Würzburg

Chefankläger der Nürnberger Prozesse erinnert sich an Würzburg

Benjamin Ferencz, Chefankläger bei den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen, hat seine Biografie geschrieben. Bei der Suche nach Nazi-Verbrechern kam er auch an den Main.
Die Archivaufnahme zeigt Benjamin Ferencz in Nürnberg  2010 bei der Eröffnung des Memoriums Nürnberger Prozesse. Er steht im berühmten Schwurgerichtssaal 600, wo er einer der Chefankläger war. Am Montag, 9. November, erscheint die Biografie des 100-Jährigen.  
Foto: Armin Weigel, dpa | Die Archivaufnahme zeigt Benjamin Ferencz in Nürnberg  2010 bei der Eröffnung des Memoriums Nürnberger Prozesse. Er steht im berühmten Schwurgerichtssaal 600, wo er einer der Chefankläger war. Am Montag, 9.

Benjamin Ferencz hat drei wichtige Ratschläge, die er jungen Leuten gerne mit auf den Weg gibt: "Nummer eins: Niemals aufgeben! Nummer zwei: Niemals aufgeben! Und Nummer drei: Niemals aufgeben!" Das sagt er im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Während er das sagt, scheint die Sonne auf seinen Schreibtisch in seinem Haus in Florida. Ferencz lacht und winkt freundlich in die Kamera.

 "Wer innerlich weint, sollte nach außen besser lachen", sagt der 100-Jährige oft, wenn er gefragt wird, warum seine Laune so gut ist nach allem, was er erlebt, nach allem, was er gesehen hat. "Es bringt ja nichts, in einem See aus Tränen zu ertrinken." Dieses Zitat steht im Vorwort zu seiner Autobiografie, die ausgerechnet am 9. November auf Deutsch erschien, dem Jahrestag der "Reichskristallnacht" genannten Nazi-Pogrome gegen jüdische Mitbürger, die als Beginn der grausamen Judenverfolgung gilt. Hierzulande trägt Ferencz' Buch den Titel "Sag immer Deine Wahrheit". Untertitel: "Was mich 100 Jahre Leben gelehrt haben" (Heyne Verlag, München).

Blick in den Nürnberger Justizpalast während der Eröffnung des Hauptkriegsverbrecherprozesses am 20. November 1945 vor dem Internationalen Militärgerichtshof im Gerichtssaal 600.
Foto: dpa | Blick in den Nürnberger Justizpalast während der Eröffnung des Hauptkriegsverbrecherprozesses am 20. November 1945 vor dem Internationalen Militärgerichtshof im Gerichtssaal 600.

Ferencz hat das dunkelste Kapitel deutscher und europäischer Geschichte hautnah erlebt und entscheidend dazu beigetragen, dass es wieder heller wurde am historischen Horizont. Und er hat selbst Geschichte geschrieben. Nicht einmal 30 Jahre alt war er, als er Nazi-Kriegsverbrechern in Nürnberg den Prozess machte. Er war Chefankläger in einem der zwölf sogenannten Nachfolgeprozesse, die von 1946 bis 1949 auf das Verfahren gegen die Hauptkriegsverbrecher wie Hermann Göring und Rudolf Heß folgten.

Benjamin Ferencz klagte 24 führende SS-Leute an 

24 führende SS-Leute klagte er unter anderem wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen an. Darunter sind die vier Kommandeure der SS-Einsatzgruppen, die in den eroberten Gebieten im Osten praktisch jeden Tag wehrlose Frauen, Männer und Kinder umgebracht hatten. Prozessbeobachter sprechen damals vom größten Mordprozess der Geschichte.

"Ohne ihn hätte es den Prozess nicht gegeben", sagte die Politikwissenschaftlerin Sophia Brostean-Kaiser vom Memorium Nürnberger Prozesse zum 100. Geburtstag von Benjamin Ferencz im März dieses Jahres. Ferencz ist der letzte noch lebende Zeitzeuge der Prozesse.

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Den Internationalen Strafgerichtshof von Den Haag, für dessen Errichtung Ferencz jahrelang gekämpft hat und den er sein "Baby" nennt, sieht er in der direkten Nachfolge dieser Prozesse. Und dass (Noch-)US-Präsident Donald Trump in diesem Jahr Sanktionen gegen das Gericht ankündigte, entsetzt ihn. Ein Gericht sei die einzige Möglichkeit, Krieg dauerhaft zu verhindern: "Wenn es kein Gericht gibt, um einen Disput beizulegen, dann bleibt nichts als Gewalt."

Bevor Ferencz als Ankläger Geschichte schrieb, war er als US-Soldat bei der Befreiung mehrerer Konzentrationslager dabei, deckte grauenhafte Nazi-Verbrechen auf. "Es gab bei den Nazis Anweisungen, bei einer Mutter, die ein Baby hält, durch das Baby zu schießen, weil man so beide auf einmal umbringen kann. Das sind Horrorgeschichten, aber sie sind wahr und wir müssen uns mit ihnen beschäftigen, damit sie nicht noch mal passieren", sagt er. "Ich habe das Gefühl, für die Opfer zu sprechen, für ermordete Männer, Frauen und Kinder. Kleinkinder, deren Köpfe an Bäumen zerschellten."

