BAYERN

Immer mehr Rentner verdienen sich was dazu

Nebenjob: In Bayern steigt sie Zahl der Senioren, die im Ruhestand einer bezahlten Tätigkeit nachgehen. Ist es immer finanzielle Not, die sie dazu zwingt? Experten rechnen jedenfalls damit, dass auch in Zukunft immer mehr Ältere arbeiten müssen.
Peter Demut aus Wiesenbronn (Lkr. Kitzingen) hat mit 67 Jahren noch einen neuen Minijob als Hausmeister angefangen. Mit 73 Jahren ist er jetzt in Rente gegangen.
Foto: Thomas Obermeier | Peter Demut aus Wiesenbronn (Lkr. Kitzingen) hat mit 67 Jahren noch einen neuen Minijob als Hausmeister angefangen. Mit 73 Jahren ist er jetzt in Rente gegangen.

Die Rente reicht einfach nicht – diesen Satz hört Bettina Schubarth oft. Nach Einschätzung der Sprecherin des Sozialverbands VdK Bayern, der rund 650 000 Mitglieder zählt, kämpfen vor allem Frauen mit zu niedrigen Renten, „leider holen die Männer bei dem Thema aber auf“. Fest steht: Immer mehr Deutsche arbeiten auch nach ihrem 65. Lebensjahr. Das belegen Zahlen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Demnach hatten 2015 etwa 665 000 von rund vier Millionen 65- bis 70-Jährigen noch einen Job. Das seien 300 000 mehr als noch im Jahr 2000. Damit hat sich der Anteil der Beschäftigten in dieser Altersgruppe von acht auf 16,6 Prozent mehr als verdoppelt.

Der GDV gibt auch gleich die Begründung für die steigende Erwerbstätigkeit der Rentner an: „Für die meisten arbeitenden Rentner ist das Geld weniger wichtig. Spaß an der Arbeit und menschliche Kontakte stehen im Vordergrund.“ Auch Heribert Engstler vom Deutschen Zentrum für Altersfragen betont, dass es viele Gründe gibt, warum immer mehr Rentner einen Job haben. Finanzielle Überlegungen sollte man dabei nicht abtun. In Umfragen zeigt sich nach Angaben von Engstler, dass das Geld vermehrt als Motiv angegeben wird.

Der Spaß an der Arbeit und der Kontakt zu anderen Menschen spiele aber auch eine große Rolle. Nach Ansicht von Engstler wachse auch der Wunsch, weiter eine Aufgabe zu haben.

Der Soziologe beobachtet eine veränderte Vorstellung vom Alter: „Der Ruhestand ist heute eine lange Phase.“ Die Menschen sind im Schnitt gesünder, wenn sie in Rente gehen, höher gebildet und anders orientiert: „Die Vorstellung, dass ich in den wohlverdienten Ruhestand gehe, in dem ich nichts mehr zu tun habe, hat sich hin zu einem aktiven Altern verändert.“ Auch darf nach Meinung von Engstler nicht vergessen werden: „Arbeiten im Ruhestand ist nicht vergleichbar mit dem Arbeiten vorher.“ Die überwiegende Zahl der Rentner ist in Teilzeit oder geringfügig beschäftigt. Die Arbeit ist damit nur ein Aspekt von mehreren im Leben. Engstler ist aber auch überzeugt davon: Die Zahl der arbeitenden Rentner wird weiter steigen. Und es werde verstärkt aus finanzieller Notwendigkeit sein. Schließlich hätten gerade Neurentner weniger Geld zur Verfügung.

Das Absinken des Rentenniveaus in den vergangenen Jahren sieht auch Bettina Schubarth vom VdK Bayern kritisch. Sie spricht von einer „Spaltung“ bei den Rentnern, „und die Unterschiede werden spürbarer“. Erwin Helmer warnt sogar vor einer „Zeitbombe“. Der Sprecher der Betriebsseelsorge in Bayern befürchtet, dass künftig noch viel mehr Rentner im Alter arm sein werden. Als Gründe nennt der Präses der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) die Zunahme der prekären Beschäftigung, die er auch in Bayern mit großer Sorge beobachtet.

