Würzburg

Kurios: Wie ein Ex-Profi einem Würzburger Renn-Team zum Titel verhilft

Oldtimer-Rennserien erfreuen sich großer Beliebtheit. Nun hat das Würzburger "Team Feierabend Classic" eine solche gewonnen. Hinter dem Erfolg versteckt sich eine kuriose Geschichte.
Harte Zweikämpfe auf der Strecke: Kris Nissen (rechts) und seine Konkurrenten schonten ihre historischen Boliden in der Tourenwagen-Classics-"Pro Am"-Rennserie nicht.
Foto: Tourenwagen Classics | Harte Zweikämpfe auf der Strecke: Kris Nissen (rechts) und seine Konkurrenten schonten ihre historischen Boliden in der Tourenwagen-Classics-"Pro Am"-Rennserie nicht.

Er stört. Eigentlich müssten die Mechaniker der Feierabend GmbH im Würzburger Gewerbegebiet Veitshöchheimer Straße den Dreier-BMW der E30-Baureihe gleich mal aus der weitläufigen Halle schieben. Umrahmt von seinen Vorfahren, zwei BMW 328 aus den 1930ern und dem schneeweißen 64er-Modell 3200 CS, wirkt er mit Baujahr 1987 deplatziert. Thomas Feierabend muss lachen, als er durch das Fenster seines Büros auf den früheren DTM-Rennwagen blickt, der zunächst in private Hände gelangt war und seit fünf Jahren dem Oldtimer-Restaurator gehört. Er hat ihn in sein Herz geschlossen, "auch wenn wir uns in dieser Firma vor allem um Fahrzeuge aus den Dreißigern kümmern". Das mag daran liegen, dass der weiße Münchner mit der auffälligen Tic-Tac-Beklebung den Würzburgern den Sieg in der Tourenwagen-Classics-"Pro Am"-Rennserie beschert hat.

Teamchef Feierabend, der für den Bajuwaren gern auch mal ein paar Überstunden macht, saß nicht am Steuer, als der frühere Rennwagen der schon verstorbenen DTM-Fahrerin Annette Meeuvissen Stoßstange an Stoßstange um Punkte kämpfte. Das übernahm Kris Nissen. Klingelt's? Zumindest den Älteren ist der Ex-VW-Motorsportdirektor noch ein Begriff. 1988 überlebte der seitdem schwer gezeichnete Pilot in Japan einen Feuer-Unfall - trotzdem klettert der 60-jährige Norweger, der mittlerweile in der Schweiz lebt, immer noch gern mit Helm und Montur in enge Cockpits. Dass er das für den Würzburger Rennstall tat, ist einem mehr oder minder profanen Umstand zu verdanken: "Ich fahre keinen Ford." Nissens Stimme klingt durch die lange Leitung aus der Schweiz viel zu ernst, als dass man meinen könnte, er habe einen Witz gerissen. 

"Ich bin ja schließlich mal BMW-Werksfahrer gewesen. Ralph Bahr hatte mir einen Ford als Ersatz angeboten, doch das wollte ich nicht."
Ex-Profi-Rennfahrer Kris Nissen über den Grund seines Wechsels zum Würzburger Team 

Das will er Ralph Bahr, dem Organisator der Tourenwagen Classics, entgegnet haben, für den er zunächst in der Serie fuhr, als der ihm erklärte, dass sein BMW kaputt und die Reparatur bis zum nächsten Rennen nicht möglich sei. Ein Reparaturstau ist bei den Oldies im Renneinsatz nichts Ungewöhnliches, nicht alle - meist sehr speziellen Teile - können vom einen auf den anderen Tag geliefert werden. "Ich bin ja schließlich mal BMW-Fahrer gewesen. Ralph hatte mir einen Ford als Ersatz angeboten, doch das wollte ich nicht", verdeutlicht Nissen, der perfektes Deutsch spricht. So wurde der Kontakt zu Feierabend geknüpft, der einen passenden BMW hatte.

Kris Nissens Arbeitsplatz: Auch im Cockpit sind Ähnlichkeiten mit der Straßenversion zu erkennen.
Foto: Dominik Großpietsch | Kris Nissens Arbeitsplatz: Auch im Cockpit sind Ähnlichkeiten mit der Straßenversion zu erkennen.

Schnell war klar, dass Nissen, der zunächst nur kurz zum noch unerfahrenen Feierabend-Team stoßen sollte, auch für die nun abgeschlossene Saison bleiben würde. In der Serie, in der sich ein Profi und ein Amateur die Renn-Kilometer teilen sollen, fuhr Nissen dann alleine, "weil Thomas in der Werkstatt durch die Corona-Pandemie zu viele Termine hatte". So musste der Däne dann stets in der Box ausharren, wenn die anderen Teams die Fahrer tauschten, ehe es wieder auf die Strecke ging, wo unter anderem auch Nissens Ex-Konkurrent Otto Rensing wartete, der sich mit dem späteren Audi-Fahrer schon in den 90ern duelliert hatte. 

