Würzburg

Entschleunigung: Die Sehnsucht nach der baumelnden Seele

Entschleunigung soll für viele Menschen in der Freizeit stattzufinden, wie eine Art Hobby, sagt der Würzburger Soziologe Andreas Göbel. Am Lebensstil ändere sich nichts.
Foto: Daniel Peter | Entschleunigung soll für viele Menschen in der Freizeit stattzufinden, wie eine Art Hobby, sagt der Würzburger Soziologe Andreas Göbel. Am Lebensstil ändere sich nichts.

Mit dem VW-Bulli ans Meer fahren. Zu Fuß die Alpen überqueren. Oder anfangen zu stricken, zu backen oder zu gärtnern. Was vor einigen Jahren als To-Do-Liste für Aussteiger durchgegangen wäre, beschreibt heute die Träume vieler. Wir suchen Entschleunigung, einen Ausgleich zum Alltag im Eilmeldungs-Rhythmus. Egal ob in der Natur oder daheim. Weltflucht-Magazine wie „Flow“ oder „Emotion Slow“ bedienen genau diese Sehnsüchte – und haben Erfolg. Sie verraten, „wie ein erfülltes Leben trotz vollem Terminkalender gelingt“ oder versprechen „Aufmerksamkeit für den Moment“. Warum aber sehnen wir uns so danach, die Langsamkeit wiederzuentdecken? Ist das die logische Reaktion auf unseren, von Hektik geprägten, Lebensstil?

Entschleunigung als Gegenbewegung zur Moderne

Neu ist der Wunsch nach Entschleunigung jedenfalls nicht. „Der Soziologe Georg Simmel hat schon um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert vom Tempo des Lebens gesprochen und das für eine Chiffre der modernen Gesellschaft gehalten“, sagt Andreas Göbel, Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Soziologie an der Uni Würzburg. Diese Wahrnehmung habe sich bis heute nicht verändert, im Gegenteil. Der Eindruck, dass sich unser Alltag immer weiter beschleunigt, nehme zu, so Göbel. Deshalb entstünden Gegenbewegungen. Ende der 1960er Jahre sei das vielleicht transzendentale Meditation gewesen, heute ist es Entschleunigung. „Diese Tendenzen waren immer schon da und begleiten die Moderne wie eine komplementäre Begleitmusik.“

Entschleunigung im Wortsinn allerdings meint gezielte Verlangsamung. Ist es wirklich das, wonach wir uns sehnen? Wollen wir auf Autos, Züge, Flugzeuge verzichten? Wollen wir wieder tagelang warten, bis ein Brief sein Ziel erreicht hat? Sind all die fortschrittlichen Errungenschaften, ist Schnelligkeit per se schlecht?

Nicht Schnelligkeit erzeugt Stress, sondern Multitasking

„Ich glaube das nicht“, sagt Andreas Göbel. Aus seiner Sicht hapert es bereits an der Wortwahl, der Diagnose sozusagen. Entschleunigung, da schwinge immer eine leise Kultur- oder Zivilisationskritik mit. Das macht den Soziologen skeptisch. „Ich weiß nicht, ob Schnelligkeit überhaupt das Phänomen ist, das unsere moderne Gegenwart adäquat beschreibt. Der Punkt ist glaube ich ein anderer. Wir haben eigentlich ein Phänomen von Multitasking, und das erzeugt Schnelligkeitseindrücke“, so Göbel. Ein Beispiel: Wir fahren Auto, telefonieren dabei und prüfen aus dem Augenwinkel noch die Wetter-App. So entsteht das Gefühl von Stress. „Tempo ist der Eindruck, dass unser Leben schneller vergeht, weil wir pro Zeiteinheit mehr Dinge tun, als wir vorher getan haben.“ Weil wir verlernt haben, uns nur auf eine einzige Sache zu konzentrieren, etwas ganz bewusst zu tun. Achtsam zu sein.

