Würzburg

Leonie Beck: "Ich habe mich gefühlt wie ein Waschlappen"

Sieben Wochen durfte die Würzburger Schwimmerin nicht ins Becken. Inzwischen hat sie sich wieder an ihr Niveau herangearbeitet und hofft auf Olympia im kommenden Jahr.
Freiwasserschwimmerin Leonie Beck aus Würzburg ist zuversichtlich, dass die Olympischen Spiele 2021 in Tokio stattfinden können.
Foto: Daniel Peter | Freiwasserschwimmerin Leonie Beck aus Würzburg ist zuversichtlich, dass die Olympischen Spiele 2021 in Tokio stattfinden können.

Leonie Beck wirkt fröhlich und gelöst, als sie an diesem Morgen vom Training kommt. Zwei Stunden war sie im Wasser. Eine Tatsache, die die talentierte Athletin zu schätzen weiß, seit sie im Frühjahr sieben Wochen lang nicht schwimmen durfte. Corona hatte die Pläne der 23-Jährigen gehörig durcheinandergewirbelt. Statt bei den Olympischen Spielen in Tokio um Medaillen zu kämpfen, sanierte sie mit anderen Sportlern gemeinsam die Sauna im Würzburger Wolfgang-Adami-Bad. Die Ablenkung kam gelegen, jetzt aber liegt der Fokus auf Olympia 2021. Ein Gespräch über Herausforderungen, Optimismus und die wahren Werte im Leben.

Frage: Wie geht es Ihnen?

Leonie Beck: Mir geht es gut. (lacht)

Hinter uns allen liegt ein turbulentes Jahr. Was war für Sie die größte Herausforderung?

Beck: Die Olympia-Verschiebung. Wir wussten ja recht früh, dass das auf uns zukommen wird. Das ist dann auch irgendwann verdaut. Inzwischen hat die neue Saison begonnen, wir sind wieder im Training und alle motiviert. Ich bin zuversichtlich, dass die Olympischen Spiele nächstes Jahr stattfinden werden. Das muss ich ja auch sein. Ich kann ja die Sache nicht so angehen, als ob sie ausfallen würden.

Wo waren Sie, als Sie erfahren haben, dass die Olympischen Spiele verschoben werden?

Beck: Auf der Baustelle in der Sauna hier im Wolfgang-Adami-Bad. (lacht) Wir (die Athleten, Anm. d. Red.) haben mit renoviert. Dann kam die Nachricht und wir haben uns erstmal kurz hingesetzt. Klar waren wir erstmal traurig, das war ein blödes Gefühl. Aber es ging nicht anders und war absolut die richtige Entscheidung.

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Sie durften sieben Wochen lang nicht im Becken trainieren. Wie ist das für jemanden, der sonst zwei-, drei- oder viermal am Tag schwimmen geht?

Beck: Zum Glück waren wir durch die Sauna-Renovierung abgelenkt. Und klar haben wir Sport getrieben – draußen oder zu Hause. Aber das ist nicht dasselbe.

Was macht das körperlich mit einem, wenn man so lange nicht im Wasser trainieren kann? Es ist ja quasi unmöglich, Schwimmen an Land zu fingieren.

Beck: Das Wassergefühl verliert man schon sehr, sehr schnell. Schwimmen an Land nachzumachen, ist fast unmöglich. Klar kann man seinen Körper fit halten, indem man joggt, Fahrrad fährt und so weiter. Aber das Wassergefühl kann man an Land einfach nicht bekommen. Deswegen war es schon wichtig, dass wir wieder ins Wasser durften.

Das heißt, Sie hatten nicht das Glück, jemanden zu kennen, der einen Pool besitzt? Vielleicht gar einen mit Gegenstromanlage, wie ihn der dreimalige Ironman-Sieger Jan Frodeno zu Hause hat?

