WÜRZBURG/SCHWEINFURT

Die Kuh guckt nicht auf die Uhr

Wer hat an der Uhr gedreht? Auch die Milchkühe von Karola (im Bild) und Lothar Ehehalt aus Roden (Lkr. Main-Spessart) reagieren sensibel auf die Zeitumstellung.
Foto: Joachim Schwamberger | Wer hat an der Uhr gedreht? Auch die Milchkühe von Karola (im Bild) und Lothar Ehehalt aus Roden (Lkr. Main-Spessart) reagieren sensibel auf die Zeitumstellung.

„Wenn ich 'ne Stunde früher in den Stall komme, gucken die Kühe dumm aus der Wäsche“, sagt Landwirt Lothar Ehehalt aus Roden (Lkr. Main-Spessart). Die Umstellung auf Sommerzeit, bei der die Uhr eine Stunde vorgedreht wird, irritiert eben nicht nur uns Menschen. Ehehalts 80 Milchkühe reagieren sensibel, wenn der Bauer morgens früher im Stall steht.

Deshalb werden die Tiere über drei Tage an die neue Zeit gewöhnt. Jeweils 20 Minuten früher bekommen sie Futter und werden gemolken. Trotzdem kann Ehehalt in den Tagen nach der Uhrumstellung weniger Milch verkaufen. In den Eutern ist zum früheren Gang an den Melkstand noch nicht so viel Milch. Das bestätigt auch Charlotte Förster, Leiterin des Lehrstuhls für Neurobiologie und Genetik an der Uni Würzburg. „Eine Verschiebung der Melkzeiten um eine Stunde kann aufgrund der Gewöhnung an feste Zeiten einen großen Unterschied machen“, sagt die Professorin, die auf dem Gebiet der sogenannten Chronobiologie forscht.

„Die Kühe geben knapp zehn Prozent weniger“, sagt Ehehalt, der auch Vorsitzender des Rinderzuchtverbands Würzburg e.V. ist. Bei einer durchschnittlichen Milchleistung von etwa 23 Litern täglich gibt jede Kuh gute zwei Liter weniger. Doch der Landwirt sieht die Sache entspannt – wenn er nach der Zeitumstellung im Herbst etwas später zum Melken kommt, sind die Euter entsprechend praller gefüllt und die Bilanz stimmt wieder. „Die Kühe haben ihren Rhythmus, wie wir Menschen auch“, weiß er.

„Tatsächlich wirkt sich die Zeitumstellung nur auf Haustiere aus, die mit dem Menschen in enger Gemeinschaft leben, denn die Wildtiere richten sich nach dem Sonnenaufgang und nicht nach der menschlichen Uhr“, sagt Charlotte Förster. Doch auch für Reh und Hase hat die Zeitumstellung eine Bedeutung – sie leben in den Wochen nach der Umstellung auf Sommerzeit besonders gefährlich. Die Rehe wandern wie gewohnt in der Morgendämmerung von den Wiesen in den Wald. Abrupt fällt der Berufsverkehr wieder mit der Dämmerung zusammen, die Leute sind in der Wahrnehmung der Tiere eine Stunde früher unterwegs.

Der ADAC schätzt, dass die Zahl der Wildunfälle nach der Umstellung auf die Sommerzeit deutschlandweit um etwa 20 Prozent ansteigt. Für Unterfranken gibt es dazu keine Zahlen. Doch „immer, wenn Berufsverkehr und Dämmerung zusammenfallen, ist die Zahl von Wildunfällen höher“, sagt Björn Schmitt, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Unterfranken in Würzburg.

Dass die Wildtiere im Frühjahr sehr aktiv sind, verstärke die Unfallgefahr für Mensch und Tier zusätzlich, meint der Jäger Wolfgang Schmitt. Er ist Vorsitzender der Hegegemeinschaft Werneck-Waigoldshausen (Lkr. Schweinfurt) und weiß von vielen Unfällen mit Hasen in diesen Tagen. Bei den Rehen lösen sich im Frühjahr die Familienbande mit den Jungtieren des Vorjahres, die auf der Suche nach neuen Revieren vermehrt umherwandern. „Außerdem geht die Landwirtschaft wieder los und die Menschen strömen in die Wälder – das Wild sucht das Weite“, meint Schmitt. Thomas Schreder vom Bayerischen Jagdverband rät deshalb: „In den nächsten Wochen sollten Autofahrer besonders vorsichtig sein.“

Ziemlich egal dürfte die Umstellung auf Sommerzeit Hund und Katze daheim sein. Die beiden Arten wären flexibel und würden sich wohl bei Frauchen melden, wenn es zum Beispiel Zeit für einen Spaziergang ist, meint Chronobiologin Förster. Und außerdem: „Sie werden sich wohl kaum beschweren, wenn das Fressen früher kommt als gewohnt.“

Weitere Artikel
Themen & Autoren
ADAC
Berufsverkehr
Landwirte und Bauern
Wildtiere
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!