Würzburg

Kickers-Sportvorstand Schuppan: "Kein wirtschaftliches Harakiri"

Der Ex-Kapitän sieht den Verein auf einen eventuellen Abstieg wesentlich besser vorbereitet als vor vier Jahren. Warum er trotzdem an den Klassenerhalt glaubt.
Kickers-Vorstand Sport Sebastian Schuppan hat trotz des letzten Tabellennplatzes die Zuversicht noch längst nicht verloren.
Foto: foto2press/Frank Scheuring | Kickers-Vorstand Sport Sebastian Schuppan hat trotz des letzten Tabellennplatzes die Zuversicht noch längst nicht verloren.

Mit dem Spiel an diesem Samstag (13 Uhr) beim SC Paderborn endet für die Würzburger Kickers die Vorrunde. Sport-Vorstand Sebastian Schuppan spricht davor über Transfers, Geld und seine neue Rolle.

Frage: Vom Spieler zum Funktionär. Wie war der Seitenwechsel? Gibt es nach so vielen Jahren als Profi noch Dinge, die überraschen, wenn man plötzlich auf der anderen Seite des Verhandlungstisches sitzt?

Sebastian Schuppan: Man hat einen anderen Einblick, Hintergrundinfos. Da werden Entscheidungen plausibler, über die ich mich als Spieler womöglich noch gewundert hätte. Durch mein Sportmanagement-Studium und die 17-jährige Profikarriere verfüge ich auch über viel theoretisches und praktisches Wissen, das mir den Einstieg erleichtert hat. Der Zeitaufwand in meinem neuen Job ist allerdings extrem. Ich bin jetzt seit etwa zwei Monaten im Amt und seitdem permanent im Not-Modus, weil wir de facto bis zur letzten Woche zu wenig gepunktet haben. Dementsprechend kam auch nie so richtig Ruhe rein. Die wird in diesem Job aber wahrscheinlich auch nie so richtig einkehren.

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Sie sind seit Mitte November Vorstand Sport. Diesen Posten gab es vorher nicht. Wie sieht ihr Arbeitsbereich und die Aufgabenteilung mit dem Vorstandsvorsitzenden Daniel Sauer aus?

Schuppan: Die Aufgabenbereiche sind klar abgesteckt. Daniel Sauer ist unser Vorstandsvorsitzender und Präsident, er trägt die Gesamtverantwortung für mittlerweile 160 Arbeitsplätze und knapp 1.500 Mitglieder. Ich trage die sportliche Verantwortung. Dies ist neben Aufgaben wie Transfers, Kaderplanung und Mannschaftsführung auch die stetige Optimierung in allen sportlichen Bereichen: von der medizinischen Abteilung über die Nachwuchsarbeit bis hin zum Scouting und selbst das Greenkeeping.

Lag da in der Vergangenheit bei den Kickers einiges brach, weil es über Jahre keinen Sportdirektor oder ähnliches gab?

Schuppan: Es lag nichts brach. Ich kann nur noch einen größeren Fokus auf viele Dinge legen. Daniel Sauer hat schier unmenschlich geschuftet, um das alles neben seinen sonstigen Aufgaben zu erledigen. Das kommt mir bei der Bewertung der letzten Jahre auch zu kurz. Daniel hält hier seit Jahren den Laden hervorragend zusammen.

Am Ende entscheidet dann aber doch Felix Magath als Head of Global Soccer von Investor Flyeralarm, was gespielt wird?

Schuppan: Mit dieser Fehleinschätzung in der Öffentlichkeit müssen wir leben. Ich habe offen und ehrlich gesagt keine Lust und auch keine Zeit mehr, ständig den Finger zu heben und zu sagen: So ist das aber nicht! Wir alle, die wir hier jeden Tag für den Verein arbeiten, wissen, wie die Dinge sind. Felix hat dazu auch eine klare Meinung: Er ist beratend tätig. Ich kann ihn jederzeit anrufen, aber entscheiden muss in meinem Verantwortungsbereich am Ende ich. Natürlich hilft mir dabei der Rat von Felix. Er hat jede Situation, die ich hier habe und noch haben werde, wahrscheinlich schon zig-Mal erlebt und kann mir wertvolle Anregungen geben. Und dieses Angebot nehme ich natürlich wahr. Was die Leute darüber denken, kann ich nicht beeinflussen.

Kickers-Sportvorstand Sebastian Schuppan über Winertransfers: 'Es war alternativlos, dass es bei nur vier Punkten auf dem eigenen Konto, aber auch nur sieben Punkten Rückstand auf Platz 15, zum Jahreswechsel eine Veränderung geben musste.'
Foto: foto2press/Frank Scheuring | Kickers-Sportvorstand Sebastian Schuppan über Winertransfers: "Es war alternativlos, dass es bei nur vier Punkten auf dem eigenen Konto, aber auch nur sieben Punkten Rückstand auf Platz 15, zum Jahreswechsel eine ...
Zuletzt hat Felix Magath bei einem Auftritt im Bayerischen Fernsehen auch gesagt, die jüngsten Neuverpflichtungen seien alles Ihre Transfers.

