Addis Abeba

„Stargast“ Markus Söder entdeckt Ostafrika

Ministerpräsident Söder besucht Äthiopien       -  Bayerns Ministerpräsident Markus Söder besucht auf seiner Äthiopienreise auch eine Schule für rund 5000 Flüchtlingskinder.
Foto: Peter Kneffel, dpa | Bayerns Ministerpräsident Markus Söder besucht auf seiner Äthiopienreise auch eine Schule für rund 5000 Flüchtlingskinder.

Hier ein Kreuz und da ein Kreuz und dann gleich noch eines. Ministerpräsident Markus Söder, der vergangenes Jahr daheim in Bayern mit seinem Kreuzerlass für einigen Wirbel gesorgt hat, kann sich in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba über einen Mangel an Kreuzen nicht beklagen. Wo der Gast aus Bayern auf seiner Delegationsreise auch hinkommt, wird ihm eines geschenkt.

Im Kirchenwald „Bole Bulbula“ am Stadtrand der Vier–Millionen-Metropole sind es gleich zwei. Der Weg vom noblen Hotel Hyatt zum Kirchenwald führt quer durch die pulsierende Hauptstadt des ostafrikanischen Landes. Addis Abeba gleicht einer einzigen Baustelle. Überall ragen Gerippe aus Stahlbeton in den Himmel. Viele von ihnen bleiben zwischen Bergen von Bauschutt über Jahre unfertig stehen. Korruption? Firmenpleiten? Wahrscheinlich Planungsversagen in den Jahren sozialistischer Diktatur.

Die erste große Auslandsreise geht nach Äthiopien

Die Stadt wächst. Slums, illegale Siedlungen und Neubaugebiete wuchern ins Umland. Dass in den vergangenen 30 Jahren 60 Prozent der Wälder Äthiopiens gefällt wurden, liegt nicht nur am stetig steigenden Bedarf nach Ackerland, es liegt auch am ungehemmten Bauboom. In der Nähe der Städte halten nur Kirchenwälder wie „Bole Bulbula“ stand. Diese Flächen sind Eigentum der äthiopisch-orthodoxen Kirchen und gelten als „heiliger Boden“.

Nur etwa einen Kilometer vom Stadtrand entfernt sieht die Delegation aus Bayern die schöne Seite des Landes: alte Bäume, unberührte Natur, ein kleiner Fluss, Affen, Papageien. Die Christen hier kümmern sich um ihre Religion und um die kleine, liebevoll bebilderte Kirche aus Wellblech. Söder, der überraschend Äthiopien als Ziel seiner ersten großen Auslandsreise ausgewählt hat, wird wie ein Stargast empfangen.

In Zusammenarbeit mit Brot für die Welt und der Technischen Universität München (TU) bemühen sie sich, Vorbild zu sein im Kampf gegen Naturzerstörung und bei der Bewältigung des Klimawandels. Die alten Baumsorten, die es hier noch gibt, sollen andernorts bei der Wiederaufforstung helfen. Die bayerische Regierung unterstützt das Forschungsprojekt der TU mit 250 000 Euro. Rund 30 000 Kirchenwälder gibt es im Land. Sie könnten, so die Hoffnung, zu Keimzellen für einen nachhaltigeren Umgang mit Holz werden. „Forstwirtschaft ist eine Antwort auf den Klimawandel“, sagt Söder.

Hier bündeln sich globale Herausforderungen

Vieles an dieser Reise ist symbolische Politik. Söder will, wie er sagt, „Signale für Afrika setzen“. Dass er es dabei auch mit schönen Bildern in die Zeitungen und ins Fernsehen daheim in Bayern schafft, gehört zum politischen Geschäft. Er wolle mit seiner viertägigen Reise „ein neues Kapitel“ in den Beziehungen Bayerns zu Afrika im Allgemeinen und zu Äthiopien im Speziellen aufschlagen. Denn hier in Äthiopien bündeln sich die globalen Herausforderungen: Klimawandel, Migration, Überbevölkerung, Armut. Aber hier gebe es mit einem neuen, tatkräftigen Regierungschef eben auch eine große Chance für die Demokratie. Äthiopien gilt als Hoffnungsträger in der Region. Drumherum herrschen Krieg und Unterdrückung.

