteure - "das können Haut-oder Haarfarben, bunte Schuhe oder besondere Größe oder Statur sein. Einen Schlacks oder einen Untersetzten erkennt man leichter." Aber auch spielerische Charakteristika prägen sich ein. "Robin Hack ist für mich so ein Möchtegern-Neymar", sagt der Dettelbacher über den Club-Stürmer. "Er gibt ganz gern den sterbenden Schwan und ist ständig am Jammern."

Immer eine Wetterstation im Gepäck

Auch technisch bedarf es einer Vorbereitung auf jede Partie. Graber hat immer eine Wetterstation im Rucksack dabei und muss das Telefon in Betrieb nehmen, das er im Stadion bekommt. 30 Minuten vor dem Anpfiff testet er es mit einem Anruf bei seinem Writer in Ismaning. Ihm gibt er die aktuelle Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Angaben zu Niederschlag durch, außerdem Daten zum Stadion sowie Informationen über die Platzabnutzung und ob das Flutlicht an oder aus ist. Mit dem Writer spricht er auch die Aussprache schwieriger Namen ab. Fürths schwedischer Stürmer Branimir Hrgota ist so ein Fall. "Weil sein Nachname so ein Zungenbrecher ist, nenne ich ihn Branimir." Auch Spieler mit gleichen Nachnamen müssen klar unterschieden werden.

Sobald die Mannschaften ins Stadion einlaufen, läuft die Standleitung zwischen Speaker und Writer heiß, Toilettengänge sind dann bis zur Halbzeit tabu. "Am Anfang war es noch anstrengend, 90 Minuten lang zu reden, mittlerweile ist es meist recht entspannt. Nur Tore aus dem Getümmel heraus sind knifflig, aber manchmal sitzt ein Kollege neben mir, durch den ich Blick auf die Zeitlupe habe, wie in Nürnberg der Club-Analyst", berichtet Graber.

Schneller als das Fernsehbild

Längst beschäftigen die Vereine eigene Experten, die relevante Erkenntnisse aus Spielen ziehen sollen. Denn auch wenn die Bundesliga weit mehr ist als Big Data - die voranschreitende Vermessung des Fußballs und seiner Spieler kann dabei helfen, besser zu sein als der Gegner. Seit vergangener Saison dürfen die Analysten auf der Tribüne sogar mit den Trainern direkt kommunizieren, auf der Bank sind Tablets erlaubt. Ein Großteil der Informationen, die die Analysten nicht nur für die junge Generation der Laptop-Trainer um Julian Nagelsmann aufbereiten, basiert auf denen der Scouts.

Das erste Tor des FC Würzburger Kickers in dieser Zweitliga-Saison: Robert Herrmann überwindet Fürths Torwart Sascha Burchert in der Flyeralarm Arena am Dallenberg mit einem Weitschuss zum 1:0. Das Spiel endete 2:2.
Foto: foto2press/Frank Scheuring | Das erste Tor des FC Würzburger Kickers in dieser Zweitliga-Saison: Robert Herrmann überwindet Fürths Torwart Sascha Burchert in der Flyeralarm Arena am Dallenberg mit einem Weitschuss zum 1:0. Das Spiel endete 2:2.

Was Graber in sein Mikro spricht, ist drei Sekunden später in der Datenbank - und damit schneller als das TV-Signal. "Wenn die Fans vor dem Fernseher über ein Tor jubeln, hat der Writer es schon erfasst und an die DFL übermittelt, die teilweise automatisiert ihren Liveticker damit füttert", erklärt der 30-Jährige. Korrekturen für Speaker sind möglich, bei Schlüsselszenen wie Toren gibt es einen so genannten Live-Observer als Kontrolle. 

Ungefilterte Emotionen in den Katakomben

Nach dem Abpfiff begibt sich Graber in die Katakomben des Stadions, um mit den Schiedsrichtern die verteilten Karten abzugleichen und gegebenenfalls den genauen Grund dafür zu erfragen. Dort trifft er auch mal auf Profis oder Verantwortliche und erlebt ungefilterte Emotionen, die sonst keiner mitbekommt. "Ein Club-Manager hat den Schiris nach einer Niederlage mal wutentbrannt Wettbewerbsverzerrung vorgeworfen", erinnert sich der Unterfranke. "Oder einmal stand plötzlich Rudi Völler neben mir. Aber ich bin kein Autogrammjäger und spreche die Leute auch nicht an."

An diesem Sonntag scoutet Christian Graber am Würzburger Dallenberg das Spiel der Kickers gegen Holstein Kiel. Deren erstes Zweitliga-Tor dieser Saison am 4. Oktober beim 2:2 gegen Fürth - ein Weitschuss von Robert Herrmann nach Vorlage von David Kopacz - kommentierte er übrigens so: "Kopacz mittel Herrmann, Boden Weitschuss, Tor Herrmann."

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