WÜRZBURG

Leben 2.0: Wie Facebook unseren Alltag verändert

Vergnügungspark Internet? Wer die neue digitale Welt mit all seinen Möglichkeiten optimal für sich nutzen möchte, sollte wissen, wie man sich in ihr verhält – und die Risiken kennen.
Foto: Illustration: Daniela Schwarz | Vergnügungspark Internet? Wer die neue digitale Welt mit all seinen Möglichkeiten optimal für sich nutzen möchte, sollte wissen, wie man sich in ihr verhält – und die Risiken kennen.

Knapp 52 Millionen Deutsche sind online. Das sind laut aktueller ARD/ZDF-Online-Studie rund 2,7 Millionen Menschen mehr als 2010. Vor allem bei den 40- bis 59-Jährigen stieg der Anteil der Onliner auf 20 Millionen. Etwa die Hälfte aller über 50-Jährigen ist online, bei den unter 50-Jährigen sind es sogar 95 Prozent: Das Internet ist erwachsen geworden. Bei den Jugendlichen gibt es fast keine Offliner mehr: 99 Prozent der 14- bis 20-Jährigen gehen mehrmals wöchentlich bis mehrmals täglich ins Netz. Bei der Nutzungsdauer und -frequenz überholt das Internet in seiner Reichweite locker das Fernsehen.

Fast alle Nutzer kommen mit den sogenannten Web-2.0-Anwendungen in Kontakt, worunter man zunächst einmal alle Angebote versteht, deren Inhalte nicht vom Betreiber der Webseite, sondern von deren Nutzern zur Verfügung gestellt werden.

Die ARD/ZDF-Online-Studie unterscheidet sechs Angebotsformen des Web 2.0: Weblogs, kurz „Blogs“ genannt, sind private Internetangebote, auf denen ein oder mehrere Autoren Texte, Bilder und Videos veröffentlichen, die man kommentieren und verlinken kann. Im Vergleich zu anderen Web-2.0-Anwendungen spielen Blogs eine untergeordnete Rolle: Etwa ein Prozent aller Onliner nutzt solche Applikationen; nur etwa sieben Prozent lesen Blog-Einträge.

Auch das Internet-Lexikon Wikipedia ist eine Web-2.0-Anwendung. Grundsätzlich kann hier jeder Texte und Bilder einstellen, lesen und verändern. Allerdings stehen aktive Teilhabe und passiver Konsum in krassem Missverhältnis: Nur ein Prozent verfasst selbst Texte, wohingegen 97 Prozent dort Informationen abrufen. In der öffentlichen Wahrnehmung kaum eine Rolle spielen Fotocommunitys, bei denen Profi- oder Gelegenheitsfotografen eigene Bilder hochladen und festlegen, wer sie sehen darf. Der Anteil jener, die in Fotocommunitys selbst Inhalte einstellen, ist deutlich höher als bei Wikipedia.

Auch Videoportale wie Youtube zeigen einen immensen Unterschied zwischen aktiver Teilhabe und passivem Nutzen: Während 93 Prozent der Onliner Videos anschauen, lädt nur ein Prozent eigene Videos hoch.

Einen Boom haben Kontakt- und Beziehungsnetzwerke erlebt, wovon vor allem Facebook profitiert. Nach eigenen Angaben loggen sich regelmäßig 20 Millionen unterschiedliche Nutzer bei Facebook ein – das ist jeder vierte Deutsche. „Die Nutzung beruflicher Communitys wie Xing liegt mit sechs Prozent auf eher geringem Niveau, während die Nutzung privater Communitys weiter steigt – 42 Prozent aller Onliner, das sind 21,49 Millionen Menschen, haben ein Profil bei einer privaten Community“, so die ARD/ZDF-Online-Studie.

Zuletzt zählt die Studie den Kurznachrichtendienst „Twitter“ (englisch: to tweet, zwitschern) zu den Web-2.0-Anwendungen. Auffällig: die Differenz zwischen der Aufmerksamkeit, die Twitter in den Medien hat, und der tatsächlichen Nutzung. Über 97 Prozent gaben an, den Dienst weder aktiv noch passiv zu nutzen.

