Das entstaubte Jahrhundert - Zehn Jahre Museum Georg Schäfer

Museum Georg Schäfer: Die ersten zehn Jahre – Über die Wiederentdeckung einer schwierigen Epoche
Eine von vielen Facetten: Carl Spitzwegs „Bücherwurm“ (um 1875) ist nur ein kleiner Ausschnitt der Kunst des komplexen 19. Jahrhunderts.
Foto: Museum Georg Schäfer | Eine von vielen Facetten: Carl Spitzwegs „Bücherwurm“ (um 1875) ist nur ein kleiner Ausschnitt der Kunst des komplexen 19. Jahrhunderts.

Es ist nur eine These, aber es spricht einiges für sie: Die Eröffnung des Museums Georg Schäfer vor zehn Jahren in Schweinfurt fällt ziemlich genau mit dem Beginn der Wiederentdeckung des 19. Jahrhunderts zusammen. Das MGS war nicht deren Auslöser, sicherlich aber ein Katalysator bei der Renaissance einer Epoche, deren Einfluss auf das 20. Jahrhundert und damit die Gegenwart gar nicht überschätzt werden kann. Im Jahr 2000 staubten Begriffe wie Biedermeier oder Romantik noch in der Abstellkammer des Kunstbetriebs vor sich hin. Was zählte, waren Impressionismus und Klassische Moderne, mit einem Wilhelm Leibl, einem Hans Thoma oder einem Carl Gustav Carus befasste sich gewiss die Forschung, kaum aber das große Publikum.

Impressionismus und Klassische Moderne sind natürlich immer noch die Hits, aber ganz allmählich setzte mit dem neuen Jahrtausend – nicht zuletzt mit dem Wiederaufstieg (oder dem erstmaligen Aufstieg?) Berlins zur deutschen Hauptstadt – auch das Interesse für die lange verschütteten Wurzeln des heutigen Europa ein. „Es ist höchste Zeit, dass wir unsere Vergangenheit wieder ein bisschen ernster nehmen“, hatte Jens Christian Jensen kurz vor der Eröffnung des Museums gefordert. Schließlich habe das 19. ins 20. Jahrhundert hinein gewirkt – „heilvoll und unheilvoll“, so der langjährige Kurator der Ausstellung, der auch die bis heute gültige erste Hängung der Ständigen Sammlung im MGS entworfen hat.

Die vergangenen zehn Jahre haben Jensen Recht gegeben. Als Christie's Anfang 2000 in Düsseldorf einen Schwung Bilder aus der Sammlung Georg Schäfer versteigerte, waren die Fachleute völlig verblüfft, dass etliche Gemälde das Drei-, Vier- und mitunter auch Zehnfache ihres Schätzpreises einbrachten, Bei einer weiteren Auktion fünf Jahre später bei Neumeister in München wunderte sich dann schon niemand mehr, als ein Waldmüller, der auf 8000 Euro geschätzt war, für 130 000 Euro über den Tisch ging.

Das böse Wort Kitsch

Ende 2001 wird die Alte Nationalgalerie als erstes generalsaniertes Haus auf der Berliner Museumsinsel wiedereröffnet, die Zeichen stehen immer stärker auf 19. Jahrhundert. Mit dem Bode-Museum als exemplarischem Museumsgebäude, mit der Vorbereitung auf ein Humboldt-Forum in einem – wie auch immer – wiederzuerrichtenden Stadtschloss, mit dem Neuen Museum, das nicht zuletzt auch das Forschen und Sammeln jener Tage thematisiert, kurz: mit all den nationalen Großprojekten, die fest im 19. Jahrhundert verankert sind, schließen sich allmählich auch die Lücken im (kunst-)geschichtlichen Diskurs. Namen wie Adolph Menzel, Ferdinand Georg Waldmüller, Caspar David Friedrich, Max Liebermann und natürlich Carl Spitzweg etablieren sich als Publikumsmagneten – in der Nationalgalerie wie im Museum Georg Schäfer. Der Ansturm auf die große Carus-Ausstellung in Berlin dürfte auch den letzten Zweifler widerlegt haben.

Dabei war zu Beginn in Schweinfurt einige Skepsis spürbar gewesen. Malerei des 19. Jahrhunderts? Da dachten viele an den röhrenden Hirsch über dem Sofa. Oder Spitzweg – der Pointenmaler mit den putzigen Wachmännern, Eigenbrötlern, Mönchen. Was hat der uns heute zu sagen? Dem bösen Begriff Kitsch, der damals immer ein wenig mitschwang, stellte sich das Museum übrigens erst nach fast zehn Jahren: In der Ausstellung „Schön und Hässlich“ (von August 2009 bis April 2010) wurden Spitzenwerke mit eher weniger guten Arbeiten aus der Sammlung konfrontiert.

