MÜNCHEN

Bruder Barnabas soll Buße tun

Ministerpräsidenten unter sich: Bayerns Regierungschef Horst Seehofer (rechts), sein Nockherberg-Double Wolfgang Krebs (Mitte) und der Kabarettist Helmut Schleich als Franz Josef Strauß (links) posierten beim traditionellen Münchner Starkbieranstich 2010 auf der Nockherberg-Bühne.
Foto: ddp | Ministerpräsidenten unter sich: Bayerns Regierungschef Horst Seehofer (rechts), sein Nockherberg-Double Wolfgang Krebs (Mitte) und der Kabarettist Helmut Schleich als Franz Josef Strauß (links) posierten beim ...

An sich ist es ja dem Fastenprediger auf dem Münchner Nockherberg vorbehalten, der Politprominenz unten im Saal die Leviten zu lesen. Doch nach dem diesjährigen Auftritt forderten am Mittwochabend nicht wenige der prominenten Gäste von „Bruder Barnabas“ Michael Lerchenberg, diesmal selbst ordentlich Buße zu tun.



Vor allem an zwei Passagen in der gut dreiviertelstündigen Rede erhitzten sich die Gemüter: In einer Attacke auf FDP-Chef Guido Westerwelle (siehe Kasten unten) erkannten manche eine Anspielung auf den über dem Tor des Konzentrationslagers Auschwitz angebrachten zynischen Spruch „Arbeit macht frei“. Lerchenberg habe damit eine Grenze überschritten, kritisierte etwa Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. „Scherze, die das Leid der Opfer in den Konzentrationslagern verharmlosen oder gar der Lächerlichkeit preisgeben, sind eine Schande für die ansonsten gelungene Veranstaltung“, teilte Knobloch mit. Westerwelle selbst teilte der Paulaner-Brauerei am Donnerstag mit, er wolle künftig nicht mehr zum Bieranstich eingeladen werden. „Mit einem KZ-Wächter verglichen zu werden, geht zu weit“, schrieb der Bundesaußenminister.

Auch Attacken Lerchenbergs auf die aus seiner Sicht zu langsame bayerische Polizei stießen auf Kritik: Beim Amoklauf in einer Schule in Ansbach und bei der tödlichen Attacke auf einen Mann auf dem Münchner S-Bahnhof Solln seien Feuerwehr und Notarzt stets schneller gewesen, hatte der Fastenprediger von seiner Kanzel gewettert.

„Grenzwertig“, fand deshalb Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) Lerchenbergs Nockherberg-Predigt: „Über tragische Ereignisse wie in Solln macht man sich nicht lustig“, rügte die Würzburgerin. Auch Bayerns Grünen-Chefin Theresa Schopper bemängelte, die undifferenzierte Darstellung der Polizei als schlafmützige Prügelbande werde der Realität nicht gerecht.

Rückendeckung bekam „Bruder Barnabas“ dagegen von Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD): „Diese Schärfe, wo einem das Lachen im Halse stecken bleibt, ist in diesen Zeiten angemessen.“ Lerchenberg habe mit einer „ernsten und zornigen Rede“ zu den Ursprüngen der Fastenpredigt zurückgefunden und sei „nicht der Versuchung unterlegen, eine Unterhaltungsshow mit leichter Kost darzubieten“.

Strauß der „Star der Abends“

Einig waren sich die prominenten Gäste dagegen im Lob für den Auftritt von Helmut Schleich als Double von Franz Josef Strauß im anschließenden Singspiel. „Strauß war ohne Zweifel der Star des Abends“, befand etwa Bundesverteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg (CSU).

Spaß am Auftritt von „FJS“ hatte auch die Bayern-SPD: „Jetzt bin ich zum ersten Mal überzeugt, dass der Münchner Flughafen den richtigen Namen trägt“, sagte Bayerns SPD-Vorsitzender Florian Pronold.

„Der zweite Teil hat es rausgerissen“, analysierte auch Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). Dass Strauß auch mehr als 20 Jahre nach seinem Tod immer noch so ankomme, liege an der Sehnsucht der Menschen nach „politischen Typen“, glaubt Seehofer. „Ich möchte deshalb als Erfahrung aus diesem Abend noch schwieriger werden“, fügte er an und grinste schelmisch.

Über seine Darstellung wollte sich Seehofer nicht beschweren: „Ich bin mehr als fair behandelt worden.“ Dass ihm auf der Bühne seine Meinungswechsel vorgehalten wurden („Leute lasst euch was erklären, jedes Hirn das hat zwei Sphären“) konterte Seehofer mit Selbstironie: „Das mit den zwei Gehirnhälften stimmt ja – zum Teil.“ Bei „Kleinigkeiten“ sei er eben „großzügig“, so Seehofer: „In meinen Grundüberzeugungen bin ich aber äußerst hartnäckig.“



Zitate vom Nockherberg

FASTENPREDIGT

Bruder Barnabas zu Westerwelle:

„Alle Hartz-IV-Empfänger sammelt er in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drum rum ein Stacheldraht, das haben wir schon mal gehabt. Dann gibt's jeden Tag a Wassersuppn und einen Kanten Brot. Statt Heizkostenzuschuss gibt's zwei Pullover von Sarrazins Winterhilfswerk. Und überm Eingang steht, bewacht von neoliberalen Ichlingen im Gelbhemd, in eisernen Lettern: „Leistung muss sich wieder lohnen“.



Zur bayerischen Polizei: „Wenn ein Verrückter über ein Ansbacher Innenstadt Gymnasium herfällt, da braucht die Polizei elf langsame Minuten! Ein freiwilliger Feuerwehrler hat inzwischen vor Ort gehandelt. In Solln braucht die Polizei zwölf langsame Minuten. Der Notarzt war vorher da. (...) Dafür häufen sich die unrühmlichen Prügelauftritte des Amnesty International bekannten Münchner USK. USK heißt: das ,Unidentifizierbare Schläger Korps', dessen Wirken dann von Staatsanwalt und willfährigen Richtern alimentiert wird.“

SINGSPIEL

Die Bavaria zu Seehofer

„Der traut sich an mich auch nicht dran. Weil er bei Frauen keine Fehler mehr machen will. Aber Horsti – ich bin doch dei Mama!“

Strauß zu Stoiber

„Edmund, dich hätte ich eher beim Mineralwasser-Anstich in Bad Fachingen vermutet.“

Seehofer zum Quelle-Katalog

„Hab' ich mir extra anfertigen lassen. Hat 50 Millionen Euro gekostet. Gegen die Milliarden bei der Hypo Alpe Adria ist das nur ein Seehäuferl.“

TV-Tipp

Die Aufzeichnung des Starkbieranstichs am Münchner Nockherberg wird an diesem Freitag um 19.45 Uhr im Bayerischen Fernsehen wiederholt.

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