Im zerbombten Berlin machte er einen Sensationsfund

Ferencz, Sohn armer Einwanderer und dank eines Stipendiums Harvard-Absolvent, gehörte damals zu einer Einheit der US-Armee, die deutsche Kriegsverbrechen verfolgte – und er machte einen Sensationsfund: Im ausgebombten Berlin fand er mit seinem Ermittler-Team mehrere Ordner mit detaillierten Geheimberichten der SS über alle getöteten Juden, Roma, Kommunisten und Kriegsgefangenen in der Sowjetunion.

"Die Berichte listeten chronologisch auf, wie viele Zivilisten diese Untereinheiten im Rahmen von Hitlers 'totalem Krieg' getötet hatten", schreibt Ferencz in seinem Buch. "Als ich bei einer Million angelangt war, hörte ich auf, die Zahlen zu addieren." Vor allem für ein deutsches Publikum sei wichtig, was er zu sagen habe, betont Ferencz: "Ich habe erlebt, dass aus eigentlich anständigen Menschen Massenmörder werden können. Krieg kann das machen. Krieg zerstört jede Form von Moral und wurde trotzdem jahrhundertelang glorifiziert. Ich habe mein Leben damit verbracht, diese Ansicht umzudrehen und dafür zu sorgen, dass das, was immer glorifiziert wurde, als das schreckliche Verbrechen gesehen wird, das es ist."

Panorama des am 16. März 1945 fast völlig zerstörten Würzburg. Dieser Anblick ist Benjamin Ferencz, Chefankläger der Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse, als 'gespenstisch' in Erinnerung geblieben.
Foto: Walter Röder | Panorama des am 16. März 1945 fast völlig zerstörten Würzburg. Dieser Anblick ist Benjamin Ferencz, Chefankläger der Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse, als "gespenstisch" in Erinnerung geblieben.

Ferencz erhielt kurz nach Kriegsende auch den Auftrag, nach den von den Nazis geraubten Kunstschätzen zu suchen. Er führte ihn nach Würzburg, schreibt er in einer auf seiner Homepage (www.benferencz.org) veröffentlichten Geschichte. Er ging einem Hinweis nach, dass ein mutmaßlicher Hauptverdächtiger im Würzburger Gefängnis festgehalten wurde: der Kunsthändler Karl Haberstock. Der, laut Ferencz, "der Hauptverantwortliche für die wahrscheinlich größte geplante Plünderung der Geschichte gewesen sein soll".

Ferencz nippte am "süßen Würzburger Wein"

Ferencz beschreibt Würzburg in seinen Online-Erinnerungen als eine Stadt im Tal: "Als ich mich mit meinem Jeep näherte, konnte ich den Rauch der noch immer brennenden Stadt sehen und riechen." Der Nazi-Gauleiter sei bei seiner Ankunft bereits verschwunden gewesen. Dessen Namen – Otto Hellmuth – erwähnt Ferencz jedoch nicht, nur dass er dessen Villa zum Ermittlungszentrum erklärte.

Bei der Vernehmung des Kunsthändlers Haberstock habe dieser stolz davon erzählt, dass er von Hitler selbst ausgewählt worden sei, um die besten Kunstwerke für das geplante Führermuseum in Linz auszuwählen. Um die Zunge Haberstocks noch mehr zu lockern, wählte Ferencz ein besonderes Mittel: "Süßen Würzburger Wein". Womöglich hat er einen Eiswein aus der örtlichen Weinkellerei erhalten, als Vorrat, wie er schreibt. Die Quittung habe er "mit dem vertrauenswürdigsten amerikanischen Namen" unterschrieben: mit George Washington.

Schloss Aschbach (Archivaufnahme von 2014)
Foto: Stöckinger | Schloss Aschbach (Archivaufnahme von 2014)

Was der "süße Wein" bei Haberstock ausgelöst hat, überliefert Ferencz nicht. Vielmehr andere Auswirkungen. "Ich nippte daran, bis ich das Bewusstsein verlor", verrät er. Erst am nächsten Tag hätte das Verhör wieder aufgenommen werden können. Dabei habe Haberstock Namen der anderen Händler genannt, die an den "Kunsttransfers" für Hitlers Museum beteiligt waren.

Dieser Hinweis führte Ferencz ins Schloss des Freiherrn von Pölnitz, das Ferencz jedoch nicht ins oberfränkische Aschbach (heute Ortsteil von Schlüsselfeld) verortete, sondern in den Wald in Amberg. Dort, schreibt er, hätten seine Nachforschungen nicht viel gebracht. Die anderen im Schloss seien noch weniger wichtig gewesen als Haberstock.

Eine Fehleinschätzung aus heutiger Sicht. Jahrzehnte später stellte sich heraus, dass im Pölnitzschen Schloss zu dieser Zeit ein Mann mit seiner Familie Unterschlupf fand, der Jahrzehnte später weltweit für Schlagzeilen sorgte: Hildebrand Gurlitt. Im Aschbacher Schloss versteckte er in vielen Kisten verpackt seine Kunstsammlung, die im November 2013 als "Münchner Kunstfund" bekannt wurde.

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Seine aktuell veröffentlichte Biografie hat Benjamin Ferencz seiner Frau Gertrude gewidmet, die im September vergangenen Jahres starb – "nach vierundsiebzig Jahren glücklicher Ehe und liebevoller Partnerschaft ohne jeden Streit". Der 100-Jährige ruft Menschen, die jünger sind als er, dazu auf: "Wir müssen das Recht aller Menschen in jedem einzelnen Land schützen, in Frieden und Würde zu leben. Das ist mein Ziel. Wenn ihr dieses Ziel auch habt: Tut dafür, was immer ihr könnt." 

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