Beck: Meine Eltern haben im Garten sogar einen kleinen Pool. Aber der war am Anfang noch sehr, sehr kalt. Der hatte 15 Grad oder so. Als es wärmer wurde, haben wir angefangen, dort am Seil ein bisschen zu trainieren. Aber damit lässt sich normales Training natürlich nicht kompensieren.

Wie war es, das erste Mal wieder ins Wasser zu springen? Hat es sich fremd angefühlt? Oder war es eher wie heimkommen?

Beck: Beides zugleich. Erstmal habe ich mich gefühlt wie ein Waschlappen – oder wie eine gekochte Spaghetti. (lacht) Aber natürlich waren wir alle total froh, dass wir wieder trainieren und unsere Leistung wieder langsam aufbauen konnten. 

Nach sieben Wochen erstmals wieder ins Wasser zu springen, war für Leonie Beck schön und befremdlich zugleich.
Foto: HMB Media / Volker Danzer | Nach sieben Wochen erstmals wieder ins Wasser zu springen, war für Leonie Beck schön und befremdlich zugleich.
Wie lange hat es gedauert, die sieben Wochen Trainingsrückstand aufzuholen?

Beck: Erst jetzt merkt man, dass man sich langsam wieder weiterentwickelt. Es dauert schon sehr lange, den Trainingsrückstand aufzuholen. Wenn man es gewohnt ist, 80 Kilometer die Woche zu schwimmen, und dann geht das runter auf null, dann ist das natürlich ein Riesenunterschied. Das Wassergefühl kommt relativ schnell zurück, aber bis man wieder ansatzweise an seine Zeiten rankommt, das dauert dann doch ein bisschen.

Wie deprimierend ist es, seinen eigenen Zeiten so hinterherzuschwimmen?

Beck: Das ist schon sehr, sehr deprimierend. Aber man darf eben nicht vergessen, dass man lange nicht im Wasser war und es gar nicht funktionieren kann vom einen auf den anderen Tag. Deswegen muss man da im Kopf einfach stark bleiben. Stefan (Lurz) und Nikolai (Evseev, beide Trainer, Anm. d. Red.) sagen uns auch fast täglich, dass das nicht von heute auf morgen direkt wieder funktionieren kann. Aber jetzt so langsam läuft's wieder normal. 

Sie sagen, man muss im Kopf stark bleiben. Das stelle ich mir in solchen Zeiten unheimlich schwierig vor. Wie hält man sich da bei Laune?

Beck: Mit meinen Trainern, der Familie und der Trainingsgruppe habe ich gute Unterstützung. Wir helfen uns alle gegenseitig, auch wenn ich das meiste mit mir selber ausmache. Und es ist nicht so, dass ich nicht motiviert bin oder mich nicht auf Olympia freue. (lacht) Wenn ich jetzt schon daran denke, wie sich das anfühlen wird an diesem Tag, dann bekomme ich Bauchkribbeln. Und die Zeit vergeht schneller, als man denkt.

Außerhalb der sportlichen Betroffenheit: Wie haben Sie persönlich den Lockdown erlebt?

Beck: Ich finde, wir haben in Deutschland Riesenglück gehabt. In Spanien oder so durfte man ja so gut wie gar nicht vor die Tür. Das war ja hier sozusagen Luxus dagegen. Meine Familie und ich haben die Zeit sinnvoll genutzt. Ich hab' mein Zimmer entrümpelt, wir haben die Garage mal ausgemistet, ich hab' ein bisschen mehr für die Uni gemacht und mich jedenfalls nicht gelangweilt. (lacht)

"Ich bin ein Mensch, der gerne etwas zurückgibt, der auf andere achtet und sie respektiert."
Leonie Beck, Freiwasserschwimmerin
Hat sich Ihre persönliche Einstellung zum Leben in diesem Jahr verändert?