Das Wesen der Web-2.0-Anwendungen – dass zumindest potenziell alle Menschen mit Internetzugang nicht mehr nur Medienkonsumenten, sondern auch -produzenten sind – ist Treiber für verschiedenste gesellschaftliche Veränderungen. Plötzlich sind wir mit viel mehr Menschen in Kontakt als bisher: Alte Freunde, entfernte Verwandtschaft, ehemalige Berufskollegen – mit ihnen allen sind Nutzer von Beziehungsnetzwerken wie Facebook, main.de oder meinVZ verbunden. Da die Flexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt dazu geführt hat, dass Verwandte und Freunde über die ganze Welt verstreut sind, bieten digitale Netzwerke die Chance, diese wieder enger zusammenzuführen – Facebook und Co. als ideale Instrumente einer globalisierten Welt.

Im Web 2.0 entsteht auch eine neue Form des Wissens, Stichwort „Schwarmintelligenz“. Gemeint ist, dass viele Menschen projektartig ihre Fähigkeiten einbringen, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Beispiele sind das Online-Lexikon Wikipedia und die Webseite guttenplag.de, anhand derer Fachleute die Doktorarbeit des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg auf Plagiate überprüft haben.

Die neuen Möglichkeiten erfordern mehr Verantwortung und mehr Fähigkeiten im Umgang mit dem neuen Medium. Vor zehn Jahren etwa musste sich kaum jemand Gedanken über das Urheberrecht machen. Wer heute im Netz gedankenlos ein Foto eines fremden Fotografen veröffentlicht, muss mit Unterlassungserklärungen und Anwaltskosten rechnen.

Ebenfalls gewöhnungsbedürftig: die Tatsache, dass das Internet nichts vergisst. Eine unbedachte Äußerung über den Chef oder den Nachbarn ist auf nicht absehbare Zeit schwarz auf weiß im Netz nachzulesen. Egal, ob der Autor seine Äußerung später bereut: Sie steht – wie in Stein gemeißelt – im Netz, negative Konsequenzen inklusive. Die Transparenz, die das Web 2.0 bietet, erfordert das Nachdenken über ein Recht auf Vergessen. Wenn alles, was wir getan haben, im Netz nachzulesen ist, müssen wir entweder eine neue Kultur des Verzeihens entwickeln, wie von Blogger Stefan Lesting vorgeschlagen. Oder einen Mechanismus schaffen, der digitale Daten löscht und vergessen macht.

Dazu kommt die Frage nach dem Schutz privater Daten. Dass wir soziale Netzwerke kostenlos nutzen, bezahlen wir mit der Preisgabe persönlicher Daten, die eine wesentliche Geschäftsgrundlage von Facebook & Co bilden. Die Daten dienen dazu, zielgenaue Werbung anzubieten. Große Vermarktungsunternehmen erhalten so die Option, Werbebotschaften nur an jene zu senden, von denen sie auf der Grundlage der in den Netzwerken gesammelten Daten annehmen, dass diese auch für den Adressaten von Interesse sind. Welche Daten das sind, wie umfangreich sie gesammelt wurden und ob man damit gar ein präzises Profil eines Users auslesen kann, ist oftmals ungeklärt.

Einigkeit herrscht bei der Forderung nach mehr Medienkompetenz. Kinder, Jugendliche, Eltern und Lehrer brauchen zum optimalen Nutzen der digitalen Welt möglichst viel Wissen darüber, wie man sich dort verhält. Noch könnten wir die Welt nach unseren digitalen Wünschen formen – einige Vorschläge wird die Serie „Leben 2.0“ in dieser Zeitung liefern.

ONLINE-TIPP

Multimedia-Lexikon sowie Tipps, wie Sie Ihre Daten bei Facebook schützen: www.mainpost.de/multimedia

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