Würzburg

Fünf Lesetipps: Wie Sie Leonhard Frank am besten kennen lernen

Biografin Katharina Rudolph hat den Schriftsteller in allen Facetten seines komplexen Charakters kennengelernt. Hier sind ihre Tipps, was man vom ihm unbedingt gelesen haben muss.
Leonhard Frank auf einer undatierten Aufnahme. 
Foto: Tschuschke, Aufbau-Verlag, Berlin | Leonhard Frank auf einer undatierten Aufnahme. 

Es ist eine uralte Diskussion: Welche Rolle darf oder muss das Leben eines Schriftstellers bei der Beurteilung seines Werkes spielen? Sein Charakter? Bei Leonhard Frank (1882-1961) lassen sich Person und Werk kaum trennen. Umso spannender ist es, in der neu erschienenen Biografie von Katharina Rudolph nachzulesen, wo und wie sich Ansichten und Ereignisse seines Lebens in seinen Erzählungen und Romanen niedergeschlagen haben. Wo er Begebenheiten ausließ, wo er Abläufe veränderte, und wo er Stellung bezog.

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Wer wiederum Leonhard Frank, den Schriftsteller kennen lernen oder wiederentdecken möchte, den genauen Menschen-Beobachter und Situationen-Schilderer, für den stellt die Autorin hier fünf wesentliche Titel vor. Sie alle sind als E-Books erhältlich, auf Papier derzeit allerdings nur "Die Räuberbande", "Karl und Anna" und "Die Jünger Jesu". Es lohnt sich aber immer, in Würzburger Buchhandlungen nach antiquarischen Exemplaren zu fragen.

'Die Räuberbande' ist in über 20 verschiedenen Ausgaben erschienen. Hier ein Cover, auf dem der Titel in Sütterlin gesetzt ist.
Foto: Norbert Schwarzott | "Die Räuberbande" ist in über 20 verschiedenen Ausgaben erschienen. Hier ein Cover, auf dem der Titel in Sütterlin gesetzt ist.

Die Räuberbande (1914)

Der große Debütroman, der sich um eine Schar Jugendlicher – die „Räuberbande“ – aus kleinbürgerlichen Elternhäusern in Würzburg dreht. Es geht um qualvolle Schul- und Lehrjahre, um die kindlichen Traume, aus der gesellschaftlichen Enge der Stadt auszubrechen, sie abzubrennen und im Wilden Westen zu leben. Allmählich verblassen die Träume, aus Kindern werden Erwachsene, die sich mehr und mehr einfügen in die zuvor verhasste spießbürgerliche Welt. Nur einer halt an den Idealen fest und wagt den Ausbruch: Oldshatterhand alias Leonhard Frank. Das Buch machte ihn zur Stimme einer ganzen Generation.

Lieferbar: www.milena-verlag.at

Karl und Anna (1927)

Eine bewegende Liebesnovelle mit außergewöhnlicher Grundkonstellation: Karl und Richard sind in Kriegsgefangenschaft. Karl kommt vor Richard frei und gibt sich bei dessen Ehefrau Anna, in die er sich durch Erzählungen des Kameraden verliebt hat, als ihr Mann aus. Sie akzeptiert den Fremden an ihrer Seite – doch dann ist plötzlich Richard wieder da. Die Liebe zwischen Karl und Anna setzt ihr Verhalten gegen alle gesellschaftlichen Konventionen ins Recht. Franks Kunst gelingt es, im „engen Kreis dreier Menschenschicksale das Schicksal einer Zeit zu spiegeln“, schrieb ein Rezensent.

Lieferbar: www.aufbau-verlag.de

Leonhard Franks Roman 'Die Jünger Jesu' ist im Würzburger Verlag Königshausen & Neumann erhältlich.
Foto: Würzburg liest e.V. | Leonhard Franks Roman "Die Jünger Jesu" ist im Würzburger Verlag Königshausen & Neumann erhältlich.

Die Jünger Jesu (1949)

Die Rahmenhandlung erzählt von einer verschworenen Kinder-Clique: den „Jungern Jesu“. Sie sind kleine Robin Hoods, die im Würzburg von 1946/47 die Reichen bestehlen, um ihr Diebesgut an die Armen zu verteilen. Das Buch handelt von den Folgen des Nationalsozialismus und den gesellschaftlichen Konflikten der Nachkriegszeit. Im Zentrum steht das Schicksal der jungen Jüdin Ruth, die den Holocaust uberlebt hat. Der Roman ist anrührend und bedruckend, spannend, poetisch, voller Zartgefühl, aber auch böse, zugleich durchzogen von einem leisen Strom der Hoffnung und Zuversicht auf eine bessere Zeit.