Beck: Ich war schon immer sehr dankbar und hilfsbereit. Ich bin ein Mensch, der gerne etwas zurückgibt, der auf andere achtet und sie respektiert. Ich denke, in diese Richtung hat sich die gesamte Gesellschaft entwickelt. Das finde ich gut. Dass mehr Wert auf die wichtigen Dinge im Leben gelegt wird und nicht auf irgendwelche oberflächlichen Sachen. Freunde, Familie, Gesundheit – diese Dinge sind für mich schon immer das Wichtigste gewesen.

Sind Sie eher Optimistin oder Pessimistin?

Beck: (Ohne Zögern) Optimistin! (lacht)

Nachdem in den vergangenen Wochen so etwas wie Normalität eingekehrt war, steigt die Zahl der Corona-Infizierten momentan wieder täglich. Gerade haben wir in Würzburg die Inzidenz von 100 überschritten. Bereitet Ihnen das Sorgen?

Beck: Ich werde mir darüber nicht den Kopf zerbrechen. Ich werde mich an alle Regeln halten und natürlich nach wie vor aufpassen und vorsichtig sein.

Wie sieht Ihr Alltag gerade aus?

Beck: Momentan habe ich noch vorlesungsfrei (Beck macht gerade den Masterstudiengang Medienkommunikation an der Universität Würzburg, Anm. d. Red.), deshalb hab' ich ein bisschen mehr Freizeit.  Am 4. November geht es dann wieder los. Aber ich hab' dann auch nicht mehr so viele Vorlesungen und durch den Online-Unterricht spare ich Zeit. Aktuell habe ich früh zwei Stunden Training, frühstücke danach ordentlich, lege mich vor dem Mittagessen nochmal hin und dann geht's auch schon wieder zum Training. Da hat sich groß nichts geändert.

Leonie Beck ist froh, dass sie trotz fehlender Wettkämpfe im Schwimmbad trainieren darf. Inzwischen hat sie ihren Trainingsrückstand wieder aufgeholt.
Foto: HMB Media / Volker Danzer | Leonie Beck ist froh, dass sie trotz fehlender Wettkämpfe im Schwimmbad trainieren darf. Inzwischen hat sie ihren Trainingsrückstand wieder aufgeholt.
Haben Sie Angst vor einem zweiten Lockdown?

Beck: Es kommt, wie es kommen wird. Ich vertraue den Spezialisten, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen werden.

Und wie beurteilen Sie das gesamtgesellschaftliche Verhalten? Sind die Leute vernünftig genug, wenn es um Dinge wie Maske tragen oder Abstand halten geht?

Beck: Ich kann nur für mich und meinen Umkreis sprechen. Wir halten uns an alle Regeln.

Werden Sie als Bundeskader-Athletin eigentlich regelmäßig auf Corona getestet?

Beck: Nein, im Schwimmen gibt es keine vorgeschriebenen Tests für Bundeskader-Sportler. Es finden auch nur wenige Wettkämpfe in ganz kleinem Rahmen statt.

"Ich bin froh, dass ich im Schwimmbad trainieren darf. Das ist alles, was für mich zählt."
Leonie Beck, Olympia-Teilnehmerin
Ärgert es Sie denn, dass das zum Beispiel im Fußball ganz anders ist? Dass diese Sportart im Vergleich zu anderen so viel privilegierter ist?

Beck: Ich bin froh, dass ich im Schwimmbad trainieren darf. Das ist alles, was für mich zählt. Für mich gehen die Fußballer ihrem Beruf nach, wie viele andere auch. Solange die Spezialisten sagen, es sei kein erhöhtes Risiko, dass Spiele stattfinden, muss und werde ich diesen Aussagen vertrauen.

Und was bringt dieses Jahr noch für Sie, persönlich und sportlich?

Beck: Sportlich stehen noch die Bundesstützpunkt-Wettkämpfe in Würzburg an. Privat nur das Zusammenkommen mit der Familie an Weihnachten. Ansonsten läuft alles eigentlich ganz normal.

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