BINSBACH/WÜRZBURG

Nach blutigen Unfällen: Debatte über Jagd entbrannt

Nach dem dritten Jagdunfall innerhalb weniger Tage in Bayern ist eine Diskussion über Sinn und Unsinn von Jagden entbrannt.
Wildschwein im Visier: Unser Archivbild zeigt eine Aufnahme während einer Jagd im Jahr 2009 in Burgsinn (Lkr. Main-Spessart). Der Jäger trägt eine Signalweste und zielt auf den Schwarzkittel.
Foto: Klaus Hofmann | Wildschwein im Visier: Unser Archivbild zeigt eine Aufnahme während einer Jagd im Jahr 2009 in Burgsinn (Lkr. Main-Spessart). Der Jäger trägt eine Signalweste und zielt auf den Schwarzkittel.

Rund fünf Millionen Wildtiere werden in Deutschland jährlich erlegt. Dabei kommt es immer wieder zu Unfällen. Tragisch endete eine Jagd im unterfränkischen Binsbach, bei der ein Treiber von einem Jäger erschossen wurde. Jetzt ermittelt die Kriminalpolizei.

Am Wochenende war bei den Unglücken ein Mann getötet worden, zwei Personen wurden verletzt. „Die Häufung ist schon überraschend“, sagte Thomas Schreder, Sprecher des bayerischen Jagdverbandes (BJV).

Spaziergänger oder Jogger im Wald seien dennoch nicht gefährdet. Er bewertete die Unglücke als Einzelfälle, „die Sicherheit hat immer oberste Priorität“. Derzeit gibt es viele Jagden, weil der Schnee es erleichtert, die Tiere zu finden.
 


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Bei Binsbach, einem Stadtteil von Arnstein im Landkreis Main-Spessart, war am Samstag ein 66 Jahre alter Treiber bei einer Drückjagd auf Wildschweine von einem 52-jährigen Jäger erschossen worden. In Dietenhofen (Landkreis Ansbach) in Mittelfranken war am gleichen Tag bei einer Jagd auf Hasen eine 43-jährige Frau von Schrotkugeln im Gesicht getroffen worden.

Im oberpfälzischen Cham war, wie erst jetzt bekannt wurde, ebenfalls am Wochenende ein 60-Jähriger verletzt worden. Eine Jägerin hatte den Mann ins Bein getroffen, er musste in Krankenhaus gebracht werden.

Jährlich werden in Deutschland rund 800 Personen bei Jagdunfällen verletzt, so Lovis Kauertz vom Verein für Wildtierschutz Deutschland. Diese Zahl bezieht er aus einer Erhebung der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften.

„Jedes Jahr werden hierzulande etwa 40 Menschen durch Jagdwaffen getötet“, so Kauertz. In Deutschland gibt es rund 350 000 Jäger, davon 48 000 in Bayern, insgesamt werden von ihnen zwischen Flensburg und Oberstdorf rund fünf Millionen Wildtiere jährlich erlegt.

Nach den jüngsten Verletzten spricht auch der Bund Naturschutz von „bedauerlichen Einzelfällen“. Einen Grund, die Gesetze zu ändern oder die Jagden einzustellen, sieht Ralf Straßberger, Waldreferent des BN, nicht. Vor allem die Jagd auf Rehe oder Wildschweine sei wichtig, um die Bestände zu kontrollieren.

Dem widerspricht Lovis Kauertz: „Bei Wildschweinen gab es in den 80er Jahren in Deutschland 240 000 Abschüsse pro Jahr, jetzt sind es annähernd 600 000. Trotzdem wächst und wächst die Zahl der Tiere an.“ Bei Wildtieren mit einem starken sozialen Gefüge wie etwa bei Wildschweinen würden Verluste unverzüglich durch höhere Geburten kompensiert. Kauertz beschreibt die Jagd deshalb als „vollkommen ineffizient“.

Auch der Heilbronner Biologe Kurt Eichner von der „Initiative zur Abschaffung der Jagd“ schreibt auf seiner Homepage: „Je mehr Jagd auf Wildschweine gemacht wird, um so stärker vermehren sie sich.“ Er hat auf seiner Seite unter der Überschrift „Krieg in Wald und Flur“...


...viele Unfälle der laufenden Jagdsaison aufgelistet. Erst im September war im oberfränkischen Hof ein 26-jähriger Mann am Rande eines Maisfeldes von einem Jäger erschossen worden.

Über den tödlichen Jagdunfall bei Binsbach gibt es bislang noch wenige Erkenntnisse. Zweifelsfrei steht fest, dass sich das Drama zwar knapp an der Grenze des Landkreises Würzburg abgespielt hat, die Ermittlungen bei der Kriminalpolizei Würzburg aber unter Binsbach (Lkr. Main-Spessart) laufen.

Auf einem Feld im Bereich des Arnsteiner Stadtteils war am Samstagvormittag ein 66-jähriger Treiber erschossen worden. Nach Angaben der Kripo war der Mann bei der Drückjagd auf Wildschweine eingesetzt. Als er einen Schwarzkittel aufgeschreckt hatte, fiel der Schuss.

Der 52-jährige Schütze sei etwa „50 Meter plus x“ von ihm entfernt gewesen, so ein Polizeisprecher auf Anfrage unserer Redaktion. Der Polizeisprecher bestätigte, dass der Schütze ein sogenanntes Flintenlaufgeschoss, in Fachkreisen auch „Brenneke“ genannt, abgefeuert habe. Diese Munition wird vornehmlich bei der Jagd auf Schwarzwild verwendet.

Bei der Jagd auf Schwarzwild wird mit Kugeln geschossen, deren Kaliber mindestens 6,5 Millimeter Durchmesser haben. Solch ein Geschoss fliegt in einer Parabel etwa vier bis fünf Kilometer.

Gegen den 52-Jährigen wird nun wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Der Strafrahmen für Delikte dieser Art bewegt sich nach Grad der Fahrlässigkeit und Tatumstände zwischen einer Geldbuße und fünf Jahren Haft.

Nach der Vernehmung durch die Würzburger Polizei kam der Jäger wieder auf freien Fuß. Sein ihn begleitender Anwalt habe der Polizei zugesichert, dass er sich um ihn kümmern werde.

Wie aus Jägerkreisen verlautet, haben etwa je 30 Jäger und Treiber an der Drückjagd in Binsbach teilgenommen. Diese Zahl nannte am Montag auch die Polizei, die die 60 Personen in den kommenden Tagen vernehmen wird.

Ursprünglich sei die Gesellschaft in der Binsbacher Gemarkung an anderer Stelle auf Hasenjagd gewesen, heißt es aus Jägerkreisen weiter. Nachdem ein Landwirt auf einem Senfacker einige Wildschweine entdeckt hatte, habe er die Gruppe gebeten, das Feld zu umstellen und durchzudrücken. In weiteren Schilderungen wird das Gelände als übersichtlich bezeichnet.

Treiber und Jäger bilden einen Kessel.
Foto: ArchivHannelore Grimm | Treiber und Jäger bilden einen Kessel.
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