FERNSEHEN

Die Fürsten der Anarchie: "Monty Python"

In Serie: In einer Reihe von Artikeln beschäftigen wir uns feuilletonistisch mit alten und neuen Fernsehserien. Heute: „Monty Python“ oder Die Herausforderung jeglicher Autorität.
Legendär: „Monty Python's Flying Circus“ mit (oben) Michael Palin (links) und John Cleese sowie Eric Idle (unteres Bild).
Foto: Cinetext | Legendär: „Monty Python's Flying Circus“ mit (oben) Michael Palin (links) und John Cleese sowie Eric Idle (unteres Bild).

Gut möglich, dass Monty Python mit Quantenphysik rein gar nichts zu tun hat. Allerdings auch nicht gänzlich unmöglich. Manche Sketche der britischen Komikertruppe wirken sogar, als seien sie als Beweis der sogenannten Stringtheorie gedacht. Diese besagt, dass die kleinstmöglichen Teile, aus denen die Welt besteht, keine Punkte sind, sondern Fäden – Strings eben. Schlussfolgerung: Es existieren mehrere Universen gleichzeitig. Die zentrale Frage: Wie gelangt man von einem ins andere Universum? Nun, Monty Python’s Flying Circus liefert zumindest eine ganze Menge Beispiele dafür, was passieren könnte, wenn man beliebig zwischen den Universen pendeln könnte.

Wie anders könnte sich ein Sketch namens „Bicycle Repair Man“ erklären: Hier ist der Superheld ein supermannmäßig kostümierter Fahrrad-Reparierer, der immer dann eingreift, wenn jemandes Fahrrad einen Platten hat. Oder wie wäre sonst eine Welt vorstellbar, in der alte Damen sich zu pöbelnden Gangs zusammenschließen? Vermutlich sind Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones und Michael Palin ihrerseits einem Paralleluniversum entsprungen und haben Ende der 1960er Jahre bei uns die idealen Bedingungen vorgefunden, um die Welt der Komik komplett neu zu definieren.

Die offizielle Geschichte allerdings besagt, dass Cleese, Chapman und Idle in Cambridge, Palin und Jones in Oxford studiert haben und sich 1969 als Truppe zusammenfanden, um eine Sketchserie für die BBC zu drehen. Später kam der Amerikaner Terry Gilliam hinzu, der vor allem für seine surrealen animierten Cartoons bekannt wurde. Über die Entstehung des Namens Monty Python’s Flying Circus kursieren mehrere Versionen, die aber allesamt weitaus weniger lustig sind als das, was die Truppe bis 1983 in vier TV-Staffeln und fünf Kinofilmen vom Zaun brach.

Monty Python sind für die Komik das, was die Beatles für die Popmusik sind: die Erfinder von etwas so zuvor noch nie Erlebtem. Wie bei den Beatles forderten die Fans jahrzehntelang eine Wiedervereinigung. Die Antwort war immer dieselbe: „Solange Graham tot ist, wird es keine Wiedervereinigung geben.“ Graham Chapman starb 1989. Der Humor von Monty Python ist eine permanente Herausforderung der Gesetze der Physik, aller gesellschaftlichen Konventionen und jeglicher Autorität sowieso. Monty Python sind die Fürsten der Anarchie, ausgestattet mit einem unzähmbaren kollektiven Spieltrieb und sicherem Gespür für die möglichst absurde Auflösung möglichst unmöglicher Situationen.

Die Fernsehserie (1969 bis 1974) war dabei ebenso Experimentierfeld wie Schauplatz einiger früher Meisterwerke. So erfand die Truppe den tödlichsten Witz der Welt, den die britische Armee im Zweiten Weltkrieg gegen Deutschen einsetzt: „Wenn ist das Nunstück git und Slotermeyer? Ja! Beiherhund das Oder die Flipperwaldt gersput!“ Der Witz ist so unglaublich lustig, dass sich jeder augenblicklich über ihn totlacht. Bei der Übersetzung ins Deutsche gelten strengste Sicherheitsvorkehrungen: Für jedes Wort kommt ein eigener Übersetzer zum Einsatz. Einer sieht aus Versehen zwei Wörter und muss ins Lazarett.

Leider ist es Monty Python nicht gelungen, einen zu Unrecht vergessenen Komponisten zu rehabilitieren, dem eigentlich ein dauerhafter Platz an der Seite der ganz Großen der Tonkunst gebührte. Sein Name: Johann Gambolputty de von Ausfern Schplenden Schlitter Crasscrenbon Fried Digger Dingel Dangel Dongel Dungel Burstein von Knacker Thrasher Apple Banger Horowitz Ticolensic Grander Knotty Spelltinkle Grandlich Grumbelmeyer Spelterwasser Kurstlich Himbeleisen Bahnwagen Gutenabend-bitte-ein-nürnburger-Bratwurstl Gerspurten Mitz Weimache Luber-hundsfut Gumberaber Schönendanker Kalbsfleisch Mittler Aucher von Hautkopf of Ulm.

Über die Musik von Johann Gambolputty de von Ausfern und so weiter ist wenig bekannt, aber es heißt, dass es auch und gerade in Deutschland nicht wenige Musikstudenten gab, die seinen Namen jederzeit fehlerfrei hersagen konnten. . . Ein schönes Beispiel für die lustvolle Herausforderung jeglicher Autorität ist der legendäre Streit zwischen Michelangelo und dem Papst: Der Papst (John Cleese) zitiert den berühmten Künstler zu sich und will wissen, was das Känguru auf dem Fresko „Das letzte Abendmahl“ zu suchen habe. Michelangelo (Eric Idle) beruft sich in reinstem Cockney auf die künstlerische Freiheit, auch um zu rechtfertigen, dass das Bild 28 Jünger und drei Christusse zeigt. Der Papst erweist sich als Banause: „Ich verstehe vielleicht nicht viel von Kunst, aber ich weiß, was mir gefällt.“

Sensationell auch das Fußballspiel der deutschen gegen die griechischen Philosophen: Gottfried Leibniz, Immanuel Kant, Georg „Nobby“ Hegel, Arthur Schopenhauer, Friedrich Schelling, Franz Beckenbauer, Karl Jaspers, Friedrich Schlegel, Ludwig Wittgenstein (Karl Marx), Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger treten an gegen Platon, Epiktet, Aristoteles, „Chopper“ Sophokles, Empedokles von Akragas, Plotin, Epikur, Heraklit, Demokrit, Sokrates und Archimedes. Letztere siegen durch ein Tor von Sokrates in der 90. Minute. Schiedsrichter: Konfuzius.

Das vielleicht Schönste an der Kunst von Monty Python ist die Konsequenz, mit der Schnapsideen zu völlig schlüssigen Plots entwickelt werden, vorausgesetzt, man akzeptiert die Außerkraftsetzung aller Parameter, die ansonsten unsere Welt ordnen. Nur so konnten unvergängliche Kunstwerke entstehen wie das Ministerium für alberne Gänge, der transvestitische Holzfällersong, das Kommunisten-Quiz oder die Delikatesse Crunchy Frog (Knusperfrosch).

Legendär: „Monty Python's Flying Circus“ mit (oben) Michael Palin (links) und John Cleese sowie Eric Idle (unteres Bild).
Foto: Cinetext | Legendär: „Monty Python's Flying Circus“ mit (oben) Michael Palin (links) und John Cleese sowie Eric Idle (unteres Bild).
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