Würzburg

Fiddler's Green: Wie fühlt es sich an, seit 30 Jahren auf Tour zu sein?

Interview: Rainer Schulz ist Gründungsmitglied der Erlanger Irish-Speedfolk-Band. Der Bassist hat als einziges der sechs Bandmitglieder jedes der bald 2000 Konzerte gespielt.
Taubertal-Festival, 17. August: Fiddler's Green an der Rothenburger Stadtmauer. Von links: Sänger Ralf 'Albi' Albers, Geiger Tobias Heindl, Gitarrist Pat Prziwara.
Foto: Fabian Gebert | Taubertal-Festival, 17. August: Fiddler's Green an der Rothenburger Stadtmauer. Von links: Sänger Ralf "Albi" Albers, Geiger Tobias Heindl, Gitarrist Pat Prziwara.

Corona hat die Jubiläumstour etwas verzögert, aber nun sind sie wieder unterwegs: Fiddler's Green, die Erlanger Speedfolk-Band, feiert 30 Jahre Bühnenpräsenz – am 25. November in der Würzburger Posthalle. Bassist Rainer Schulz ist Gründungsmitglied und hat als einziger jedes der inzwischen fast 2000 Konzerte gespielt.

Seit 30 Jahren auf Tour – wie fühlt sich das an?

Rainer Schulz: Erstaunlich fühlt sich das an. Wir hatten ja nie geplant, das überhaupt so lange zu machen. Die Zeit ist vorbeigeflogen, und jetzt blicken wir ungläubig zurück auf alles, was wir so gemacht haben. Es kommen an jeder Autobahnausfahrt Erinnerungen hoch, weil wir überall schon mal waren. Wir haben inzwischen fast 2000 Konzert gespielt, und das ist doch eine ganze Menge.  

Ihr seid sechs Bandmitglieder. Habt Ihr jenseits der Bühne eine Aufgabenteilung?

Schulz: Wir organisieren fast alles selber. Ich bin für die Konzerte zuständig und bin auch unsere Plattenfirma. Grafik und online macht der Quetscher (Akkordeon-Spieler Stefan Klug, Red.). Beim nicht ganz unwichtigen Rest, also Songwriting und Produzieren, arbeitet jeder nach seinen Fähigkeiten, Neigungen und zeitlichen Möglichkeiten mit.

Rainer Schulz (links) und Fiddler's Green im August beim Taubertal-Festival.
Foto: Fabian Gebert | Rainer Schulz (links) und Fiddler's Green im August beim Taubertal-Festival.
Eure Songs und die Shows selbst leben von Tempo und Energie. Wie war es, plötzlich in voller Fahrt auf Null runtergeschaltet zu werden?

Schulz: Das war sehr bitter. Das hat uns, wie alle anderen, kalt erwischt. Damit mussten wir erstmal klarkommen. Bei mir war es 33, 34 Jahre her, dass ich das letzte Mal so wenig Musik gemacht hatte. Langweilig wird's einem natürlich nicht, ich als Booker war die ganze Zeit damit beschäftigt, Sachen abzusagen, zu verschieben, neue Termine zu finden. Das war ein dumpfes, frustrierendes Arbeiten für gar nix. Aber im Grunde haben wir die Zeit ganz gut hingekriegt. Zum Glück ist es uns nicht so gegangen wie anderen, die Gefallen gefunden haben am ruhigeren Leben, oder sich gleich einen anderen Job gesucht haben. Das werden wir bei den Technikern in der Szene noch sehr zu spüren bekommen.

Als Ihr 1990 angefangen habt, hatten wir gerade die Neon-Elektropop-Jahre hinter uns. Habt Ihr Euch damals als Gegenentwurf verstanden?

Schulz: Die Motivation am Anfang war, das etwas verstaubte Folk-Repertoire ein bisschen aufzuwürzen. Da waren wir von den Pogues motiviert. Dann wollten wir probieren, wie man mit akustischen Instrumenten richtig Dampf machen kann. Das war schon eine Gegenbewegung zu den Achtzigern, dem Neue-Deutsche-Welle-Kram und so. Ich weiß noch, wie begeistert ich war, als Nirvana bekannt wurde und selbst in den furchtbarsten Mainstream-Diskos lief. Da dachte ich: Jetzt fängt die gute Zeit wieder an.

"Es kommen an jeder Autobahnausfahrt Erinnerungen hoch, weil wir überall schon mal waren."
Rainer Schulz, Bassist und Gründungsmitglied von "Fiddler's Green"
Am Anfang gab es ja nicht mal eine Stilbezeichnung für das, was Ihr macht.

Schulz: Wir waren die absolute Nische, deshalb mussten wir auch selbst die Bezeichnung Speedfolk erfinden. Das hat sich im Laufe der Zeit immer mehr etabliert. Ende der Neunziger sind in den Staaten Bands wie Flogging Molly oder Dropkick Murphys entstanden, die das Ganze weltweit hoffähig gemacht haben. Das hat uns so ab 2006/2008 auch einen deutlichen Schub gegeben. Da sind wir dann im Mainstream angekommen. Vorher war es immer schwierig für Veranstalter, etwa bei Festivals, wo sie uns positionieren sollten – zwischen Death Metal, Reggae, Volksmusik oder Mittelalter? Wir saßen auf jedem Stuhl ein bisschen, aber auf keinem richtig.

Was sagen denn Iren zu Eurer Musik?

Schulz: Wir hatten vor zehn Jahren eine kurze Irland-Tour, die war sehr nett. Die Resonanz war durchwegs super. Dass jemand sagt, das dürft Ihr nicht spielen, weil Ihr keine Iren seid, das gab es nur anfangs in Deutschland. Aber das ist vorbei. Die Iren sind da völlig offen und entspannt. Die Zweifel kommen oft von Gruppen, die selbst gar nicht betroffen sind.

Rainer Schulz (Dritter von links) ist Bassist und Booker von Fiddler's Green.
Foto: Holger Fichtner | Rainer Schulz (Dritter von links) ist Bassist und Booker von Fiddler's Green.
Zuletzt habt Ihr Euch ja sozusagen das Original-Repertoire erschlossen.

Schulz: Ja, auf dem letzten Album haben wir endlich die Top 20 des Irish Folk aufgenommen. Die hatten wir vorher gemieden, weil wir gesagt haben, von "Wild Rover" oder "Drunken Sailor" gibt es hunderte Versionen, die alle nicht schlecht sind. Da müssen wir erst unseren eigenen Ansatz finden. Aber es hat unglaublich Spaß gemacht, das zu spielen. Wir waren blöd, dass wir das nicht schon vorher gemacht haben. Das sind einfach Supersongs.

Andere altgediente Bands erzählen, dass die Fans inzwischen schon ihre Kinder mitbringen, manche gar ihre Enkel. Wie ist das bei Euch?

Schulz: Das ist bei uns das gleiche, das sind richtige Familienausflüge. Lustigerweise in Würzburg, das ist inzwischen auch schon wieder fast zehn Jahre her, da war einer, mindestens 1,95 Meter groß, der hatte ein Uralt-Fiddler's-Shirt an. Es stellte sich raus, dass er das Produkt einer Ehe war, auf deren Polterabend wir gespielt haben. Das war der erste Moment, wo mir so richtig klar wurde: Oh, uns gibt's ja doch schon ein bisschen lange.

Verschoben: Fiddler's Green, "3 Cheers for 30 Years - die Best-Of-Jubiläumstour", wurde auf 29. April 2022 verschoben.

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