Würzburg

Mensch Wucherer: Basketballtrainer und alleinerziehender Vater

Der Trainer von Bundesligist s.Oliver Würzburg ist Vater zweier Söhne. Einer lebt bei ihm. Wie schafft ein Profisportler diesen Spagat? Und wer hilft? Eine Spurensuche.
Der Trainer als Vater: Denis Wucherer - hier noch als Coach von Gießen - und seine Kinder nach einer Niederlage in Berlin, die den Hessen am letzten Spieltag die Play-off-Teilnahme gekostet hat. Ironie: Nur deshalb erreichte damals Würzburg, wo er heute arbeitet, das Viertelfinale um die Meisterschaft. 
Foto: Martin Vogel | Der Trainer als Vater: Denis Wucherer - hier noch als Coach von Gießen - und seine Kinder nach einer Niederlage in Berlin, die den Hessen am letzten Spieltag die Play-off-Teilnahme gekostet hat.

Februar 2020, Valencia, vor dem Trainingszentrum des heimischen Basketsballklubs. Und vor Corona. Denis Wucherer stellt einen Tisch aus dem Schatten mehr in die Mitte des großen Platzes vor dem „L’Alqueria del Basket". Zwei Stühle dazu. Ins Warme. Auf dass das Gespräch angenehm werden möge. Gut 22 Grad. Die Sonne scheint. Es ist hell. Wucherer hat eine Sonnenbrille auf. Gleich wird es ziemlich ins Private gehen.

Heute, über ein gutes halbes Jahr später, sagt er: "Das war okay, damals." Gilt das in Valencia Gesagte heute noch? "Ja. Auf jeden Fall." Auch, wenn sich durch Corona viele Umstände auf den Kopf gestellt haben.

Thema des damals in Valencia Gesagten: Wie funktioniert das als alleinerziehender Vater im Profisport? 

Denis Wucherer ist Cheftrainer von Basketball-Bundesligist s.Oliver Würzburg, der damals in Spanien ein kurzes Trainingslager abhielt. Er ist inzwischen 47 Jahre alt, 100-zigfacher Nationalspieler, EM-Silbermedaillen-gekürt . . . Basketball. Immer nur Basketball. Nach knapp zwei Jahrzehnten als Spieler seit gut einem Jahrzehnt Trainer. Und Mensch. Und zweifacher Vater.

Es ist hell in der spanischen Februar-Sonne - Wucherer nimmt während des ganzen Gesprächs, gut eineinhalb Stunden lang, seine Sonnenbrille nicht ab. Und gewährt dennoch mehr Einblicke in sein Leben, als es üblich ist im Profisport.

Sieben Jahre - "für meine Verhältnisse damals ziemlich lange" - war Wucherer zusammen mit der Mutter seiner beiden Kinder. Er grinst, als er das sagt. Und so, wie er grinst, kann man - trotz Sonnenbrille - den Eindruck bekommen, dass da womöglich noch eine Geschichte dahinter stecken könnte.

Denis Wucherer scheint ein Mensch zu sein, der - wenn er ein wenig Vertrauen gewonnen hat - ziemlich offen und ehrlich ist. Jedenfalls drängt sich diese Annahme auf, wenn man ihn regelmäßig beobachtet und begleitet. Er hat seine damalige Lebensgefährtin in Südafrika kennengelernt. Dort ist er damals nach dem Ende seiner Spielerkarriere hin, um Abstand zu gewinnen von all dem Basketball-Ballyhoo, das er zuvor jahrzehntelang gelebt hatte. Eigentlich sein Leben lang. Schon als Jugendlicher war es nur immer um diesen Ball zwischen den zwei Körben gegangen.

Denis Wucherer bei der Arbeit.
Foto: Heiko Becker | Denis Wucherer bei der Arbeit.

Als "explosive Mischung" beschreibt er die Beziehung, weil "Südafrikaner sehr speziell" seien. Temperamentvoller als Europäer. Leidenschaftlicher. Später im Gespräch erwähnt Wucherer nebenbei, dass die Mutter seiner Kinder zuvor zusammen war mit dem eingebürgerten deutschen Fußball-Nationalspieler Sean Dundee, mit dem sie auch ein Kind habe. "War halt so, damals."

Es ist schwierig, einen Menschen möglichst objektiv zu porträtieren, der so ehrlich erscheint - nach Siegen wie nach Niederlagen. Es ist schwierig, zu erkennen, wie glaubhaft jemand wirklich erzählt, wenn man nicht in Augen sehen kann, weil die gerade verdeckt sind von einer Sonnenbrille, weil es so hell ist in Valencia. Und es ist schwierig einzuschätzen, wie viel Nähe Denis Wucherer tatsächlich zulässt, gerade.

Er wird sehr ernst: die Schulsysteme. Lange kann man darüber diskutieren mit ihm, und man spürt: ein sehr wichtiges Thema! Eines, das ihn umtreibt. Nachdem Wucherer und die Mutter seiner Kinder sich geeinigt hatten, dass es besser sei, die Söhne bei ihm aufwachsen zu lassen ("Die Jungs brauchen einen Vater", war laut Wucherer die Übereinkunft), hatte er ein Problem: Wie Privatleben und Job verbinden? Hier Papa einer Kompanie von zumindest teilweise abgezockten Profisportlern - dort alleinerziehender Vater zweier kleiner schulpflichtiger Kinder.

