Mittelstreu

Ein bunter Schrank, der dramatische Lebensgeschichten erzählt

Das Novemberpogrom 1938 traf auch die Geschwister Weinberg aus Mittelstreu. Ein barocker Bauernschrank im Rhönmuseum in Fladungen brachte jetzt ihre Geschichte ans Licht.
So soll die Themeninsel 'geduldet & verfolgt' (Arbeitstitel) im Rhönmuseum Fladungen einmal aussehen. Rechts der Barockschrank der Weinbergs.
Foto: Gestaltung Homann Güner Blum, Rhönmuseum | So soll die Themeninsel "geduldet & verfolgt" (Arbeitstitel) im Rhönmuseum Fladungen einmal aussehen. Rechts der Barockschrank der Weinbergs.

"Rosa rauskommen!" – "Weinberg aufmachen! Eins, zwei, drei, Hauruck!" Mehrere laut schreiende Männer standen in der Nacht des 9. auf den 10. November 1938 vor dem Anwesen in Mittelstreu, umringt von Zuschauern. Es war jedoch niemand im Haus. Leopold Weinberg, damals 34 Jahre alt, und seine neun Jahre ältere Schwester Rosa waren gewarnt worden, sagt Eva-Maria König. Dennoch wurden auch sie schließlich Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung.

Eva-Maria König, Kunsthistorikerin und Leiterin des Rhönmuseums in Fladungen im Landkreis Rhön-Grabfeld, hat viel über das Geschwisterpaar Rosa und Leopold Weinberg recherchiert. Nicht vorrangig zum Novemberpogrom, bei dem im ganzen Land die Synagogen brannten und jüdische Mitbürger bedroht, ausgeplündert, inhaftiert, ermordet wurden. Auslöser für Königs Nachforschungen war vielmehr ein imposanter barocker Bauernschrank – ein Highlight-Objekt des Rhönmuseums.

Das Zugangsjahr 1939 weckte die Neugier der Forscherin

Im Zuge der Neukonzeption des Rhönmuseums, das im Frühjahr 2022 wiedereröffnet werden soll, fand eine umfangreiche Sichtung der Bestände statt. Das bunt bemalte, wertvolle Möbelstück weckte bei den Recherchen sofort die Aufmerksamkeit der Forscherin: Das Zugangsdatum verwies auf das Jahr 1939. Als Vorbesitzer wird Leopold Weinberg aus Baltimore, USA, genannt.

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Hat Weinberg den Schrank aus freien Stücken verkauft? Oder handelt es sich hier womöglich um NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut? Wurde das Möbelstück in der Nacht der Novemberpogrome vom Mob aus dem Wohnhaus in Mittelstreu geraubt? Ist es damit ein Restitutionsfall? Muss er den Erben des früheren Besitzers zurückgegeben werden? Eva-Maria König wollte das herausfinden und die Provenienz, also die Herkunft des Objekts mit der Inventarnummer 00314 klären – und das Schicksal der Familie Weinberg rekonstruieren.

Der Barockschrank der Weinbergs aus dem Jahr 1793.
Foto: Karen-Schaelow-Weber/Joachim Schüler, Rhönmuseum | Der Barockschrank der Weinbergs aus dem Jahr 1793.

Die Weinbergs lebten seit vielen Jahren in dem kleinen Ort. Isaak Weinberg, der Vater von Rosa und Leopold, war in den 1920er Jahren zusammen mit Samuel Klein Vorsteher der jüdischen Gemeinde. Das kann man im Internet auf der Seite "alemannia-judaica" nachlesen. Eva-Maria König wollte jedoch mehr wissen. Sie erkundigte sich im Standesamt nach den Lebensdaten, forschte in einschlägigen Archiven und in den Gestapo-Akten im Staatsarchiv Würzburg. Sie fand sogar einen Zeitzeugen, der die Weinbergs gut kannte. Nach und nach ergab sich ein Bild. Über den Bauernschrank erschloss sich der Museumschefin eine dramatische Lebensgeschichte: der wachsende Druck unter dem NS-Regime, die Auswanderung Leopolds nach Großbritannien und später in die USA, die Deportation Rosas und langwierige Entscheidungsverfahren in der Nachkriegszeit.

