Würzburg

Pflegenotstand: „Schockierende“ Berichte aus Kliniken der Region

Altenpflege       -  Sie sind Azubis, verantworten schon ganze Stationen in Krankenhäusern – und sind überfordert. Unterfränkische Politiker, Klinikdirektoren und ver.di schlagen Alarm.
Foto: Oliver Berg (dpa) | Sie sind Azubis, verantworten schon ganze Stationen in Krankenhäusern – und sind überfordert. Unterfränkische Politiker, Klinikdirektoren und ver.di schlagen Alarm.

Die Lage in der Pflege spitzt sich immer weiter zu, in den 400 bayerischen Krankenhäusern fehlen aktuell 13 000 Stellen. In Unterfranken waren im Jahr 2017 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 187 offene Stellen gemeldet, im Jahr zuvor waren es 139. Die Folgen sind bekannt: Übermüdete Pfleger und überforderte Auszubildende, die als Lückenbüßer dienen müssen. Die meisten brechen ihre Ausbildung deshalb frühzeitig wieder ab. „Viele Schüler werden aufgrund des Personalengpasses wie Vollkräfte eingeplant und verantworten nicht selten eine Station von 15 bis 20 Patienten“, sagt Sabine Karg, Sprecherin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe in Bayern auf Anfrage dieser Redaktion. Sie kann die Beobachtungen von Betriebsräten in unterfränkischen Kliniken bestätigen: Von 20 Auszubildenden bleiben nach wenigen Wochen häufig nur noch fünf übrig.

Beruf unattraktiv

Die schlechten Arbeitsbedingungen führten dazu, dass Schüler oft Aufgaben erledigen müssten, die sie noch gar nicht gelernt hätten. „Sie sind nicht selten überfordert und es passieren häufiger Fehler“, so Karg. Zwar würde eine bessere Anleitung in der Praxis jetzt mit der Reform der Pflegeausbildung für alle Bereiche verbindlich festgelegt, doch das ändere erst einmal nichts an der Tatsache, dass junge Leute unter den gegebenen Umständen keinen Beruf in der Pflege anstreben. Die Verweildauer dort beträgt zur Zeit 7,5 Jahre. Der Verband fordert seit langem einen gesetzlichen Pflegepersonal-Mindeststandart.

Der Pflegenotstand gehört auch in Unterfranken zum Alltag. SPD-Politiker der Region haben sich gerade in einem Gespräch mit Betriebs- und Personalräten unterfränkischer Kliniken ein Bild gemacht von diesem Alltag. „Es war schockierend, was wir zu hören bekamen“, so der Würzburger Landtagsabgeordnete Georg Rosenthal. An den Arbeitsbedingungen zeige sich auch eine erschreckende Geringschätzung der Arbeit des Pflegepersonals.

Budget wird zweckentfremdet

Schuld an der Misere, so Volkmar Halbleib, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD im Bayerischen Landtag, sei eben auch das Krankenhausfinanzierungsgesetz von 1972. Das besagt, dass der Freistaat die Investitionen von Baumaßnahmen und Großgeräten übernehmen muss und die Krankenkassen die laufenden Betriebskosten und damit die Personalkosten. Allerdings decke die staatliche Förderung maximal ein Drittel der tatsächlich notwendigen Investitionen ab. „Den Krankenhausträgern bleibt oft keine andere Wahl, als das Budget der Krankenkassen zweckentfremdet einzusetzen“, klagt auch die Landtagsabgeordnete Kathi Petersen aus Schweinfurt.

Einig sind sich die unterfränkischen Abgeordneten, darunter auch die Landtagsabgeordnete Marina Fehlner (Aschaffenburg), die Bundestagsabgeordneten Bernd Rützel (Main-Spessart) und Sabine Dittmar (Bad Kissingen) sowie der Vorsitzende der Würzburger SPD-Stadtratsfraktion, Alexander Kolbow, darin: „Wir brauchen bessere gesetzliche Personalschlüssel und höhere Unterstützungen für die Krankenhäuser.“ Der grundlegende Qualitätsstandart sei nur noch dank eines enorm hohen Einsatzes des Pflegepersonals gesichert.

Klinikdirektoren und Gewerkschaft im Schulterschluss

Wie prekär die Lage ist, zeigt sich auch daran, dass Bayerns Klinikdirektoren und die Gewerkschaft ver.di jetzt im Schulterschluss einen Brief an Horst Seehofer und die verantwortlichen Politiker im Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit verfasst haben. Gemeinsam appellieren sie an Bayerns Verantwortliche, ihren Einfluss auf die Bundes- und Landespolitik geltend zu machen. Die bayerischen Krankenhäuser seien chronisch unterfinanziert, 42 Prozent der Kliniken schrieben ein Defizit. „Die sich verschärfenden Arbeitsbedingungen gefährden Personal und Patienten gleichermaßen.“ Eine entsprechende Anfrage der Redaktion an das Ministerium von Gesundheitsministerin Melanie Huml blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

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