Frauenland

Rugby in Würzburg: Ein Raufbold-Sport für Gentle(wo)men

Der Legende nach soll Rugby aus einer Partie Fußball heraus entstanden sein. Die Sportart wird auch bei jungen Frauen immer beliebter. Warum? Ein Trainingsbesuch gibt Aufschluss.
Ein Tackling – Ulrike Borchard vom Würzburger Rugby-Klub legt ihre Gegenspielerin geführt ab, indem sie sie umklammert und aushebt.
Foto: RKW | Ein Tackling – Ulrike Borchard vom Würzburger Rugby-Klub legt ihre Gegenspielerin geführt ab, indem sie sie umklammert und aushebt.

Rumms. Das ist das Geräusch, das jeden Donnerstagabend über das Sportgelände der TG Würzburg hallt. Auf dem Platz sieht alles zunächst nach einem gewöhnlichen Fußballtraining aus: ein herrlich grüner Rasen, grell leuchtendes Flutlicht, verschwitzte Sportler. Isotonische Getränke stehen kalt bereit. Und doch findet hier nicht wie auf hunderten anderen Sportplätzen in Unterfranken ein Fußball-, sondern ein Rugbytraining statt.

Schenkt man einem alten Sprichwort Glauben, gibt es zwischen den beiden Sportarten trotz der ähnlichen Rahmenbedingungen einen gravierenden Unterschied: Fußball ist eine von Raufbolden gespielte Gentleman-Sportart, und Rugby ist eine von Gentlemen gespielte Raufbold-Sportart. Doch das stimmt nicht ganz: Schließlich betreiben nicht nur Gentlemen diesen Sport, sondern auch Gentlewomen.

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Ballett, Turnen, Reiten – die Liste an klischeebehafteten Mädchensportarten ist lang. Rugby steht mit Sicherheit nicht darauf. Trotzdem erfreut sich diese Sportart gerade bei jungen Frauen zunehmend an Beliebtheit.

Beim Blick auf das Trainingstreiben der Würzburger Rugby-Frauen wird schnell klar, warum das Sprichwort von einer Raufbold-Sportart spricht. Ist das "Rumms" beim Fußball zu hören, wenn der Fuß des Schützen oder der Schützin den Ball beschleunigt, so haben die Geräusche beim Rugby eine andere Ursache.

Die Kunst des Tacklens

Hier hört man den Aufprall beispielsweise, wenn die 20-jährige Marieke Böhme im Vollsprint gegen eine Schaumstoff-Tasche rennt. Die blonden, geflochtenen Haare der Würzburgerin wehen quer durch die Luft, als sie mit großen Schritten Anlauf nimmt und den künstlichen Gegner umklammert. Böhme, die früher Synchronschwimmerin war und vor knapp fünf Jahren durch ihren Bruder zum Rugby kam, übt gerade das sogenannte Tacklen. So nennt man in der Rugbysprache den Versuch, seine Gegenspielerin zu umgreifen und dadurch zu Boden zu bringen.

Was im ersten Moment schmerzhaft aussieht und für Laien das Bild des Rugbys als gewaltsame Sportart prägt, folgt in Wirklichkeit klaren Regeln. So darf die Ballträgerin nur unterhalb der Schultern attackiert werden, und ballferne Aktionen, wie es sie beim Football gibt, sind ohnehin tabu.

Teamkollegin Ulrike Borchardt, mit 31 Jahren die Erfahrene im Team, führt dabei sogar eine ungeschriebene Fürsorgepflicht ins Feld: „Wir sind als Tackler dafür verantwortlich, den Gegenspieler sicher zu Boden zu bringen.“ Deswegen seien Rugby-Spielerinnen auch nicht häufiger oder schlimmer verletzt als zum Beispiel eben Fußballerinnen. Böhme ergänzt: „Im Grunde ist ein Tackling nichts anderes als das geführte Ablegen des Gegenspielers.“ So formuliert klingt das Getacklet-Werden schon fast wieder erstrebenswert. Und erklärt auch den Gentle(wo)men-Teil des Sprichworts.