Da ist er. Noch ein Begriff, der in kaum einer Ausgabe von „Flow“ und „Emotion Slow“ fehlt. Der irgendwie diesen Wunsch beschreibt, der Hektik zu entkommen. Der ein bisschen Wohlfühl-Atmosphäre auslöst, vielleicht in Erinnerung an die sorgende Mutter, die den Buben ermahnt, beim Toben auf dem Spielplatz auf sich Acht zu geben. In der erwachsenen Welt ist keiner da, der das übernimmt. Und uns selbst fehlt dafür die Zeit. „Wir sind heutzutage sehr schnell denkende und handelnde Menschen, das wird in unserer Gesellschaft gefordert“, sagt der Psychologe Jochen Auer. Aber „je schneller wir reagieren, umso unbewusster reagieren wir“. Das birgt Gefahren.

Leben im Autopilot-Modus

Auer ist Leiter der Kreativtherapie in der Heiligenfeld Parkklinik in Bad Kissingen und forscht mit Kollegen an der John Moores University in Liverpool zum Thema Achtsamkeit. Für ihn hängen beide Begriffe, Entschleunigung und Achtsamkeit, unmittelbar zusammen. „Wenn wir versuchen, zu entschleunigen, Dinge langsamer zu machen, dann machen wir sie automatisch auch bewusster. Und je bewusster wir unserer Handlungen werden, umso achtsamer werden wir.“ Im Alltag, in dem schnelle Entscheidungen gefragt sind, hätten das viele Menschen verlernt. „Wir laufen sehr auf Autopilot“, sagt Auer. Das hat Vor- und Nachteile. Der Lastwagenfahrer, der an der roten Ampel automatisch auf die Bremse trete, reagiere richtig – und das sei wichtig. Der Büroarbeiter, der in der Mittagspause ins Gasthaus gehe und automatisch ein Schnitzel bestelle, obwohl er vielleicht gar nicht hungrig sei, achte nicht auf seine Bedürfnisse. „Da macht es Sinn, sich zu fragen, was mache ich hier überhaupt“, so Auer. Das funktioniert aber nur, wenn die Gedanken nicht längst schon bei der nächsten Konferenz sind, sondern im „Hier und Jetzt“. Und genau das meint Achtsamkeit, sagt Auer. Im Augenblick leben.

Der Psychologe sieht darin eine notwendige Reaktion auf unseren Alltag. „Wenn wir uns nicht mehr spüren und den Bezug zu uns selbst verlieren, ist das letztlich etwas, was krank macht.“ Das Schnelligkeitsprinzip, nach dem unsere Welt heute funktioniere, stoße so an seine Grenzen. „Ich bin mir nicht sicher, ob es immer so ist, dass der Schnellere gewinnt. Man kann auch sagen, dass manchmal der Weisere gewinnt“, so Auer. Der, der mit seinen Ressourcen am sinnvollsten und nachhaltigsten umgeht. Der seine Gefühle wahrnimmt. Der auf sich selbst achtet.

Das Problem: Die Seele darf oft nur in der Freizeit „baumeln“

Das klingt ein bisschen esoterisch. Es geht bei Achtsamkeitsübungen aber nicht darum, einen Baum zu umarmen oder seinen Namen zu tanzen. Auch einfaches Laufen, Gehmeditation, könne die Entschleunigung fördern, sagt Auer. Dabei erspüre man langsam und bewusst den Prozess des Gehens und den eigenen Körper, den Kontakt der Fußsohlen zum Boden. Generell gebe es Hunderte Wege zur Entschleunigung. Von Waldbadenüber Yoga und Slow-Food bis zu Qigong. „Am Ende fußen alle Praktiken auf einer wesentlichen Übung: der Atemmeditation. Dazu brauche ich kein spezielles Essen und kein Kloster. Den Atem habe ich immer bei mir“, so Auer. Trotzdem könne es hilfreich sein, sich zu Beginn Techniken zeigen zu lassen. Ähnlich wie beim Schwimmen lernen: Die Bewegung im Wasser wird irgendwann klappen, auch wenn sie kein Lehrer gezeigt hat. Aber mit Anleitung fällt es leichter.

