Würzburg

Was macht eigentlich... Otto Knarr?

Früher im Stadion oder der Halle erfolgreich – und jetzt? Wie geht es Unterfranken, die den Sport prägten, nach der Karriere? Diese Woche erzählt der ehemalige Leichtathlet Otto Knarr aus seinem Leben.
Alles im Lot: Otto Knarr fühlt sich im Taxi wohl und an der Seite seiner Gattin Ilka bestens aufgehoben.
Foto: Fabian Fruehwirth/www.faf-presse | Alles im Lot: Otto Knarr fühlt sich im Taxi wohl und an der Seite seiner Gattin Ilka bestens aufgehoben.

Ein schwerer Unfall bremste einst seine Leichtathletik-Karriere, noch ehe sie so richtig begonnen hatte: Otto Knarr war drauf und dran, einer der besten deutschen Mittelstreckler der Sechziger und Siebziger zu werden, als er bei der Militär-Weltmeisterschaft 1968 zwischen zwei Bussen eingeklemmt und schwer verletzt wurde. Neben etlichen gebrochenen Rippen war Knarr zunächst halbseitig gelähmt.

Ein schwerer Schlag, denn der Würzburger stand als deutscher Waldlauf-Meister im erweiterten Aufgebot für die olympischen Spiele in Mexiko. Zwei Jahre zuvor war er in die Junioren-Nationalmannschaft berufen worden und holte im bundesdeutschen Trikot 1966 in Odessa den EM-Titel über 1500 Meter. Knarr versuchte zwar ein Comeback, wurde nochmal süddeutscher Meister, doch reihte sich Verletzung an Verletzung. Ein schwerer Autounfall bedeutete 1971 schließlich endgültig das Aus.

"Fußballer waren früher für mich Stehgeiger. Wir Leichtathleten haben viel mehr trainiert", erinnert Knarr sich heute. Trotzdem machte er nach einer Umschulung zum Masseur im Fußball den Trainer-B-Schein mit Schiedsrichter-Lizenz und blieb bei dieser Sportart als Masseur hängen, nachdem ihn Werner Lorant für den SV Heidingsfeld verpflichtet hat. Nach Differenzen mit ihm ging's dann zu den Würzburger Kickers, wo er 15 Jahre blieb - und später als Hausmeister und Mädchen für alles. "Und das, obwohl mein Vater ein Blauer war."

Inzwischen fährt der heute 74-jährige Vater zweier Töchter seit rund 30 Jahren Taxi ("als der Otto mit seinem Taxi bin ich vor allem bei den älteren Damen sehr bekannt, weil ich mit ihnen immer ratsche") und lebt mit seiner zweiten Frau Ilka ("sie ist meine Goldmedaille") in Biebelried (Lkr. Kitzingen). 

Noch topfit: Otto Knarr beim Residenzlauf. Dennoch gehören Wettkämpfe eher der Vergangenheit an.
Foto: Christoph Weiß | Noch topfit: Otto Knarr beim Residenzlauf. Dennoch gehören Wettkämpfe eher der Vergangenheit an.
Wie erleben Sie die Corona-Krise und mit welchen Erwartungen gehen Sie in die nächsten Monate?

Otto Knarr: Beruflich hautnah mit meinem Taxi-Geschäft. Und privat recht ängstlich. Die Bilder aus dem letzten Frühjahr aus Italien mit diesen vielen Toten haben sich bei mir eingebrannt. Bei uns gibt zu Viele, die sich nicht an die Regeln halten. Aber ich bin trotzdem zuversichtlich, weil ich grundsätzlich positiv denke. Wir kommen da raus, aber es müssen alle mitarbeiten.

Ihre gegenwärtige Form?

Knarr: Geistig wie körperlich für mein Alter topfit.

Für welchen Sport bewegen Sie sich noch?

Knarr: Leichtathletik. Wenn Corona überstanden ist, will ich den ein oder anderen Lauf noch machen. Auf der Mittelstrecke. Ich habe mich ja auf 800 und 1500 Meter spezialisiert. Die Ausflüge zum Halbmarathon oder gar Marathon waren nichts für mich.

Und was bewegt Sie?

Knarr: Ich möchte gerne alt werden und das möglichst gesund. Aber länger als fünf bis zehn Jahre plane ich nichts.

Wofür wären Sie heute gerne noch mal jung?