Akribische Arbeit führt zum Titel 

Hinter diesen Oldtimer-Wettbewerben, die manch einer als Spielgeld-Verbrennungs-Maschine ein paar Reicher sehen mag, steckt nicht nur eine gut gefüllte Portokasse und ein bisschen Spaß, sondern auch - und vor allem im Falle von Kris Nissen - eine große Portion Ernst. Gut, verraten, wie viel der 300 PS starke Dreier-BMW wert ist, wollen Feierabend und sein Kumpel Klaus Baumann, der fleißig bei den Rennwochenenden mit anpackt, nicht. Der Preis, so hoch er auch sein mag, spiele eine untergeordnete Rolle - wenn überhaupt. Die Beteiligten sind Enthusiasten, die sich wahrscheinlich nicht mit einem Buch auf die Couch legen würden. Es sei denn, es wäre ein Reparaturhandbuch.

Ins Detail geht Baumann, der Geschäftsleiter eines Autohauses in Röttingen, dann aber, als Mechaniker-Meister Karlheinz Thume - mit einem Ordner bepackt - ins Büro kommt. "Es macht einfach Spaß. Thomas und ich kennen uns seit der Schulzeit, und für mich ist das etwas ganz Tolles, um den Kopf frei zu bekommen. Wir waren auch schon mal bei Regen unter dem Auto gelegen und haben das Differential gewechselt." Ein Spaß der ganz besonderen Art.

Glückliche Gesichter am Siegerauto: Teamchef Thomas Feierabend (vorne) und Klaus Baumann legten mit viel Einsatz den Grundstein für den Erfolg.
Foto: Dominik Großpietsch | Glückliche Gesichter am Siegerauto: Teamchef Thomas Feierabend (vorne) und Klaus Baumann legten mit viel Einsatz den Grundstein für den Erfolg.

Was, wann, wie und wo gemacht wird, halten die Schrauber stets auf Papier fest, erklärt der frühere Ford-Spezialist Thume, als er die Listen aus dem Ordner holt. "Kris Nissen ist da schon sehr akribisch. Er merkt die kleinsten Feinheiten und möchte auch, dass das dann gemacht wird", so der frühere Werkstatt-Inhaber. Er selbst, noch nicht lange für Feierabend tätig, gilt unter den Kennern der Vorkriegs-Vehikel, die immer noch ein großer Teil der Kundschaft fährt, als Experte für die  jüngeren Autos. Jünger bedeutet in dem Fall aber schon, dass die Kisten zumindest nicht mehr weit von der 30-Jahr-Marke entfernt sind, die das H-Kennzeichen zur Folge haben kann. 

Geht es mit Nissen im Cockpit weiter?

"Mit denen beschäftigen wir uns mittlerweile auch vermehrt, weil sich die Oldtimer-Szene wandelt und wir als Betrieb auf der Höhe bleiben müssen. Somit hat das Fahren in der Rennserie auch einen weiteren positiven Nebeneffekt", sagt Thomas Feierabend, nachdem er kurz in die Halle entschwunden war, um die Sattlerarbeiten an einem Fahrzeug zu umreißen. Das Dienstliche hat eben selten Pause. Nissen, der von dem Ganzen nichts mitbekommen hat, packt am Telefon ein Sonderlob aus - für die ganze Mannschaft. "Das sind wirklich ganz tolle Leute. Sie setzen meine Wünsche immer ganz genau um, so dass wir zusammen viel erreichen konnten."

Konzentriert: Kris Nissen nahm die Starts in der Klassik-Serie nicht auf die leichte Schulter.
Foto: Klaus Baumann | Konzentriert: Kris Nissen nahm die Starts in der Klassik-Serie nicht auf die leichte Schulter.

Feierabend, Nissen und das Team haben den Beweis angetreten, dass man einen teuren Oldtimer nicht nur für sonntägliche Ausfahrten aus der Garage holen muss, um sich dann über die 20 gefahrenen Kilometer zu ärgern, was so mancher Altblech-Fan im Geheimen tut. Ob der Däne mit den Würzburgern in der kommenden Saison an den Start geht, ist noch nicht geklärt. "Wir wollten uns bei der Saisonabschlussfeier zusammensetzen und alles Weitere bereden. Doch dazu kam es bislang nicht, weil größere Feiern in der derzeitigen Situation ja nicht machbar sind", erklärt Nissen. Abgeneigt sei er jedoch keineswegs. Feierabend sollte besser - so munkelt man - nur nicht auf die Idee kommen, ihm einen Ford vor die Nase zu setzen . . .

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