Würzburg

Elf Zocker müsst ihr sein: Würzburger Kickers jetzt im eSport

Die Würzburger Kickers starten mit eSport. Zusammen mit iNSTNT United stellt der Fußball-Drittligist eine Mannschaft in der Fußball-Simulation Fifa.
An der Tür hängen bereits Kickers-Utensilien, das Trikot für die eSportler ist noch in der Mache. 'Ugy' Yurdagül von FWK iNSTNT eSport beim Zocken in seinem Arbeitszimmer.
Foto: FWK iNSTNT eSport | An der Tür hängen bereits Kickers-Utensilien, das Trikot für die eSportler ist noch in der Mache. "Ugy" Yurdagül von FWK iNSTNT eSport beim Zocken in seinem Arbeitszimmer.

Etwa 50 Euro werden an der Ladentheke für einen Xbox-Controller fällig. Wie oft Ugur Yurdagül diese Summe schon berappen musste, kann er nicht mehr sagen. Wutentbrannt zerstört hat er aber schon einige. Für den Würzburger sind die "Drücker" kein Spielzeug, sondern fast ein Arbeitsgerät.

Yurdagül ist dienstältester Zocker des eSport-Teams iNSTNT und Manager der Mannschaft. Zusammen mit seinen 24 Mitspielern spielt er im Elf-gegen-elf in der Virtual Pro League auf der Xbox-Konsole die Fußball-Simulation Fifa. Mit Erfolg: Die Mannschaft beendete die vergangene Saison in der ersten Bundesliga auf Rang vier und qualifizierte sich für die Champions League. In dieser Saison geht es für den 48-Jährigen und seine Mitstreiter somit auch international um Punkte - auch gegen echte Profis, denn die gibt es im eSport auch.

Das Team bekommt nun Rückendeckung. Der FC Würzburger Kickers kooperiert künftig mit iNSTNT, zur Saison 2019/20 geht "FWK iNSTNT eSport" im originalen Dress der Rothosen in drei Wettbewerben der Virtual Pro League (VPL) an den Start. Verantwortlich für die Zusammenarbeit ist Yurdagül. "Ich habe die Kickers kontaktiert. Ich hätte nie gedacht, dass etwas daraus wird. Aber wir haben unsere Sache vorgestellt, und sie waren begeistert."

Kennengelernt hat sich die Mannschaft, als noch jeder der 25 für sich alleine online gespielt hat. "Wir waren ein Kern von fünf, sechs Leuten, der sich nach dem Zocken immer noch ausgetauscht hat", sagt "Ugy". Nach dem Spiel "zusammensitzen" und fachsimpeln also - nur nicht im Vereinsheim, sondern im digitalen Raum. Bis die Idee aufkam, Gleichgesinnte zu suchen und mit elf Zockern an den Start zu gehen.

Ugur kommt aus Würzburg, Teamkollege Fabian Forster aus Remlingen. Der Rest verteilt sich über die gesamte Bundesrepublik, Österreich und Frankreich und ist zwischen 18 und 48 Jahren alt. Dass Yurdagül der einzige Kickers-Anhänger in der Mannschaft war, trübte die Freude der Jungs über die Kooperation keineswegs. "Die ganze Mannschaft ist unglaublich stolz darauf, dass uns ein Profiverein unterstützt. Die Kickers haben jetzt 24 neue Fans dazubekommen."

Keine Profiverträge für die eSportler

Für den FWK-Vorstandsvorsitzenden Daniel Sauer war ausschlaggebend, dass "Ugy mit Herzblut dabei ist. Es war uns wichtig, einen Ansprechpartner zu haben, der unseren Verein kennt und ihm verbunden ist". Dass ein Fußballverein in den eSport-Bereich einsteigt, ist nicht ungewöhnlich. Zahlreiche Profivereine haben inzwischen digitale Vertreter. Zudem ist das finanzielle Risiko der Kooperation für den Drittligisten eher gering: Keiner der iNSTNT-eSportler hat einen Profivertrag, alle spielen unentgeltlich. Durch die Kooperation bekommen sie lediglich freien Eintritt zu Kickers-Heimspielen sowie ein Trikot mit ihrem jeweiligen Namen.

Beginnt Ugy mit dem Erzählen, wird schnell klar: Der Kerl ist besessen und brennt für seine Leidenschaft. Seine "Mission ist es, eSports greifbar zu machen. Zu zeigen, dass Zocker ganz normale Menschen sind", sagt er. "Wir sind ein gut organisierter Verein, trainieren regelmäßig drei Mal in der Woche. Wir legen viel Wert auf Zuverlässigkeit und Disziplin." Dazu müssten Außenstehende aber erst einmal verstehen, was die digitalen Kickers da so treiben.

Trifft sich iNSTNT zum Training oder zu Spielen, wählen sich mindestens elf Spieler der Mannschaft zu Hause an ihren Konsolen ein. Mit Kopfhörern und Mikrofonen halten sie Kontakt und treffen im Vorfeld taktische Absprachen. Das ist wichtig, denn: Bei dieser Variante geht es nicht im Eins-gegen-eins, sondern im Elf-gegen-elf gegeneinander. Jeder Spieler steuert einen der elf digitalen Akteure seines Teams. In vier Minuten pro Halbzeit messen sich die Kontrahenten nach allen Regeln der analogen Fußball-Kunst.

