Homburg

Endlich nach Japan

Atelierbesuch: Kaum aus Indien zurück, bereitet sich die Malerin Elvira Lantenhammer auf die nächste große Reise vor: Sie wird – endlich – in Japan arbeiten, dem Land ihrer künstlerischen Sehnsucht.
Elvira Lantenhammer in ihrem Atelier mit einer „Steinesetzung“. In dieser Serie setzte sie sich mit japanischen Steingärten auseinander.
Foto: MAthias Wiedemann | Elvira Lantenhammer in ihrem Atelier mit einer „Steinesetzung“. In dieser Serie setzte sie sich mit japanischen Steingärten auseinander.

Elvira Lantenhammer wollte nie nach Japan reisen. Jedenfalls nicht als Touristin. Obwohl sie sich seit vielen Jahren mit japanischem Denken und japanischer Kultur beschäftigt. Schon als Studentin an der Kunstakademie in München erwarb sie den schwarzen Gürtel in Karate – das Mit- und Nebeneinander von Spannung und Entspannung faszinierte sie.

"Das Ideal wäre der leere Raum"

Und diese Fähigkeit der Reduktion auf das Wesentliche, die vollkommene Klarheit der Formen, ob in der Kunst oder beim Wohnen. „Das Ideal wäre der leere Raum, aber das gelingt mir nicht immer. Ich brauche nun mal Bücher und Pigmente“, sagt die Malerin. Aber in das Land reisen und Sehenswürdigkeiten abhaken, das hat sie nie gereizt. Nun fährt sie für zwei Monate als Künstlerin hin. Und ein großer Kreis schließt sich. Manchmal fügen sich eben die Dinge. „Das kommt genau zum richtigen Zeitpunkt in meinem Leben“, sagt Elvira Lantenhammer.

Hoch über dem Main, ganz vorne an der Kante eines steil abfallenden Felsens, thront mit weißen Mauern und rotbraunem Fachwerk Schloss Homburg. Hier lebt und arbeitet Elvira Lantenhammer seit 1998. Knarzende Treppen führen in ihren Wohn- und Ausstellungsbereich, weitere Stufen, in Jahrhunderten abschüssig geschliffen, zu ihrem Atelier direkt unter dem Dach.

Weißgetünchtes Atelier direkt unter dem Dachstuhl

Die Balken des wuchtigen Dachstuhls sind weißgetüncht und wirken deshalb gar nicht so wuchtig. Der etwa 100 Quadratmeter große Raum ist hell und weit. Ein Sofa, ein Sessel, lange Tische mit Malutensilien und auf einer weißen Folie der Bereich, in dem Elvira Lantenhammer malt.

Quintessenz der Erfahrungen vor Ort: „Virginian Siteplan“ von Elvira Lantenhammer, ein Lageplan aus Virginia, entstanden 2015.
Foto: Thomas Kohnle | Quintessenz der Erfahrungen vor Ort: „Virginian Siteplan“ von Elvira Lantenhammer, ein Lageplan aus Virginia, entstanden 2015.


Eigentlich wollte sie dieser Tage noch Indien nachwirken lassen – sie ist gerade erst von einem Aufenthalt als Artist in Residence in Bharuch im Nordwesten des Landes zurückgekehrt. Die dort entstandenen Arbeiten lehnen noch verpackt an der Wand. Aber jetzt stehen zwei Monate Japan an. Am 2. Juni fliegt die Künstlerin nach Fukuoka und dann Otsu, die Partnerstadt Würzburgs.

Im Rahmen dieser Städtepartnerschaft findet erstmals ein Künstleraustausch statt, Elvira Lantenhammer, die sozusagen den Antrittsbesuch dieses „artists' exchange“ macht, bekommt eine Wohnung gestellt und ein Atelier und Ausstellungsmöglichkeiten an der Seian University of Art and Design in Otsu. Im Gegenzug wird später eine Künstlerin oder ein Künstler aus Otsu zwei Monate in Würzburg arbeiten.

In Kyoto gibt es kulturelle Stätten in Überfülle

Nur 15 Kilometer sind es von Otsu in die alte Kaiserstadt Kyoto mit 1600 buddhistischen Tempeln, 400 Shinto-Schreinen, Palästen und Gärten. Kyoto ist die einzige Stadt Japans, die im Zweiten Weltkrieg nicht bombardiert wurde. Hier gibt es kulturelle Stätten in Überfülle, etwa die Steingärten, die die Malerin seit einem Aufenthalt 1998 auf dem Benediktushof Willigis Jägers faszinieren. Wer dort Zen-Meditation lernt, muss eine Stunde am Tag auf dem Hof mitarbeiten. Elvira Lantenhammer fiel die Aufgabe zu, Blätter aus dem Steingarten zu entfernen.

Im Steingarten stecken viele Aspekte, die die Künstlerin beschäftigen. Kies und Steine als Mikrokosmos in maximal reduzierter Form. „Der Garten – eine zweite Natur, oder dies: dass hier Natur und Kunst nicht getrennt gesehen werden. Kunst als gestaltete Natur, und Natur als nach ihrem Ursprung rufende Kunst. In Japan vor allem gilt daher stets: Natur und Kunst!“ Georg Stenger, heute Professor für Philosophie in einer globalen Welt an der Universität Wien, hat das 1999 geschrieben, zu Elvira Lantenhammers Ausstellung „Kyoto – Lagepläne und Steinesetzungen“.

