KLINGENBERG

Clingenburg: Wenn Othello ein Weißer ist

Am Rand der Gesellschaft: Mathias Kopetzki als ungewöhnlicher, auch ungewöhnlich überzeugender Othello auf der Clingenburg.
Foto: Appeal Advertising | Am Rand der Gesellschaft: Mathias Kopetzki als ungewöhnlicher, auch ungewöhnlich überzeugender Othello auf der Clingenburg.

Othello, als Mohr von Venedig literaturbekannt, ist ein Weißer! Mit diesem Farbwechsel überrascht die Inszenierung der Shakespeare-Tragödie bei der Premiere im Rahmen der Klingenberger Clingenburg-Festspiele die rund 600 Zuschauer, die ein packendes Spiel in den Irrgarten von Neid, Verleumdung und Eifersucht führt und zwei Stunden in aufmerksamer Spannung verharren lässt.

Regisseur Marcel Krohn siedelt Othello, den kampferprobten und siegreichen General in venezianischen Diensten, als einzigen Hellhäutigen unter lauter Farbigen an. Ein gelungener Kunstgriff, der die Sichtweise auf eine Kernaussage des 1604 uraufgeführten Stückes nicht verfälscht, sondern verdeutlicht: Hier steht ein Mensch in der Mitte der Macht und am Rande der Gesellschaft!

Krohn lässt seine fulminanten Akteure ihre tiefen Emotionen und vernichtenden Leidenschaften bis an die Grenzen ausspielen. Küsse und Schläge, Zärtlichkeiten und Prügeleien – Szenenwechsel in rascher Folge mit gezückten Messern und Pistolen. Ja, es wird geschossen im unerbittlichen Kampf um vermeintlich verlorene Ehre.

Die Soldaten in lockeren khakibraunen Uniformen tragen Oberschenkelholster für ihre Stich- und Schusswaffen – einziger und legitimer Einbruch der Moderne ins spätmittelalterliche Szenario, das dem schlichten Bühnenbild nur eine Randfunktion zuweist. Den Mittelpunkt beherrscht die klare, wuchtige, herbe, aber auch inbrünstige Sprache des klassischen Autors.

Beim krachenden Auftakt des Spiels spuckt ein zornsprühender Brabantio (Eddie Jordan), durch die heimliche Vermählung seiner Tochter Desdemona mit Othello in seiner Vaterehre tief verletzt, seinen Hass dem „Kalkgesicht“ entgegen. Die Lunte der Zwietracht hat Jago angezündet, den Othello bei einer Beförderung übergangen hat. Selam Tadese glänzt in der Rolle des ruchlosen Übeltäters, der hinterlistig die perfiden Pläne für Tod und Verderben schmiedet. Mit schleimiger Freundlichkeit und eiskaltem Blick erklärt er, dem Publikum zugewandt, sein ungeheures Ansinnen: Den glücklich liebenden Othello in einen rasend Eifersüchtigen zu verwandeln.

Als Titelfigur besticht Mathias Kopetzki mit seiner emotionalen Wandlungsfähigkeit. Er geht in der unbändigen Liebe zu Desdemona auf, umwirbt sie stürmisch und erregt, verlacht Jagos vage Andeutungen möglicher Untreue seiner Gemahlin. Doch wächst in ihm sichtbar Verdacht zu Misstrauen, Zweifel zu Eifersucht. In diesen Wahn taumelt er wütend und schreiend und steigert sich bis zur Raserei. Dann aber treibt ihn kalter, mörderischer Hass zur fatalen Tat.

Jane Chirwa lässt Desdemona im Übermut unschuldiger, unbedingter und lustvoller Liebe schweben. Sie bewegt sich federleicht in ihrem duftigen Kleid bis sie der unsinnige Verdacht Othellos wie ein Blitz trifft. Fassungslos, verzweifelt und mit zornigem Trotz begegnet sie ihrem unausweichlichen Schicksal. Ihr zur Seite steht Kumari Helbling als fröhliche, aber auch kämpferische Dienerin. Sunga Weineck verkörpert überzeugend den loyalen Mitstreiter Othellos, den die Heimtücke Jagos niederwirft. Das Ensemble vervollständigen der irregeführte, um Geld und Liebesdienste geprellte Rodrigo (Jonathan Aikins) und Aciel Martinez Pol in der Doppelrolle als Fürst und Ludovico.

Stehender Applaus für sehenswertes Freilufttheater!

Auf dem Spielplan bis 31. Juli, Vorverkauf Tel. (0 93 72) 3040 oder 921259

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Reinhard Glaab
Irrgärten
Kunst- und Kulturfestivals
William Shakespeare
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!