In der deutschen Botschaft in Addis Abeba kann sich niemand erinnern, wann zuletzt ein Ministerpräsident eines deutschen Landes in offizieller Mission Äthiopien besucht hat. Vielleicht ist Söder sogar der erste. Streng genommen ist Außenpolitik ja alleinige Zuständigkeit der Bundesregierung. Die Ministerpräsidenten betreiben nur so eine Art Außenwirtschaftspolitik. Sie fahren gerne dahin, wo es Geschäfte für die heimische Wirtschaft zu befördern gilt. Äthiopien hat in dieser Hinsicht bisher fast nichts zu bieten. Der Anteil des ostafrikanischen Staates am Handelsvolumen der Bundesrepublik kann bestenfalls in Promille gemessen werden. Söder ist trotzdem hier. Und auch eine 55-köpfige bayerische Wirtschafts- und Wissenschaftsdelegation unter Leitung von Wirtschaftsstaatssekretär Roland Weigert.

Die Chinesen sind schon längst da

Wer die Stadt durch die Brille eines bayerischen Unternehmers betrachtet, der sieht vor allem Geschäfte, die andere machen. Hier ein neues Fünf-Sterne-Hotel – gebaut von Chinesen; da eine Bahnlinie zum Hafen von Dschibuti – gebaut von Chinesen; dort eine Metro – gebaut von Chinesen. Ganz zu schweigen von den Milliardenkrediten, mit denen China das ostafrikanische Land an sich zu binden versucht. Anknüpfungspunkte für bayerische Firmen gibt es bisher nur wenige.

Umso erstaunlicher ist die Resonanz, auf die der Besuch aus Bayern stößt. Zum bayerisch-äthiopischen Wirtschaftsforum kommen rund 250 afrikanische Gäste ins Hyatt. Am „bayerischen Abend“ im Hotel nehmen später sogar 700 Leute teil. Staatssekretär Roland Weigert sieht viele bisher vernachlässigte Möglichkeiten.

Um den wachsenden Markt in Ostafrika künftig besser nutzen und bayerische Unternehmer und Investoren besser unterstützen zu können, eröffnet Söder gemeinsam mit der deutschen Botschafterin Brita Wagener das „Bayerische Afrikabüro“ im Haus der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit.

Während die Unternehmer im Hyatt tagen, gibt es für Söder einen echten Wohlfühltermin. Er besucht die deutsche Schule, die in Addis Abeba von der evangelischen Kirchengemeinde betrieben wird und hat ein Geschenk im Gepäck. Unterstützt von einem großzügigen anonymen Spender stiftet die Staatsregierung der Schule eine Solaranlage.

Geschenke aus Deutschland

Kostenpunkt: 80 000 Euro. Auch dieses Geschenk ist, jenseits seines praktischen Nutzens, ein Symbol. Ohne mehr Anstrengungen in der Bildung werden die Länder Afrikas den Weg aus der Armut nicht schaffen. Die Schüler bedanken sich mit Tänzen und Gesängen. Von der Schule gibt es für Söder ein Kreuz – das dritte an diesem Tag.

Der Ministerpräsident will sich auch einen Eindruck von der Lage der etwa eine Million Flüchtlinge in Äthiopien machen. Dafür geht es eine Flugstunde weit in den Westen Äthiopiens, nach Gambela. Rund 80 000 Flüchtlinge, überwiegend aus dem Südsudan, leben im „Nguenyyiel Refugee Camp“, dem größten Flüchtlingslager Äthiopiens. Das Lager wird von mehreren Hilfsorganisationen und dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen betreut.

Das Lager liegt weit draußen in der Savanne im Grenzgebiet zum Südsudan. Der Konvoi der Delegation wird von knapp einem Dutzend schwer bewaffneter Männer begleitet. Die Lage hier ist unsicher, aber der Empfang ist überschwänglich. Kinder singen ein Willkommenslied aus ihrer Heimat, Frauen tanzen. Ein Sprecher der Flüchtlinge trägt vor, was ihnen hier alles fehlt. Die Liste ist lang. Ein Mangel ist offenkundig: Rund 120 Schüler einer Grundschulklasse müssen sich für den Unterricht in ein viel zu kleines Klassenzimmer quetschen.

An diesem Punkt setzt die Hilfe der Staatsregierung an. 100 000 Euro gibt es aus Bayern für die Ausstattung und Erweiterung dieser und vier weiterer Schulen in der Umgebung. „Bildung“, sagt Söder, „ist entscheidend, um den Menschen hier eine Perspektive zu geben.“

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