Schuppan: Wir sind ein Team, wir entscheiden im Team. Angefangen von der Scouting-Abteilung bis hin zum Trainerteam um Bernhard Trares. Letztlich trage aber ich die Verantwortung und muss dafür auch einstehen. Gegen Rolf Feltscher habe ich noch selbst gespielt, hatte ihn immer in guter Erinnerung. Dass er nach dem Saisonende in den USA nun für uns verfügbar war, war ein Glücksfall für die Kickers. Mit Christian Strohdiek habe ich in Paderborn vor zwölf Jahren zusammengespielt. Somit wusste ich, was für ein Spieler und was für ein Typ er ist. Und wir waren auf der Suche nach exakt solchen Typen. Er stellt etwas dar, äußert seine Meinung und steht dafür ein - auch wenn sie einmal nicht angenehm sein sollte. Gleiches gilt für Stefan Maierhofer. Er nimmt nicht nur auf dem Platz, sondern auch außerhalb des Platzes positiven Einfluss auf die Mannschaft. Wir brauchten diese Charakter-Typen, mit dieser Ausstrahlung.

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Sie sprechen von fehlenden Typen. Wurde bei der Zusammenstellung der Mannschaft im Sommer da nicht ausreichend drauf geachtet?

Schuppan: Der Mannschaft hat auf jeden Fall etwas gefehlt, ansonsten hätten wir mehr Punkte. Wir haben also noch Spieler benötigt, die andere mitreißen können. Typen, die es schaffen, ein Team, das sich nach vielen Negativerlebnissen in einem Tal festgefahren hatte, mitzunehmen.

Einige Spieler, die mit großen Erwartungen verpflichtet wurden, sind nur noch Ersatz. Sie sind nun sicher enttäuscht. Könnte das noch ein Problem werden?

Schuppan: Am Ende wird und muss immer das Leistungsprinzip zählen. Ob einer mit Vorschusslorbeeren gekommen ist oder nicht, darf keine Rolle spielen. Wichtig ist, dass wir seit der Verpflichtung von Bernhard Trares Ruhe in den Verein gebracht haben.

Ein Winter-Neuzugang, mit dem besondere Hoffnungen verbunden sind, ist Martin Hasek. Wann wird er eine Verstärkung?

Schuppan: Im Normalfall wäre ein Transfer wie Martin Hasek für uns nicht möglich gewesen. Es gab zwischen seinem Ex-Verein und ihm unterschiedliche Ansichten und Meinungen. Wir geben ihm nun die Chance, auf dem Platz seine Stärken und Leistungen zu zeigen. Aber dass dies nicht unmittelbar nach dem Wechsel funktioniert, war allen Beteiligten klar. Martin braucht seine Zeit, wir geben ihm diese. Es wäre vermessen, von ihm jetzt sofort Wunderdinge zu erwarten. Geduld ist in diesem Fall ein sehr guter Ratgeber.

Mit ihm sollen die Fans Geduld haben: Winter-Neuzugang Martin Hasek.
Foto: Silvia Gralla | Mit ihm sollen die Fans Geduld haben: Winter-Neuzugang Martin Hasek.
Aber haben die Kickers denn so viel Zeit? In der aktuellen Situation braucht der Klub doch Spieler, die sofort helfen.

Schuppan: In der Ruhe liegt die Kraft. Grundsätzlich haben wir aber keine Zeit mehr. Dennoch war allen Beteiligten von den ersten Gesprächen an klar, dass Martin nach sieben Monaten ohne Teamtraining nicht sofort loslegen und alles niederreißen wird. Es traten die normalen Reaktionen ein, nach den ersten intensiven Einheiten zwickte hier und da der Muskel. Deshalb war er in Osnabrück nicht dabei. Es wäre fahrlässig von uns gewesen, Martin einzusetzen. Wann es letztendlich für 90 Minuten reichen wird, kann ich heute nicht seriös beantworten. Er wird uns mit seinem Spielwitz auf jeden Fall helfen. Es wäre uns allen lieb und recht, wenn das eher heute als morgen passieren wird.

Sofort geholfen hat Stürmer Marvin Pieringer mit bereits drei Toren. Er ist vom SC Freiburg ausgeliehen. Sollten die Kickers verstärkt solche Leihgeschäfte anstreben?

