HELMUT KOHL

„Privat war Helmut Kohl ein ganz anderer Mensch“

Beatrice Herbold und Helmut Kohl unterhielten mehrere Jahre eine Liebesbeziehung.
Foto: Europa verlag | Beatrice Herbold und Helmut Kohl unterhielten mehrere Jahre eine Liebesbeziehung.

Fast 20 Jahre schwieg Beatrice Herbold über ihr Liebesverhältnis zum früheren Bundeskanzler Helmut Kohl, das etwa von 1995 bis 2000 dauerte. Nun hat sie ein Buch über diese Zeit geschrieben (Beatrice Herbold/Katrin Sachse: „Geliebte Freundin. Meine geheimen Jahre mit Helmut Kohl“). Die 61-Jährige lebte heute als Immobilienmaklerin in Berlin.

Frage: Frau Herbold, was hat Helmut Kohl so interessant gemacht?

Beatrice Herbold: Wir haben uns 1990 kennengelernt, eher zufällig. Das war in der Sauna in einem Hotel in Bad Hofgastein. Richtig zusammen waren wir dann ab 1995. Ich habe ihm in die Augen geschaut und dabei eine tiefe Seelenverwandtschaft entdeckt. So etwas kannte ich bisher nicht. Es war Vertrautheit auf den ersten Blick.

Helmut Kohl war bekannt. Hat die Magie der Macht eine Rolle gespielt?

Herbold: Mir war das unangenehm. Wir konnten uns nicht frei bewegen. Es war ein Nachteil, dass er so prominent war. Wir mussten uns immer bedeckt halten, damit es nicht herauskommt. Es war anstrengend.

Wie würden Sie ihn beschreiben?

Herbold: Wenn er einen Raum betrat, füllte er ihn aus.

Sie meinen seine physische Präsenz?

Herbold: Nein, er hatte eine außerordentlich große Aura. Und wenn Sie auf seine Fülle anspielen: Seine Konfektionsgröße war ein gut gehütetes Geheimnis. Als ich ihm zu Weihnachten einmal einen Pullover schenken wollte, durfte sein Fahrer Eckhard Seeber weder Konfektionsgröße noch Gewicht verraten.

Viele Zeitgenossen beschreiben den ehemaligen Kanzler als robust bis brutal.

Herbold: Er wartete sehr lange, bis er jemandem Vertrauen schenkte. Er hat polarisiert, das steht fest, an ihm haben sich auch die Parteifreunde gerieben. Bevor ich ihn kannte, mochte ich ihn nicht besonders. Für mich war er eher ein Elefant im Porzellanladen – bis ich ihn persönlich traf. Privat war er ein anderer Mensch. Er war empathisch, fürsorglich, auch witzig. Er gab mir immer das Gefühl, wertgeschätzt zu sein. Was ich vorher nicht kennenlernen durfte.

Haben Sie über Politik gesprochen, wenn Sie den Bundeskanzler trafen?

Herbold: Am Anfang nicht. Das änderte sich im Frühjahr 1998 schlagartig. Für ihn ging es damals um die Frage, ob er wieder antritt. Er war ausgelaugt und wollte im Herbst des Jahres nicht wieder als Spitzenkandidat in den Wahlkampf ziehen. Er wollte ursprünglich an Wolfgang Schäuble abgeben, doch war er von ihm derart enttäuscht worden, dass er diese Idee verwarf.

Die CDU verlor die Bundestagswahl 1998. Hat die Niederlage Helmut Kohl verändert?

Herbold: Ja, das hat sie, es war für ihn ein kompletter Lebensumbruch. Jeder Bundeskanzler will lieber freiwillig abtreten, als abgewählt werden. Er war auch der Meinung, dass die Legislaturperiode zu lang ist. Trotzdem zog er in den Wahlkampf. In Interviews war er oft übellaunig, danach rief er an und fragte: „Wie war ich?“ Ich sagte ihm dann klar, dass er nicht gut war.

Wie ging es weiter?

Herbold: Das Ende unserer Beziehung hängt mit der CDU-Spendenaffäre zusammen, nicht mit der Wahlniederlage. Auf den Abschied von der großen Politik war er vorbereitet, aber nicht auf den großen Sturz innerhalb der Partei. Er schmiedete bereits große Pläne für uns. Es sollte zum Great Barrier Reef in Australien gehen. Das habe ich mir immer gewünscht.

Der Plan zerschlug sich.

Herbold: Ich dachte, das renkt sich alles wieder ein, er wird sich neu orientieren. Er sagte mir bereits Anfang 1998, dass etwas gegen ihn im Gang sei, aber er wisse nicht, worum es geht. Für seine Familie war es furchtbar, als die Spendenaffäre herauskam. Seine Frau wurde auf der Straße angespuckt, die Söhne wurden angepöbelt. Stellen Sie sich das vor! Das ist entsetzlich. Ich habe mich damals zurückgezogen.

Hannelore Kohl war bis zuletzt seine Frau.

Herbold: Er sagte immer zu mir: „Mach dir keine Sorgen, es ist alles geregelt.“ Mir wurde klar: Sie haben sich arrangiert.

Kohls Witwe Meike wacht streng über das Erbe. Sehen Sie einen möglichen Konflikt?

Herbold: Das glaube ich weniger. Zu meiner Zeit gab es sie noch nicht.

Wie war es für Sie, als er starb?

Herbold: Am Morgen des 17. Juni 2017 verfolgte ich keine Nachrichten. Eine Journalistin rief mich an und sagte es mir. Für mich war es ein Schock. Ich war sehr traurig.

Warum haben Sie dann das Buch geschrieben?

Herbold: Schon vor mehr als drei Jahren erhielt ich einen Anruf. Ein Journalist der „Bunten“ konfrontierte mich mit Fakten über das Verhältnis zu Kohl. Die Fakten stimmten. Ich erbat mir einige Wochen Bedenkzeit. Daraufhin trafen wir uns zum Interview. Deshalb wollte ich es dann so erzählen, wie es wirklich war. Helmut Kohl lebte zu diesem Zeitpunkt noch, er hätte sein Veto einlegen können. Wenn er das gemacht hätte, hätte ich natürlich kein Buch geschrieben.

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