Ein Stein als symbolischer Träger von sieben Schätzen

Unter dem Eindruck des Benediktushofs war die Serie „Steinesetzungen“ entstanden. Sozusagen in Vorbereitung der nun anstehenden Reise hat Elvira Lantenhammer die Arbeiten wieder hervorgeholt. Quadratische Bilder, die ein interessant geformtes Gebilde auf einer Farbfläche zeigen, die so mit dem Pinsel strukturiert ist, dass sie an den minutiös gerechten Kies des Steingartens erinnert. Das Gebilde wiederum ist einer jener Steine, die in Japan ob ihrer besonderen Form verehrt werden. Dieser trägt den Namen Tarakabune, was „Schatzschiff“ bedeutet – das Schiff trägt sieben Glücksgötter beziehungsweise sieben Schätze: Klugheit, Wissen, Erfahrung, Gelehrsamkeit, Tapferkeit, Wohlstand und Zufriedenheit.

Die Bilder sind freilich keine Abbilder. Elvira Lantenhammer erkundet in ihnen vielmehr die Spannungsverhältnisse zwischen Ruhe und Bewegung, zwischen Fläche und Raum. Ein wesentliches Medium ist dabei die Farbe. „Ein Japaner käme nie auf die Idee, einem Stein eine Farbe zu geben“, sagt die Malerin. „Aber ich bin eben keine Japanerin. Ich beschäftige mich mit meinen Mitteln mit dem Thema.“

Mit ihrem Geburtsort Altötting hat sie sich auch künstlerisch auseinandergesetzt

Und ihr wichtigstes Mittel ist eben die Farbe. Sie hat schon versucht, herauszubekommen, wo sie sich in Otsu mit Pigmenten für ihre Eitempera-Malerei versorgen kann. Es gibt natürlich Geschäfte, ein direkter Kontakt war aus sprachlichen Gründen bislang noch nicht möglich, die Malerin wird deshalb für die erste Zeit einen Satz Pigmente und einen Satz Pinsel mitnehmen. Vor Ort wird die Kommunikation klappen, da ist sie sicher: „Ich komme schon zurecht.“

Elvira Lantenhammer ist 1956 im oberbayerischen Altötting geboren, Wallfahrtsort und Hochburg des katholischen Glaubens – eine Eigenschaft, mit der sie sich bereits künstlerisch auseinandergesetzt hat. Nach einer Ausbildung zur Restauratorin hat sie an der Münchner Kunstakademie studiert, 1994 gewann sie den Debütantenpreis des Bayerischen Staats. Die Liste ihrer Ausstellungen seither ist lang, gegen Ende der 90er taucht darauf immer wieder der Titel „Lageplan“ auf.

Die Werkbezeichnung "Lageplan" ist ihr eines Tage zugeflogen

„Dieser Begriff ist mir zugeflogen“, sagt die Malerin. 1997 war das, da trat sie von einem Bild zurück, an dem sie gerade arbeitete und dachte: „Das könnte ja ein Lageplan sein.“ Im Grunde seien alle ihre Farbflächenbilder Lagepläne. Immer meinen sie konkrete Orte oder Landschaften, nie aber sind sie gegenständliche Wiedergaben. Es gibt Lagepläne von Würzburg, Venedig, Rom, Bremerhaven, Bulgarien oder Virginia. Orte und Gegenden, an oder in denen sie sich lange genug aufgehalten und bewegt hat, um Eindrücke und Wissen zu sammeln. „Ich nehme alles auf, was mir begegnet oder auf mich eindringt.“

Im Atelier arbeitet sie dann so lange, bis sie einen stimmigen „Farbklang“ findet. Der in komprimierter, abstrahierter Form dem Erlebten gerecht wird. „Alle Erfahrungen sind als Quintessenz in den Bildern drin.“ Beim Lageplan Rom etwa leuchtet das sofort ein: viel starkes, schweres Rot, durchzogen von scharfen, weit geschwungenen Linien, zwei grüne Felder – das Bild einer Stadt, in der seit Jahrtausenden Macht, Kunst und sicher auch Gewalt eine Rolle spielen.

Jedes neue Bild überrascht sie

In Japan werden weitere Lagepläne entstehen. Möglicherweise auch nur einer: Elvira Lantenhammer spielt mit der Idee, eine lange Bilderrolle zu bemalen, nach dem Vorbild der japanischen Rollen, die an einem Stück ganze Geschichten erzählen.

Planen lassen sich ihre Bilder nicht, sagt die Künstlerin. „Ich arbeite intuitiv mit den Farben, und dann schaue ich. Ich sage oft: Oh, so bist du geworden. Ich werde durch das Werk selbst überrascht – und deshalb ist es ja spannend.“ Nach all den Jahren, die sie sich nun mit Japan beschäftigt, hat sie natürlich eine Vorstellung, wie Japan sich anfühlen könnte. Aber auch hier wird die Überraschung nicht überraschend kommen: „Ich bin sicher, es wird sich ganz anders anfühlen.“

 
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