So sieht Fifa im 11-gegen-11 aus: FWK iNSTNT eSport im Livestream

Ugy ist Innenverteidiger. Die Aufgaben, die sein virtueller Pro hat, gleichen denen eines echten Abwehrspielers: Gegnerische Tore verhindern, das eigene Spiel von hinten heraus öffnen. Die Wahl seiner Position kommt nicht von ungefähr. "Ich wollte wegen Sebastian Schuppan unbedingt Innenverteidiger spielen. Seine Spielweise ist einfach klasse", sagt er. Yurdagüls Rolle im echten Leben war die des Torwarts, Ende der 90er Jahre hütetet er den Kasten der Kickers-Reserve.

Damit ein Spiel mit elf Zockern nicht im absoluten Chaos versinkt, bedarf es guter Abstimmung und viel Training. Überhaupt unterscheidet die Pixel-Kickers erstaunlich wenig von einer echten Fußballmannschaft. Laufwege, Angriffs- und Defensivverhalten müssen einstudiert werden. "Der Zeitaufwand ist immens. Ich verbringe täglich mindestens vier bis fünf Stunden mit eSports", sagt Yurdagül. "Ich habe eine Familie und einen Job, das muss alles laufen. Da brauchst du einen Partner, der das auch mitmacht. Ich schaue keine Filme oder gehe in die Kneipe, ich bin dann an der Konsole." Weil iNSTNT künftig auch international angreift, wird das nicht besser werden: Ähnlich dem realen Vorbild finden Champions-Spiele relativ spät statt, oft auch erst gegen Mitternacht.

Unterschiede zu einer Fußballmannschaft? Fehlanzeige.

Es entstehen Freundschaften unter den Spielern - wie im echten Leben. "Mit dem Team verbringe ich sehr viel Zeit. Wir unterhalten uns auch über ganz normale Sachen, auf der zwischenmenschlichen Ebene. Zum Beispiel, wenn die Tochter Sorgen macht oder der andere Probleme mit der Freundin hat." Und darin liege auch der Schlüssel zum Erfolg: Nur wenn die Chemie in der Mannschaft stimme und sich die Spieler vertrauen, kämen auch gute Leistungen zustande.

So sehen Zocker aus: Ugur Yurdagül von FWK iNSTNT eSport
Foto: FWK iNSTN eSport | So sehen Zocker aus: Ugur Yurdagül von FWK iNSTNT eSport

Ein gewichtiger Unterschied: Die Jungs von FWK iNSTNT eSport haben sich noch nie gesehen. "Wir wohnen weit verstreut", sagt Yurdagül. "Und", fügt er schmunzelnd hinzu, "wir kennen uns maximal von Fotos." Weil selbst der "Franzose" im Team auch aus Deutschland stammt, läuft die Kommunikation auf Deutsch. "Probleme gibt es nur, wenn die Jungs mein Fränkisch nicht verstehen", sagt Yurdagül lachend.

Weil keiner der 25 Profi ist, ist eSport nur in der Freizeit möglich. "Ich vergleiche uns scherzhaft immer mit San Marino. Die spielen zwar Fußball, haben aber auch noch ein ganz normalen Alltag zu stemmen." Im echten Leben sind die Kickers-eSportler Polizisten,Busfahrer, Anwälte oder Schichtarbeiter. "Da ist wirklich alles dabei", sagt Yurdagül. Unterschiede würden dabei keine gemacht, einzig die Leistung auf dem digitalen Platz zähle. Nur die 50 Euro für kaputte Controller, die dürften den Anwälten im Team weniger weh tun.

Infobox
Was ist eSport?
eSport ist das sportwettkampfmäßige Spielen von Video- und Computerspielen auf digitalen Plattformen nach festgelegten Regeln innerhalb einer Ligastruktur. eSport ist ein Oberbegriff für eine Sportart, die in verschiedenen Spielen bzw. Disziplinen ausgetragen wird.
Was sind die relevanten Spiele?
Relevante Disziplinen sind neben Fifa (Sportsimulation) die Spiele League of Legends (Strategie), DOTA 2 (Strategie), Starcraft II (Strategie) sowie Counter-Strike und Fortnite (auch als Taktik-Shooter bezeichnete Ballerspiele).
Auf welchen Plattformen wird gespielt?
Neben Computern wird hauptsächlich auf den Konsolen Xbox und Playstation gespielt.
Wie groß ist eSport?
Die Weltmeisterschaft der eSportler der Fußball-Simulation Fifa fand 2019 in der Londoner O2-Arena statt. 21 Sender übertrugen die Veranstaltung in sechs Sprachen, insgesamt schalteten 47 Millionen Zuschauer ein. In London duellierten sich die 32 besten Spieler im Eins-gegen-eins, der Sieger kam aus Deutschland. Mohammed 'MoAuba' Harkous startete für Werder Bremen und strich 250.00 US-Dollar Siegprämie ein. Zum Vergleich: Der WM-Sieger des Spiels Fortnite, der 16-jährige US-Amerikaner Kyle 'Bugha' Giersdorf, kassierte drei Millionen.
Woher kommt der Teamname "iNSTNT"?
"iNSTNT" ist eine Verkürzung des englischen "instantly", zu deutsch "sofort". Auf die Frage hin, welches Spiel denn nach dem Mannschaftstraining gespielt werden solle, antworteten Yurdagül und seine Mitspieler im in der eSports-Welt gebräuchlichen Englisch: instantly Fifa!
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