Der Alte Fritz und die Nazis

Er stand für Tugend, Tapferkeit und Vaterlandsliebe. Er führte 23 Jahre lang Krieg – rund die Hälfte seiner Regentschaft. Er machte seinen Staat zum bedeutenden Machtfaktor: Friedrich II. ließ sich leicht für die Zwecke der Nationalsozialisten vereinnahmen. „Ich bin wie Moses: Ich schaue von ferne in das Gelobte Land, aber ich werde es nicht betreten“, schrieb der Preußenkönig 1780. Hatte er damit nicht, so die Propaganda, Hitlers „Tausendjähriges Reich“ vorhergesehen? „Das ist ein typisches Beispiel dafür, wie dreist die Nationalsozialisten die Geschichte fälschten“, sagt Eduard Stenger, der im Lohrer Schulmuseum die Ausstellung „Friedrich der Große und das ,Dritte Reich‘“ zeigt. Denn es ging Friedrich dabei gar nicht um die deutsche Zukunft: Das Zitat findet sich in der Schrift „Über die deutsche Literatur“.

Friedrich war in der NS-Zeit allgegenwärtig. Passende Zitate des Alten Fritz hingen als „Wochensprüche der NSDAP“ in den Klassenzimmern („Es gibt keine Lorbeeren für die Faulen“). Als „überragender nordischer Führer“ tauchte er in Lehrbüchern auf. Als „Erhalter der Wehrmacht“ propagierte ihn das Lesebuch „Volk und Führer“ für die vierte Klasse. Und nach der Schule klebte man Zigarettenbildchen ins Album – angepasste Versionen der Friedrich-Geschichte. Das Winterhilfswerk verteilte eiserne Abzeichen mit des Königs Konterfei (im Bild)

Und dann Friedrich als Krieger! „Er stand immer an vorderster Front“, sagt Eduard Stenger, „drei Pferde wurden ihm unter dem Leib weggeschossen.“ Das Image des furchtlosen deutschen Frontkämpfers kam der Nazipropaganda entgegen. „Friedrich war ein Hasardeur“, erklärt Stenger, „und er hatte immer wieder unwahrscheinliches Glück.“ Im Bunker, in dem der „Führer“ seine letzten Tage verbrachte, hing ein Porträt von Friedrich II. Hitler selbst zog – angesichts der Niederlage – bis zuletzt Hoffnung aus der Lebensgeschichte des Preußenkönigs.

Dabei passte der Preußen-Herrscher nicht wirklich in die Nazi-Ideologie. Er führte – „Jeder nach seiner Façon“ – die Religionsfreiheit ein, in deutschen Landen seinerzeit unüblich. „Das war Multikulti“, meint Eduard Stenger. Auch Friedrichs ambivalente sexuelle Neigungen fügten sich nicht ins Bild, das die Nazis von Friedrich zeichneten – sie wurden deshalb verschwiegen. Text: hele

Das Schulmuseum Lohr dokumentiert mit einer Vielfalt an Ausstellungsstücken Geistesgeschichte der letzten drei Jahrhunderte. Die Friedrich-Sonderschau ist ab 24. Januar zu sehen (bis 20. Januar 2013). Mittwoch bis Sonntag 14-16 Uhr.

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