Würzburg

Corona: Warum Kickers-Flügelflitzer Kaufmann die Tränen kommen

Der Würzburger Fußballprofi Fabio Kaufmann ist Deutsch-Italiener. Sein Cousin arbeitet als Krankenpfleger in Mailand. Was der ihm berichtet, erschüttert den Sportler.
Kickers-Spieler Fabio Kaufmann schildert eindrucksvoll die Erlebnisse seines Cousins als Krankenpfleger in Mailand.
Foto: Frank Scheuring/foto2press | Kickers-Spieler Fabio Kaufmann schildert eindrucksvoll die Erlebnisse seines Cousins als Krankenpfleger in Mailand.

Fabio Kaufmann, 27, ist Profifußballer. Er ist in dieser Saison einer der besten und wichtigsten Spieler bei Drittligist Würzburger Kickers. Acht Tore hat er geschossen und zehn weitere vorbereitet. Er steht in der Blüte seiner Karriere. Im Sommer läuft sein Vertrag in Würzburg aus. Er kann sich Hoffnung machen, ein gut dotiertes Angebot zu erhalten, vielleicht auch aus der zweiten Bundesliga. Man könnte es ihm kaum verübeln, wenn er in der Zwangspause wegen der Corona-Krise ungeduldig wäre. Wenn er fragen würde, wann es endlich wieder los geht mit dem Fußballzirkus. Aber Kaufmann spricht anders. "Fußball", sagt er, "wird von Menschen am Leben gehalten. Wer die Menschen nicht schützt, der schützt den Fußball nicht". Kaufmann muss viel nachdenken in diesen Tagen.

Der Kickers-Flügelflitzer ist Deutsch-Italiener. Sein Vater ist Schwabe, Besitzer eines Autohauses in Aalen. Seine Mutter stammt aus Neapel. Und mit der Verwandtschaft auf der anderen Seite der Alpen stand Kaufmann zuletzt oft in Kontakt. Besonders mit einem seiner Cousins. Der arbeitet als Krankenpfleger in Mailand, dort wo das Coronavirus schon seit Wochen das Leben bestimmt, dort wo das Gesundheitswesen kollabiert. Was er Kaufmann geschildert hat, das geht zu Herzen. Der Profikicker, dessen Spezialität ausgefallene Torjubel sind, muss schlucken, wenn er darüber spricht. Man hört durchs Telefon: Kaufmann kommen die Tränen. Es geht ihm nah, darüber zu sprechen.

Es trifft nicht nur Alte und Kranke

"Mein Cousin ist ein Mann Mitte 20. Wenn so jemand sagt, er hat Angst um sein Leben, dann ist das bedrückend." Zehn Minuten sei die Spachnachricht lang gewesen, die er am Dienstagabend erhielt. Im Krankenhaus, in dem Kaufmanns Verwandter arbeitet, lägen die Menschen in Betten, ohne dass sich jemand um sie kümmert. Zum Teil auf dem Flur. Aber auf der Intensivstation gibt es einfach keinen Platz. "Es ist, falsch, wenn man glaubt, es erwischt nur die Alten und die Kranken. Mein Cousin ist in der Notaufnahme und der Intensivstation. Zu ihm kommen auch die 30- und 40-Jährigen. Viele Patienten liegen im künstlichen Koma. Es ist einfach schrecklich. Wenn nun die Wisschenschaftler sagen, die Spitze der Infektionen sei noch nicht erreicht, dann will niemand wissen, wie es weitergeht."

Ein emotionaler Appell  von Fabio Kaufmann:

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Plötzlich ist da ein anderer Fabio Kaufmann am Telefon. Der junge Fußballer, der eben noch so emotional über seinen Cousin gesprochen hat, der seine Fans in den sozialen Medien gerne an seinen Reisen teilhaben lässt, hat eine Mission, eine Aufgabe, ist so zielstrebig, wie wenn er das Tor des Gegners anvisiert.

Der Klub hat eine Telefonschaltung mit mehreren Medienvertretern organisiert. Kaufmann will die Erlebnisse seiner Verwandten weitertragen. "Man kann nur hoffen, dass die Maßnahmen in Italien Wirkung zeigen und das Virus sich im Süden des Landes nicht so rasch verbreitet wie im Norden. Denn dann würde es noch viel schlimer werden", glaubt er: "Ich will keine Panik machen. Das wäre jetzt absolut falsch. Aber wir hier in Deutschland sollten an unsere Tugenden glauben." Da klingt Kaufmann wieder wie ein Fußballer. Disziplin habe die Deutschen - ob auf dem Rasenviereck oder bei der Arbeit - immer ausgezeichnet. Und die brauche es jetzt auch im Alltag.

"Italien hat Pech gehabt"

"Italien hat Pech gehabt. Die Leute wussten noch nicht viel über das Virus. Sie sollten daheim bleiben und haben sich dann eben dort mit Freunden getroffen", so der Rechtsaußen der Würzbrger Kickers. Inzwischen wisse er, was Isolation bedeutet: "Man schließt sich ein. Von meinen Verwandten in Neapel geht immer nur noch einer zum Einkaufen. Der Rest bleibt daheim. Ohne Mundschutz und Handschuhe verlässt sowieso niemand das Haus."

Wenn er all das hört, bekommt er dann Angst? Wird Kaufmann mulmig zumute, wenn er daran denkt, dass er vor anderthalb Wochen noch vor über 7000 Zuschauern am Würzburger Dallenberg Fußball spielte? "Damals habe ich auch noch nicht so weit gedacht. Da hatte ich noch nicht den Wissensstand", sagt er.

Seither hat er oft mit den Verwandten in Italien Kontakt gehabt. "Das Schlimmste wäre, wenn wir daraus, was dort passiert, jetzt keine Lehren ziehen", so Kaufmann. An den Fußball zu denken, daran, ob überhaupt oder wann die Saison wieder weitergeht, das fällt ihm derzeit schwer. "Zuerst", sagt er, "müssen wir uns jetzt, um die Menschen kümmern." 

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