Nach einem souveränen Sieg in der Bundesliga sagte der sichtlich unzufriedene Wucherer in kleinem Kreis schon mal: "Ja, klar, gut, heute! Aber zu Hause habe ich gerade die volle Punktzahl eingefahren." Er meinte die Stegreifaufgabe seines Jüngsten. Höchstpunktzahl: sechs.

Auszeit: Die braucht auch ein alleinerziehender Vater bestimmt ab und an.
Foto: Heiko Becker | Auszeit: Die braucht auch ein alleinerziehender Vater bestimmt ab und an.

Die Arbeitsstationen des Vaters als Trainer: Leverkusen. München. Gießen. Köln. Würzburg. Für die kleine Familie, für die beiden Söhne, bedeutete dies: Nordrhein-Westfalen. Bayern. Hessen. Nordrhein-Westfalen. Bayern. Unterschiedliche Bundesländer - unterschiedliche Ansprüche.

"Ich habe einen meiner Söhne ans bayerische Schulsystem verloren", sagt Wucherer. "Wir haben vor gut einem Jahr die Reißleine gezogen." Keegan, sein jüngerer Sohn, lebt inzwischen bei seiner Mutter in Schottland, wo sie ein neues Leben und einen neuen Mann gefunden hat. Und Keegan kann nach den vielen Schulwechseln endlich auch richtig Rugby spielen, wie sein Vater betont: Rugby ist der Nationalsport Südafrikas. Wucherer liebt ihn. Und kann lange darüber philosophieren. Auf der Insel ist dieser Sport weiter verbreitet als auf dem europäischen Festland. Die Noten des 13-Jährigen seien inzwischen auch besser.

Wucherer sagt, er und seine ehemalige Lebensgefährtin hätten ein gutes Verhältnis und würden sich gegenseitig helfen, was die Kinder angeht. "Inzwischen ist es weniger explosiv. Da hat sich eine richtige Freundschaft entwickelt. Das klappt vorbildlich." Inklusive kurzfristigem Einflug der Mutter aus Schottland, wenn es nötig war, um für James zu sorgen. Jedenfalls vor Corona.

"Keine Zeit für Beziehung."
Denis Wucherer, alleinerziehender Vater

James ist der Ältere. Der 14-Jährige lebt bei seinem Vater. Wucherer ist seit geraumer Zeit Single: "Keine Zeit für Beziehung." Er lächelt, als er das sagt. Und wie kriegt er das geregelt, dauernd unterwegs zu sein als Trainer einer Profimannschaft und zugleich Vater? Wucherer verweist auf viele Hilfe in Würzburg und von der Familie. Sein drei Jahre älterer Bruder Nicolas, einst selbst Bundesliga-Basketballer in Würzburg, wohnt im Vorort Veitshöchheim und hilft immer mal wieder aus. Und während der Corona-Pause hatte ja auch Wucherer mehr Zeit als sonst.

Auf was Wucherer von sich aus nicht verweist: Es gibt eine bekannte Würzburger Basketball-Familie, die auch immer wieder mal ausgeholfen hat, weil er mit dem Sohn sehr gut konnte, ein Nationalmannschaftskollege: James wurde von Helga und Jörg Nowitzki fast schon verhätschelt, jedenfalls in Wucherers Sinn gut behandelt. Diese Familie weiß ja nur zu gut, wie man Schule und Sport verbinden kann. James spielt nicht Rugby. James spielt Basketball. Und er war längere Zeit Teamkollege von Dirk Nowitzkis Neffen in einem Nachwuchsteam der Baskets.

Wucherer betont, dass er auch in seinen Trainerstationen zuvor stets große Unterstützung erfahren habe - dennoch: Seine Vertragsverlängerung in Würzburg im März kurz vor der unerwarteten Corona-Pause hatte auch viel damit zu tun, dass er - trotz anderer Angebote - nicht schon wieder umziehen und James eine neue Schule zumuten wollte. "Wenn er aus dem Gröbsten raus ist, sieht man weiter."

James hatte - vor Corona - bei Spielen den Akteuren seines Vaters häufiger die Handtücher gereicht. Hat man das regelmäßig beobachtet, konnte man das Gefühl bekommen, dass es letztlich nicht zwingend nur ums Reichen der Handtücher ging. Eher um die Nähe zum Daddy, wenn der gerade arbeitet. Und es könnte etwas mit der Liebe zu diesem Sport zu tun haben.

Es sind ein paar Wolken aufgezogen in Valencia. Am Ende des Gesprächs nimmt er dann doch noch die Sonnenbrille ab. Denis Wucherer hat grüne Augen - und einen festen und offenen Blick.

Denis Wucherer und seine beiden Söhne in den Katakomben der Frankfurter Basketball-Arena.
Foto: Martin Vogel | Denis Wucherer und seine beiden Söhne in den Katakomben der Frankfurter Basketball-Arena.
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