Knarr: Eigentlich für nichts. Das Alter ist ja nur eine Zahl, und ich fühle mich jung. Die Jugend kann man nicht zurückholen, aber ich habe sie auch in vollen Zügen genossen.

Otto Knarr im Trikot der DJK Würzburg in der Blüte seiner Leichtathletik-Laufbahn.
Foto: Knarr | Otto Knarr im Trikot der DJK Würzburg in der Blüte seiner Leichtathletik-Laufbahn.
Was schätzen Sie am Alter am meisten?

Knarr: Die sogenannte Altersweisheit. Wenn früher die Oma gesagt hat "Lass dir was sagen von Erfahrenen", hab ich gesagt "Was willst du mit deiner Erfahrung" - jetzt weiß ich, was sie gemeint hat. Grobe Fehler mache ich keine mehr.

In welche Zeit würden Sie mit einer Zeitmaschine reisen und warum?

Knarr: In den Wilden Westen. Die Geschichte der Indianer interessiert mich, die Natur, das weite Land.

Ihr Lieblingsort?

Knarr: Mein Zuhause. Allerdings würde ich auch gerne nochmal nach Kapstadt, wo ich einst mit der Junioren-Nationalmannschaft war.

Was haben Sie vom Leben gelernt?

Knarr: Geduld. Getreu dem chinesischen Sprichwort: Wenn du es eilig hast, gehe langsam.

Und was hat Sie der Sport gelehrt?

Knarr: Disziplin. Und dass man erreichen kann, was machbar ist, wenn man nicht resigniert und einen starken Willen hat. Niederlagen lehren einen, nicht aufzugeben. Ich habe einmal durch Leichtsinn ein Rennen nach  Fotofinish verloren. Da hat mein Trainer gesagt: "Otto, lauf nicht 1500 Meter, laufe 1510."

Otto Knarr im deutschen Nationaltrikot bei einem 3000-Meter-Hürden-Rennen im Schweinfurter Willy-Sachs-Stadion.
Foto: Knarr | Otto Knarr im deutschen Nationaltrikot bei einem 3000-Meter-Hürden-Rennen im Schweinfurter Willy-Sachs-Stadion.
Bei welchem Thema werden Sie angriffslustig?

Knarr: Bei Ungerechtigkeit. 

Und wen oder was würden Sie immer verteidigen?

Knarr: Meine Familie. In erster Linie meine Ilka, die mir nach der Scheidung der ersten Ehe so viel fürs Leben mitgegeben hat. 1980 habe ich sie kennengelernt und für sie gebe ich alles.

Wie waren die ersten Wochen/Monate nach Ihrem Karriereende in der Familie?

Knarr: Eigentlich ganz ruhig. Ich bin ja immer noch etwas gelaufen danach. Und das Ende der Leistungssport-Karriere kam ja schon früh durch meinen schweren Unfall 1968. Ich habe zwar versucht weiterzumachen, doch Verletzungen haben mich immer wieder zurückgeworfen. Und dann habe ich auf Masseur umgeschult, so dass es ein fließender Übergang war.

Welchen Moment Ihres Lebens würden Sie gerne noch einmal erleben?

Knarr: Die Geburt meiner Tochter war sicher ein überragendes Erlebnis. Wenn man sieht, wie so ein Würmchen auf die Welt kommt.

Welches sportliche oder menschliche Foul würden Sie gerne rückgängig machen?

Knarr: Da gibt es eigentlich keines. Fairplay zeichnet mein Leben aus.

Otto Knarr drückt beim Fußball die Daumen für den FC Würzburger Kickers, für den er auch lange Zeit als Masseur tätig war.
Foto: Knarr | Otto Knarr drückt beim Fußball die Daumen für den FC Würzburger Kickers, für den er auch lange Zeit als Masseur tätig war.
Wenn Sie nicht Sportler geworden wären – was dann?

Knarr: Vielleicht wäre ich in die Politik gegangen. 

Ihr Lieblingssportler heute?

Knarr: Dirk Nowitzki. Und Thomas Lurz. Was Thomas geleistet hat, ist unglaublich. Ich bin mal einen Halbmarathon gelaufen, am Abend vorher hat er mich motiviert. Das habe ich abgerufen, als ich zur Hälfte k.o. war. Ich bin dann weiter gelaufen, es war, als liefe ich über 1000 glühende Kohlen, aber ich habe durchgehalten. Seinen Willen, etwas zu erreichen, kann Leitfaden fürs Leben sein. Auch für Nicht-Sportler.