Liebe auf den ersten Blick

Die groß gewachsene Borchardt ist die prägende Figur der Frauenabteilung der Würzburg Lions. Die Sportlehrerin stieß vor acht Jahren während ihres Studiums beim Auslandssemester in Rumänien auf die Sportart Rugby. „Ein Studienfreund hat mich so lange bearbeitet, bis ich einmal mit ins Training gekommen bin", erzählt sie. "Da war´s dann Liebe auf den ersten Blick. Ich habe es bis heute nicht bereut.“

Ein Schlüsselerlebnis. Direkt nach ihrer Rückkehr nach Würzburg begann die gebürtige Kemptenerin, mithilfe der Männer im Verein eine Frauenabteilung aufzubauen – und bis heute weiter auszubauen. Aktuell zählen die Lions 19 weibliche Mitglieder, mit den Junioren und Männern zusammen kommt die ganze Abteilung auf über 80 Rugby-Begeisterte. Die Frauen spielen in der Siebener-Bundesliga Division Süd-Ost, die Männer in der Verbandsliga Bayern Nord.

Das Ziel von Böhme, Borchardt und ihrem Team ist es, wie in fast jeder Sportart, so viele Punkte wie möglich zu erzielen. Dazu versuchen sie, hinter die gegnerische Grundlinie zu gelangen, um dort den Ball kontrolliert oder, wenn man so will, ebenfalls geführt abzulegen. Das ist ein sogenannter Versuch und bringt dem Team fünf Punkte ein. Böhme, deren Zwillingsschwester Anneke ebenfalls im Team Rugby spielt, schränkt lachend ein: „Das ist aber natürlich leichter gesagt als getan!“

Eine Regel wie für Toni Kroos gemacht

Schließlich steht auch auf der Gegenseite ein siebenköpfiges Team, das genau das verhindern will. Um an den Gegnerinnen vorbeizukommen, ohne dabei selbst geführt abgelegt zu werden, passen sich Borchardt, Böhme und Co. den eiförmigen Ball gegenseitig zu. Dabei gilt allerdings eine Regel, die den ehemaligen Fußball-Nationalspieler Querpass-Toni Kroos für diesen Sport prädestinieren würde: Der Ball darf stets nur nach hinten gepasst werden, niemals nach vorn.

Im besten Fall ist irgendwann nach der Passstafette keine Gegnerin mehr im Weg, und eine Würzburgerin kann bis zur Grundlinie durchlaufen, um die Punkte einzusacken. Die Schiedsrichter achten dabei sehr genau darauf, dass niemand den Ball nach vorne passt oder sogar nur aus Versehen nach vorne fallen lässt. „Das wäre nämlich ein verbotener Vorball, und der Ballbesitz wandert automatisch an die andere Mannschaft, was ziemlich ärgerlich ist“, erklärt Borchardt, die Rugby kurz auf Teamgeist, Dynamik und Kommunikation herunterbricht.

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Entstanden sein soll Rugby sogar tatsächlich aus einer Partie Fußball heraus. Der Mythos besagt, dass William Webb Ellis und sein Team im Jahre 1823 ein Fußballspiel zu verlieren drohten, das in der Stadt Rugby in England gespielt wurde. Ellis packte wohl aus Wut den Ball mit der Hand und legte ihn ins Tor, also hinter die Torlinie, des Gegners. Anscheinend machte ihm das so großen Spaß, dass er kurzerhand eine neue Sportart erfand und diese nach der Stadt ihrer Entstehung benannte – Rugby eben. Obwohl niemand sicher sagen kann, dass sich diese Geschichte wirklich so zugetragen hat, ist der Pokal der Weltmeisterschaft noch heute nach dem vermeintlichen Erfinder benannt.

Für Nationalteams aktiv

Zwar haben weder Böhme noch Borchardt bisher an einer WM teilgenommen, doch haben beide schon mit dem Adler auf der Brust für Nationalauswahlen gespielt. Noch heute bekommen beide Gänsehaut, wenn sie von diesen besonderen Momenten erzählen.

Besonders gefällt den beiden Frauen, dass Rugby für sie weit mehr als ein Sport ist. „Rugby ist Gemeinschaft, Respekt, Toleranz – wir sind wirklich eine Rugby-Familie!“, schwärmt Borchardt. Das Vorurteil, für den Sport ein absolutes Kraftpaket sein zu müssen, bestätigt sie nicht. „Durch die verschiedenen Positionen kann wirklich jeder und jede seine Stärken einbringen, egal ob schnell oder langsam, ob klein oder groß." Lachend fügt sie hinzu: „Training ist dienstags und donnerstags um 19.30 Uhr. Kommt vorbei und probiert es aus!“

Die Einladung gilt selbstverständlich nicht nur für Gentlewomen. Auch Gentlemen dürfen sich gerne ausprobieren.

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