Und da war er dann plötzlich wirklich da, der röhrende Hirsch. Da hing die pittoresk-tröstliche Genreszene neben dem tiefernsten Liebermann, die süßliche Venus neben der Salome im Blutrausch. Spannend auch der Aspekt Ästhetik für die Massen, abgehandelt anhand industriell gefertigter Exponate – dass eine Barbiepuppe einmal den Weg ins Museum finden würde, das wäre in der Anfangszeit schlicht undenkbar gewesen.

Was das Museum zeigen soll und was nicht, das war eine Frage, die in den ersten Jahren (und vielleicht auch heute noch) hinter den Kulissen immer wieder heiß diskutiert worden sein muss. In der Tat ist es von außen nicht ganz leicht zu durchschauen, wer auf die Entscheidungen der Museumsleitung Einfluss nehmen kann, mit Einblicken in ihr Innenleben ist die Institution MGS überhaupt recht sparsam. Jedenfalls zeichneten sich schon früh zwei gegensätzliche Sichtweisen ab: Das Museum solle, so die eine, möglichst ausschließlich Wechselausstellungen aus dem Bestand bestreiten (mutmaßlich Standpunkt der Stifterfamilie), und, so die andere Meinung, es müsse doch möglich sein, auch Leihgaben – einzelne und ganze Ausstellungen – zu präsentierten (mutmaßlich Standpunkt der Leitung).

Fremdlinge zu Gast

Es sieht aus, als habe sich die zweite Sichtweise durchgesetzt, immerhin waren etwa mit der Expressionisten-Sammlung Gerlinger, der Wiener Albertina (mit Rudolf von Alt), mit Edouard Manets Zola-Porträt, dem einen oder anderen Monet durchaus prominente Fremdlinge zu Gast. Die Jubiläumsausstellung „Meisterwerke der Portraitkunst“ wiederum, die am heutigen Samstag eröffnet wird, speist sich zum überwiegenden Teil aus dem Bestand.

Im Interview Anfang 2000, ein paar Monate vor der Eröffnung, hatte Museumseiterin Sigrid Bertuleit ausdrücklich den Anspruch erhoben, das 19. Jahrhundert in seiner Komplexität, seiner Widersprüchlichkeit aber auch seinem Reichtum darstellen zu wollen. Das Museum ist auf dem besten Weg, diesen Anspruch einzulösen. Schon die Ständige Sammlung deckt mit Klassizismus, Biedermeier, Präraffaeliten, Romantik, Jugendstil oder Impressionismus ein riesiges Spektrum ab.

Die Wechselausstellungen beleuchteten thematische, künstlerische oder auch historische Schwerpunktthemen, von der Rom-Euphorie deutscher Künstler Anfang des 19. Jahrhunderts bis hin zum tragischen Schicksal Martha Liebermanns, die sich 1943 das Leben nahm, um der Deportation zu entgehen. Man hat sich unter dem Titel „Die Entdeckung der Wirklichkeit“ mit dem frühen Realismus ebenso befasst wie mit der radikalen Beseitigung des alten Paris durch Baron Haussmann zu Zeiten Emile Zolas.

Natürlich sind längst noch nicht alle Facetten dieses schwierigen und faszinierenden Jahrhunderts abgehandelt. Werden es vielleicht auch nie sein. Doch es ist erstaunlich, wie ein Haus, dem seine Kritiker eine Randexistenz als Sparten-Museum vorhersagten, sich sozusagen als Einstiegsplattform für die Auseinandersetzung mit unserer jüngeren Geschichte etabliert hat. Und dann ist da ja auch noch die Kunst selbst, die – jenseits aller historischen Diskursfragen – immer wieder Bereicherung, Inspiration und schlicht Genuss ist. Der röhrende Hirsch allerdings ist längst wieder im Depot gelandet.

Zehn Jahre Museum Georg Schäfer

Das Museum Georg Schäfer wurde am 23. September 2000 eröffnet. Das Haus wurde komplett aus Privatisierungserlösen des Freistaats (28 Millionen Mark) finanziert. Die Bilder – 900 Gemälde und 4000 Arbeiten auf Papier – sind Eigentum der Sammlung-Dr.-Georg-Schäfer-Stiftung, Trägerin des Museums ist die Stadt Schweinfurt. Am heutigen Samstag wird um 15 Uhr die Ausstellung „Meisterwerke der Porträtkunst – 10 Jahre Museum Georg Schäfer“ eröffnet. Zu sehen sind Arbeiten etwa von Corinth, Leibl, Lenbach, Menzel, Liebermann, Slevogt und Spitzweg.

Das Museum als Bilderrahmen.
Foto: Tepper | Das Museum als Bilderrahmen.
Das zentrale Treppenhaus.
Foto: Ruppert | Das zentrale Treppenhaus.
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