Was war das größte Abenteuer Ihres Lebens?

Knarr: Die Junioren-Europameisterschaft in Odessa. Da sind wir mit 24 Stunden Verspätung angekommen und ich bin gleich am ersten Tag Europameister über 1500 geworden und einen Tag später Fünfter über 3000 Meter.

Nach wessen Pfeife tanzen Sie heute?

Knarr: Großteils nach der von meiner Ilka. Mal pfeift sie laut, mal leise.

Worüber haben Sie zuletzt gelacht?

Knarr: Über die Hektiker im Straßenverkehr. Für einige ist es offenbar ein Highlight, ein Taxi zu überholen. Nur an der nächsten Ampel stehen sie wieder neben mir.

Sein Vorbild: Otto Knarr mit dem ehemaligen Langstrecken-Schwimmer Thomas Lurz (SV 05 Würzburg).
Foto: Knarr | Sein Vorbild: Otto Knarr mit dem ehemaligen Langstrecken-Schwimmer Thomas Lurz (SV 05 Würzburg).
Was regt Sie auf?

Knarr: Ungerechtigkeit.

Wen bewundern Sie – und wofür?

Knarr: Wie gesagt, Thomas Lurz. Für seinen eisernen Willen, seine Motivation, sein Trainingspensum. Da kann sich manch Fußballer eine Scheibe abschneiden.

Wer oder was macht Sie glücklich?

Knarr: Meine Ilka, mein Zuhause und meine Zufriedenheit.

Und vor welchem Unglück fürchten Sie sich?

Knarr: Vor einem schweren Unfall, nach dem ich gelähmt wäre.

Was möchten Sie noch lernen?

Knarr: Wenig. Vielleicht, wie das Altern geht.

Es darf auch mal das Fahrrad sein: Otto Knarr auf einer Tour durchs Frankenland.
Foto: Knarr | Es darf auch mal das Fahrrad sein: Otto Knarr auf einer Tour durchs Frankenland.
Was möchten Sie unbedingt noch erleben?

Knarr: Eine gesundes Alter. 100 Jahre wären nicht schlecht, vorausgesetzt die Gesundheit macht mit.

Wovon träumen Sie?

Knarr: Ich habe keine großen Träume. Auch keine finanziellen, wie einen Lottogewinn. Geld allein macht nicht glücklich.

Welche Botschaft würden Sie (jungen Sportlern) gerne hinterlassen?

Knarr: Ich empfehle, sich Jemanden zu suchen, der einen beraten kann. Die Wege müssen sie dann selbst gehen. Aber sie sollten Ratschläge von Erfahrenen auch annehmen.

Als wer oder was würden Sie wiedergeboren werden?

Knarr: Als Otto.

Immer für einen Spaß zu haben: Otto Knarr fuhr das Quizmobil mit Main-Post-Reporter Kai Dunkel und Kabarettistin Birgit Süss.
Foto: Roland Schmitt-Raiser | Immer für einen Spaß zu haben: Otto Knarr fuhr das Quizmobil mit Main-Post-Reporter Kai Dunkel und Kabarettistin Birgit Süss.

Die Reihe: Was macht eigentlich...?

Fast jeder in der Region kennt sie – aber kaum einer weiß, was sie heute machen. Früher waren sie erfolgreiche Sportler, Trainer oder Funktionäre. Doch wenn sie nach ihren Karrieren nicht mehr im Scheinwerferlicht der Arenen, Hallen und Stadien stehen und damit im Fokus der Öffentlichkeit, verschwinden sie in der Regel auch aus den Schlagzeilen.
In unserer Reihe „Was macht eigentlich . . . ?“, die in losen Abständen erscheint, haben wir uns auf die Suche gemacht nach Menschen, die den Sport in Unterfranken im vergangenen Jahrhundert oder Jahrzehnt auf irgendeine Weise geprägt haben. Wir haben ihnen allen den gleichen Fragebogen zukommen lassen und sie gebeten, ihn für uns auszufüllen. Darin blicken sie zurück auf ihre Karrieren, verraten, was sie gegenwärtig auch jenseits des Sports bewegt und wovon sie in Zukunft noch träumen.
Sie wollen wissen, was aus einer ehemaligen lokalen Sportgröße geworden ist? Dann schreiben Sie in die Kommentare, über wen Sie gerne mehr erfahren würden. Wir versuchen, die Sportler zu kontaktieren, um herauszufinden, was sie eigentlich machen.
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