Schuppan: Ein Spieler von einem Top-Bundesligisten, wie Freiburg es inzwischen ist, bringt natürlich extrem viel mit. Marvin Pieringer hat jene Leichtigkeit, die unserem Spiel fehlte. Es war aber ein langer Prozess, in dem wir viel Überzeugungsarbeit leisten mussten, warum er bei uns seinen nächsten Schritt machen kann. Wir sind in dieser Konstellation immer der Ausbildungsverein für die anderen, für die größeren Klubs. Sicherlich sollte das nicht auf Dauer zum Standard werden, denn wir wollen unsere eigenen Spieler entwickeln.

Der Kader ist mit den Winter-Verpflichtungen weiter gewachsen. 31 Spieler stehen unter Vertrag. Mehr als bei jedem anderen Zweitligisten. Kann sich der Klub diese Mannschaft leisten?

Schuppan: Wir wirtschaften, vor allem in Zeiten wie diesen, sehr sorgfältig. Ein wirtschaftliches Harakiri wird es bei uns niemals geben. In den letzten Jahren wurde bei uns extrem gut gearbeitet. Erst das hat uns ermöglicht, jetzt noch einmal zu investieren – mit Vernunft und Verstand! Es steht außer Frage, dass am Ende des Tages nichts teurer wäre als ein Abstieg. Wir wollen uns am Ende der Saison nicht sagen lassen: 'Da wäre doch noch etwas möglich gewesen!' Es war alternativlos, dass es bei nur vier Punkten auf dem eigenen Konto, aber auch nur sieben Punkten Rückstand auf Platz 15, zum Jahreswechsel eine Veränderung geben musste. Es musste ein frischer Wind her. Ich kann alle im Umfeld beruhigen: Wir agieren nicht nur sehr wirtschaftlich, sondern handeln auch eher konservativ.

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Tut sich denn im Winter noch etwas auf dem Transfermarkt?

Schuppan: Jene Spieler, die den Verein verlassen können, sind informiert. Wir halten selbstverständlich unsere Augen und Ohren offen. Eine Verstärkung im Offensivbereich, vielleicht einen Außenspieler, würde ich begrüßen. Aber wir werden nicht mit Gewalt etwas machen, nur damit wir noch etwas machen. Es muss alles passen.

Als die Kickers 2017 nach einem Jahr wieder aus der Zweiten Bundesliga abgestiegen sind, brach die Mannschaft komplett auseinander. Droht im Sommer ein ähnlicher Scherbenhaufen?

Schuppan: Wir sind alle im Verein davon überzeugt, auch in der kommenden Saison in der Zweiten Bundesliga zu spielen. Aber ich kann alle Fans und Sympathisanten des Vereins beruhigen: Sollte der Fall eintreten, wären wir darauf wesentlich besser vorbereitet als damals.

Die Kickers verstehen sich als Ausbildungsverein, haben aber bereits seit bald zwei Jahren keine U-23-Mannschaft mehr. War die Abmeldung ein Fehler?

Schuppan: Es war ein guter Ansatz, sich nur die Top-Talente aus der U19 herauszuholen und direkt zu versuchen, in die Profi-Mannschaft zu integrieren. Es ist uns allen bewusst und auch unsere Aufgabe, hier eine größere Durchlässigkeit zu erzielen. An dieser Stelle möchte ich unserem NLZ eine hervorragende Arbeit assistieren. Auf Dauer wird sich diese auch bezahlt machen.

Die Wiederbelebung der U23 steht also nicht auf ihrer Agenda?

Schuppan: Nein. Vielmehr werden wir die Nachwuchsarbeit von der U19 abwärts intensivieren. Diese sehe ich als eine unserer Hauptaufgaben an und sie ist für mich unheimlich wichtig.

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An diesem Samstag treffen die Kickers in Paderborn auf einen ihrer Ex-Vereine. Ein Klub, der für Sie als Vorbild dienen kann?

Schuppan: Der Weg, den der SC Paderborn genommen hat - mit vielen jungen Spielern und Akteuren, die keiner auf dem Zettel hatte - ist sehr interessant. Da hat Markus Krösche als Verantwortlicher seinerzeit sehr gute Arbeit geleistet. Das wurde auch schnell erkannt und er wurde von RB Leipzig verpflichtet. Mit ihm stehe ich auch oft im Austausch. Bei derartigen Gesprächen erweitere ich mein Know-How, mein Netzwerk und lerne täglich dazu. Paderborn wie auch andere erfolgreiche Vereine können in vielen Situationen als Vorbild dienen.

Was steht bei den Kickers denn derzeit ganz oben auf der Prioritätenliste, um sich eine Perspektive im Profifußball zu erarbeiten?

Schuppan: Ganz klar: die Infrastruktur. Damit meine ich nicht nur ein Stadion, sondern auch und vor allem ein festes Trainingsgelände für die Profis. Wir brauchen endlich und dringender denn je eine feste Heimat. Wir sondieren gerade, was möglich ist. Aber wir müssen da jetzt – lieber heute als morgen – nicht nur zu einer schnellen, sondern vor allem langfristig angelegten Lösung kommen.

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