Trotz des Boykotts schlichen sich Mittelstreuer zur Rückseite des Geschäfts

Die Weinbergs unterhielten ein Ladengeschäft in Mittelstreu, in dem sie Lebensmittel und Stoffe anboten. Leopold, geboren am 17. Juli 1904, war zudem als Händler unterwegs. Er war sportlich, fuhr Motorrad – und eckte an. 1934 kam er wegen „beunruhigenden Äußerungen“ in Schutzhaft, wie die Gestapo-Akten belegen.  Ein Jahr später wurde ihm "grober Unfug" vorgeworfen: Er war mit einer "Nicht-Jüdin" aus dem Nachbarort und ihrer Freundin spazieren, hat König herausgefunden. Mehrere Aktenvermerke belegen Anfeindungen gegenüber Leopold Weinberg, er unterstand der polizeilichen Meldepflicht. Als die jüdische Kaufmannsfamilie boykottiert werden sollte, gab es dennoch Mittelstreuer, die heimlich bei den Weinbergs einkauften: Sie schlichen sich über das "Brandgässchen" zur Rückseite des Hauses.

Die Kunstwissenschaftlerin Eva-Maria König betreut die Neukonzeption des Rhönmuseums Fladungen für die Wiedereröffnung im Frühjahr 2022. Seit Juli 2018 ist sie die Leiterin des Regionalmuseums.
Foto: Rhönmuseum Fladungen | Die Kunstwissenschaftlerin Eva-Maria König betreut die Neukonzeption des Rhönmuseums Fladungen für die Wiedereröffnung im Frühjahr 2022. Seit Juli 2018 ist sie die Leiterin des Regionalmuseums.

Dann kam der 9. November 1938. Leopold fuhr nach der Warnung mit seinem Motorrad davon. Rosa und die Haushälterin verließen mittags Haus und Ort. Was in den Akten des Oberlandesgerichts Bamberg im Staatsarchiv Würzburg über die "Judenaktion in Mittelstreu" anhand von Zeugenaussagen protokolliert wurde, fasst König so zusammen: "Eine Gruppe Männer, die zuvor die jüdischen Einwohner aus Unsleben mit einem Lkw ins regionale Gefängnis verbrachten, zog im Anschluss weiter nach Mittelstreu. Dort hatte sich bereits ein Mob vor dem Anwesen der Weinbergs versammelt. Einige Personen drangen gewaltsam in das Haus ein, Fenster und Türen gingen zu Bruch. Stoffe und Rauchwaren wurden geraubt."

Mitte 1939 konnte Leopold nach England und dann in die USA emigieren 

Doch die Flucht vor dem Pogrom schützte die Geschwister nicht. Leopold wurde in Hünfeld nördlich von Fulda aufgegriffen und als "Aktionsjude" ins KZ Buchenwald gebracht. Sein Name steht auf einer Liste mit Juden, die im Zuge der Novemberpogrome 1938 verhaftet wurden. Überlebende berichteten über die katastrophalen Bedingungen dort. Über 10 000 Menschen wurden damals dort eingeliefert und massiv unter Druck gesetzt: Sie kämen frei, wenn sie ihr Eigentum unter Wert abgeben und das Land verlassen.

Am 31. Dezember 1938 wurde Leopold entlassen, ein halbes Jahr später emigrierte er ins englische Manchester, 1947 in die USA. Er lebte bis zu seinem Tod 1970 in Baltimore. Rosa Weinberg hingegen blieb im Land. Am 25. April 1942 wurde sie von Würzburg aus nach Krasniczyn-Izbica im Raum Lublin deportiert. Das Haus wurde bereits 1939 veräußert. Der Verkauf lief über die NSDAP. Gemäß der damaligen Gesetzgebung sei der Besitz mit der Deportation "dem Reich" verfallen, so König.

Ein Brief von 1962 gab den Recherchen die entscheidende Richtung 

Leopold gab im November 1945 eine Suchmeldung beim Roten Kreuz auf. Es gab keine Lebenszeichen mehr von ihr, Rosa wurde für tot erklärt. "In den 1940er und 1950er Jahren laufen mehrere Wiedergutmachungsverfahren und Entschädigungszahlungen, auch für das 1939 veräußerte Anwesen", berichtet König.