Sich stärker auf sich selbst besinnen, das hält auch Andreas Göbel für wichtig. Das Problem: Für viele Menschen gehe es dabei nicht um eine wirkliche Veränderung, sagt der Soziologe. Der Lebensstil bleibe gleich, Entschleunigung und Achtsamkeit hätten in der Freizeit stattzufinden. Wie eine Art Hobby. So entstehe eine Zweiteilung. „Einerseits haben sehr viele den Eindruck, ihr Leben in einer unglaublichen Geschwindigkeit zu absolvieren. Andererseits gibt es ausgewählte Ruhephasen und Pausen, in denen dieses Leben entschleunigt wird, etwa im Urlaub“, sagt Göbel. „Dieses merkwürdige Phänomen des Seele-baumeln-lassens.“ Allerdings sei Entschleunigung so nur ein Kompensationsmechanismus, der „an der Tatsache, dass die Seele im normalen Leben offenbar überhaupt nicht baumelt, nichts ändert“.

Wie also geht Entschleunigung richtig? Sollten wir mit dem VW-Bulli ans Meer fahren, zu Fuß die Alpen überqueren oder anfangen zu stricken, zu backen oder zu gärtnern? Unseren Job aufgeben? Einfach, „weniger Dinge gleichzeitig tun“, sagt Göbel. Auch im Alltag. Sich Zeit nehmen, für das, was man tun möchte – und nicht alles zugleich erledigen. Das klingt simpel. Und wie ein Plädoyer für mehr Achtsamkeit.

Höhepunkte der Themenwochen „Entschleunigung – Jetzt mal langsam“

Vom 17. bis 30. August lädt die Landesgartenschau in Würzburg zu den Themenwochen „Entschleunigung – Jetzt mal langsam“ ein. Was es dabei zu entdecken gibt: Comedy Lounge: Am 17. August gibt es ab 19.30 Uhr zwei Stunden Comedy Lounge auf der WVV-Bühne. Die Show, die normalerweise im Jugendkulturhaus Cairo zuhause ist, widmet sich kabarettistisch dem Leitmotiv „Entschleunigung“. Moderator Andy Sauerwein präsentiert die Künstler, die sich „sowohl äußerlich als auch inhaltlich“ dem Thema annehmen. Mit dabei sind etwa Varietékünstler André Hieronymus, der in die Welt der entspannten Magie entführt, oder Comedian Matthias Jung, der seinen Urlaub wieder lebendig werden lässt. Lichterfest und Ballonglühen: Beim Lichterfest am 18. August leuchtet die Landesgartenschau. Für Kinder gibt es eine Märchenstunde und Bastelaktionen. Auf dem Wiesenpark glühen Ballone der Würzburger Ballonfahrer. Und auf der WVV-Bühne zeigen ab 22 Uhr die „Magic Artists“ eine Mischung aus Akrobatik, Musik, Tanz, Zauberei und Feuershow. Ausstellung: Mit der Ausstellung „Slow Pictures“ besinnt sich der Würzburger Fotodesigner Norbert Schmelz auf analoge und manuelle Arbeitsmethoden. Zu sehen ist die „entschleunigte Fotografie“ ab 17. August in der Library. Sport und Gesundheit: Wie Entschleunigung und Bewegung zusammen passen, zeigen die Veranstaltungen „Achtsam in Bewegung“ (9.15 bis 10 Uhr) und „Achtsames Yoga am Abend“ (19 bis 20.15 Uhr) am 22. August (Alter Park). Die Landesgartenschau ist täglich ab 9 Uhr geöffnet, die Kassen schließen um 18 Uhr. Informationen im Internet: www.lgs2018-wuerzburg.de sp
„Wenn wir uns nicht mehr spüren und den Bezug zu uns selbst verlieren, ist das letztlich etwas, was krank macht“, sagt der Psychologe Jochen Auer, Leiter der Kreativtherapie der Heiligenfeld Parkklinik in Bad Kissingen.
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