Also Leiharbeit, befristete Verträge, Werksverträge und das Arbeiten im Niedriglohnsektor. Die Entwicklung, dass immer mehr Rentner arbeiten, sieht er daher skeptisch. Denn die deutlich steigende Zahl zeigt für ihn, dass es vor allem auch finanzielle Gründe sind, die Ältere einen Job ergreifen lassen. Als besonders besorgniserregend empfindet Helmer die Tatsache, dass Menschen, die bereits mit 50 plus ihre Arbeit verlieren, kaum wieder auskömmlich bezahlte Vollzeitstellen erhalten. „Diese Menschen stecken oft in einem Teufelskreis aus befristeten und schlecht bezahlten Jobs, die eine ausreichende Rente nicht mehr ermöglichen.

"Auch in der Region hätten viele Ältere ihren Arbeitsplatz verloren." Als Beispiele nennt Helmer die Unternehmen Manroland und Weltbild.

Von Altersarmut erheblich stärker betroffen sind seiner Meinung nach Frauen. Sie verdienen nicht nur im Schnitt oft weniger, sie arbeiten auch öfter in Teilzeit oder Minijobs, was sich in Renten auswirkt, die kaum zum Leben reichten. Der Mindestlohn sei ein überfälliger Schritt gewesen. „Doch gilt es, im Alter nicht nur überleben zu können, sondern so viel Geld zur Verfügung zu haben, dass ein Mindestmaß an gesellschaftlicher Teilhabe möglich ist.“ Das aber ist seiner Beobachtung nach immer öfter nicht der Fall. „Wer zum Beispiel ein Leben lang zum gesetzlichen Mindestlohn von 8,84 Euro Stundenlohn arbeitet, erwirbt einen Rentenanspruch weit unter der Grundsicherung im Alter“, erklärt Helmer. Laut Bundesarbeitsministerium wären etwa 11,50 Euro Stundenlohn nötig, „um sich wenigstens den Gang zum Sozialamt zu sparen. Die Rente läge dann bei 800 Euro“.

Auch Bettina Schubarth vom VdK spricht vom „Extrageld“, das immer mehr Senioren motiviert, arbeiten zu gehen. Ihnen genüge die Rente zwar zur Existenzsicherung, „aber wenn es darum geht, mal Kaffee trinken zu gehen oder Eintritt zu bezahlen, reicht das Budget eben nicht“. Nicht wenige gehen laut Schubarth auch in Rente und müssten beispielsweise noch ein Darlehen abbezahlen – für das die Rente dann zu knapp ist.

Wie Betriebsseelsorger Helmer verfolgt auch Schubarth die Entwicklung am Arbeitsmarkt mit großer Sorge: Menschen, die mit 50 plus ihre Stelle verlieren, haben auch ihrer Meinung nach kaum Chancen am Arbeitsmarkt. „Die Arbeitsmarktpolitik hat diese Altersgruppe abgeschrieben. Ich sehe hier keine Anstrengungen. Diese Menschen benötigen natürlich auch viel mehr Beratung.“ Wer mit 60 plus noch dringend einen Job braucht, schlägt sich nach Schubarths Einschätzung oft nur noch so durch. Geht es nach ihr, müssten die Unternehmer, die nach Fachkräften rufen, viel mehr in den Betrieben präventiv tun, damit die Arbeitskraft länger erhalten bleibt.

Mehrere Zehntausend Menschen müssen jedes Jahr aus gesundheitlichen Gründen ihren Job aufgeben, bevor sei das Rentenalter erreicht haben. Sie zählen nach Ansicht von Schubarth vom VdK Bayern zu den größten Verlierern in Sachen Rente. Denn: „Die Erwerbsminderungsrente ist ein großes Armutsrisiko.“

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