Und der Bauernschrank? Der Fund eines Briefes wird Ausgangspunkt weiterer Recherchen Königs: Im April 1962 schreibt Leopold Weinberg an Otto Burkard, den damaligen Bürgermeister von Mittelstreu. Er wundere sich, so Leopold, dass Burkard ihn in einem vorherigen Schreiben mit "Sie" angesprochen habe, "denn ich bin immer noch derselbe Leopold, der vor 23 Jahren Mittelstreu verlassen musste und liegt in dieser Zeit natuerlich sehr viel hinter mir". Der Bauernschrank sei ihm enteignet worden, lässt er den Bürgermeister wissen. Er sei nie interessiert gewesen, den Schrank zu verkaufen.

Schriftverkehr zum Bauernschrank von Leopold Weinberg im Archiv des Rhönmuseums Fladungen
Foto: Eva-Maria König, Rhönmuseum | Schriftverkehr zum Bauernschrank von Leopold Weinberg im Archiv des Rhönmuseums Fladungen

Im Archiv des Rhönmuseums haben sich mehrere Schriftstücke erhalten. Zum Beispiel eine Rechnung des früheren Museumsleiters über 150 Reichsmark. Er hatte den Schrank im Januar 1944 ans Museum verkauft.

Der Museumsverein und der damalige Landrat von Mellrichstadt, Alfred Hauser, setzten sich später mit dem Wiedergutmachungsantrag von Leopold Weinberg auseinander. Es wurde verhandelt, der Wert des Schranks auf 600 Mark geschätzt. Über seinen Anwalt ließ Weinberg den Museumsverein wissen, dass das viel zu wenig sei. Man einigte sich nach einigem Hin und Her auf 1000 Mark plus anteilige Anwaltskosten. Weinbergs Anwalt wies darauf hin, dass man bedenken solle, "unter welchen Umständen Herr Weinberg um sein Eigentum gekommen ist … Man möge sich in die damalige Lage der jüdischen Verfolgten versetzen, die, jeder Willkür ausgesetzt, sozusagen bei Nacht und Nebel aus Haus, Eigentum und Heimat vertrieben worden sind und trotz aller Wiedergutmachung nicht voll entschädigt werden können".

Erstkontakt mit den Nachfahren von Leopold Weinberg in den USA

Aus heutiger Sicht irritiert die Schärfe des Antwortschreibens, sagt König. "Der Rhönmuseumsverein e.V. nimmt mit Genugtuung zur Kenntnis, dass die Eigentums- und Entschädigungsfrage des umstrittenen Schrankes endgültig bereinigt ist", schreibt der Landrat 1963 an Weinbergs Anwalt. Ist damit der „Fall Weinberg“ endgültig bereinigt, endgültig geklärt? Die "Schuldigkeit getan"? Diese Frage stellt König in einer ersten Veröffentlichung zu ihren Recherchen in der Fachzeitschrift "Museumskunde", in der sie sich mit Zielen und Chancen der Provenienzforschung auseinandersetzt - und mit der Wiederaufnahme von Altfällen.

Der Schrank wird künftig im Rhönmuseum in der Themeninsel "geduldet & verfolgt" (Arbeitstitel) zu sehen sein. Zudem konnte der Erstkontakt mit den Nachfahren von Leopold Weinberg in den USA hergestellt werden. "Es ist gerade ein spannender Moment", sagt Eva-Maria König.

Rhönmuseum Fladungen

Das im historischen Amtshaus in Fladungen untergebrachte Regionalmuseum verdankt seine Gründung im Jahr 1921 dem Bezirksamtsmann Alfred Jacob. Derzeit erfährt das Rhönmuseum eine umfangreiche Neuausrichtung und wird im Frühjahr 2022 wiedereröffnet. Nach einer grundlegenden Sanierung und der inhaltlichen Überarbeitung des Gesamtkonzeptes soll sich das Haus wieder zu einem Schwerpunktmuseum für die Kulturgeschichte der Rhön und der dort lebenden Menschen entwickeln.
Quelle: Rhönmuseum
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