Fußball im Wandel

Kommentar: Die Karikatur einer Männerwelt lebt beim Fußball weiter

Im Fußballsport bedarf es leider einer Rechtfertigung für Anderssein. Warum sich die Strukturen an der Basis durch eine Initialzündung aus dem Profibereich wandeln könnten.
Gut gemeint: Regenbogen-Eckfahne beim FC Bayern München. Allen Aktionen zum Trotz hält sich hierzulande Homophobie im Fußballsport.
Foto: Witters/Thorsten Wagner | Gut gemeint: Regenbogen-Eckfahne beim FC Bayern München. Allen Aktionen zum Trotz hält sich hierzulande Homophobie im Fußballsport.

Die "Norisbengel" sagen, sie wollen normale Fußball-Fans sein, nur schwul halt. Nur schwul halt. Warum braucht es 2020 noch solche Erklärungsversuche? Da könnte genauso stehen: Nur ausländisch halt. Oder: Nur Frauen halt. Dass das vermeintlich Ungewöhnliche, das außer eine Norm fallende, einer schuldbewussten Rechtfertigung durch die betroffene Minderheit bedarf, ist in Zeiten, in denen sich unsere Gesellschaft politischer Korrektheit rühmt, ein Armutszeugnis und abscheulich.

Norm. Wer maßt sich eigentlich an, Normen aufzustellen? Warum ist es unnormal, im Stadion, in der Fankurve ausländisch, weiblich oder schwul zu sein? Heißt es nicht: Fußball ist ein Volkssport? Gehören Ausländer, Frauen oder Schwule nicht zum deutschen Volk? Die Welt des Männerfußballs ist eine teilweise krude: Da können Vereine und Verbände Anti-Diskriminierungs-Kampagnen fahren, wie sie wollen - am Ende bleibt's im großen und ganzen eine Männerwelt mit beinahe Logen-artigen Zügen. Hier kommt keiner rein, der anders ist. Hier kommen nur Männer rein, denen ein "Schwuchtel" als Schimpfwort lässig über die Lippen rutscht, und die in der Wirtshausdebatte ordentlich mit der Faust auf den Eichentisch hämmern können. Und deren teutonische Schlachtgesänge von Bier geschmiert sind.

Natürlich ist das überspitzt, doch diese Karikatur lebt in der Kurve, abseits der schicken Sitzplätze, für die es im Winter Sitzkissen in den Vereinsfarben gibt. Sie lebt an Stammtischen. Und sie lebt in den Amateurfußball-Vereinen, an der Basis. "Fußball im Wandel" heißt unsere Serie. Wenn es um Homosexualität (oder noch eine Spur exotischer: Transsexualität) geht, heißt der bunte Plastikschlappen immer noch Fußballstiefel, sind die Stutzen geringelt und das Trikot geschnürt, als hätten wir 1954.

Geschmacklos: Diese Fans von Borussia Dortmund setzen Homosexualität als Schimpfwort ein.
Foto: Witters/Valeria Witters | Geschmacklos: Diese Fans von Borussia Dortmund setzen Homosexualität als Schimpfwort ein.

Durchbrechen könnte die Tabuisierung dieses Thema vermutlich nur ein Profi von Format: Weltklasse am Ball und felsenfest im Charakter. Einer, den die Fans verehren. Und sich hinstellt und, so er es denn ist,  sagt: Ich kann kicken - und ich bin schwul. Nach ein paar Wochen Shitstorm in den Sozialen und unzähligen Interviews in echten Medien, wäre das Tohuwabohu spätestens Geschichte, wenn dieser Spieler am Samstagnachmittag den 1:0-Siegtreffer erzielt hat. Mensch, die Briten haben sich doch in den Fünfzigern auch an den deutschen Fallschirmjäger Bernd Trautmann gewöhnt und dem Ausnahme-Torwart später ein Denkmal gebaut.

Eine solche Initialzündung durch Profis - bei Ausländern und Frauen hat's ja schon ein bisschen funktioniert - könnte auch im Amateurfußball die fraglos existierende Homophobie in Mannschaften und bei Zuschauern in Rauch aufgehen lassen. Nicht sofort. Aber schrittweise. Vielleicht. Hoffentlich.

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