Lieferbar: www.verlag-koenigshausen-neumann.de

Video

Links wo das Herz ist (1952)

Franks Autobiografie, die einen authentischen Einblick in sein turbulentes Leben und seine Haltungen und Werte vermittelt. Sie beginnt mit der prägenden Kindheit und Jugend in Würzburg und endet mit der Rückkehr nach Deutschland aus dem Exil in den USA. Frank schildert, wie er selbst sagt, das Leben „eines kämpfenden deutschen Romanschriftstellers in der geschichtlich stürmischen ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. […]. Er hat sich von Jugend an um Dinge gekümmert, die ihn nichts angingen, und ist der Meinung, daß Menschen, die das nicht tun, die Achtung vor sich selbst verlieren mussen.“

Das Ochsenfurter Männerquartett (1929)

Eine Art Fortsetzung der „Räuberbande“. Die Handlung spielt in Würzburg im Jahr 1927. Einige Mitglieder der „Räuberbande“ tauchen wieder auf, nicht mehr als abenteuerlustige Lausbuben, sondern als Ehemänner und Familienväter. Fast alle von ihnen haben, in Not geraten durch die Inflation, ihren Beruf verloren und kämpfen um das tägliche Brot. Als Gesangsquartett hoffen sie, sich eine Weile über Wasser halten zu können. Frank entfaltet erneut das Panorama der kleinbürgerlichen Welt seiner Heimat. Im Zentrum des Werks steht – was der Titel nicht vermuten lässt – eine zarte Liebesgeschichte.

Leonhard Frank

4. September 1882: Leonhard Frank wird in Würzburg als viertes Kind einer Arbeiterfamilie geboren. Seine Jugend ist geprägt von der liebevollen Unterstützung durch seine Mutter, aber auch von Armut und schlimmen Schulerfahrungen. Mechanikerlehre, danach in verschiedenen Berufen tätig.
1904-1910: Studium der Malerei und Grafik in München. Neue Erfahrungen und bittere Armut bestimmen diesen Lebensabschnitt.
1910: Umzug nach Berlin, 1913 bringt er eine Mappe mit Farblithografien heraus, seine einzige Veröffentlichung von grafischen Arbeiten.
1914: Der Erstlingsroman "Die Räuberbande" erscheint und wird im gleichen Jahr mit dem Fontane-Preis ausgezeichnet.
1915: Heirat mit Lisa Erdelyi und erste Emigration. Das Ehepaar Frank verlässt Deutschland und geht nach Zürich. Frank ist als einer der wenigen Intellektuellen von Anfang an ein überzeugter Kriegsgegner.
1917: "Der Mensch ist gut", eine Sammlung von Novellen gegen den Krieg.
1920 bis 1933: Berlin. Literarisch schöpferische und erfolgreiche Jahre. "Die Räuberbande" wird verfilmt. Frank arbeitet an Filmdrehbüchern mit. 1920 Kleist-Preis für "Der Mensch ist gut". 1923 stirbt Lisa. 1928: Mitglied der Preußischen Akademie der Künste. 1929: Zweite Ehe mit Elena Marquenne, Sohn Andreas wird geboren.
1933: Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten muss Frank aus Deutschland fliehen. Er ist zu diesem Zeitpunkt 50 Jahre alt. Stationen sind unter anderem Zürich und Paris. 1934 Ausbürgerung, bis 1950 staatenlos.
1939: Frank wird zweimal in Frankreich interniert. Er flieht beim Einmarsch der deutschen Armee und kann sich in wochenlangen Fussmärschen bis ins unbesetzte Südfrankreich durchschlagen.
1940: In Marseille zermürbendes Warten auf ein Ausreisevisum. Hilfestellung durch das American Rescue Comitee, das in den USA unter anderem von Thomas Mann unterstützt wird. Flucht durch das faschistische Spanien nach Portugal, am 18. Oktober Einreise in New York. Los Angeles, Vertrag bei Warner Brothers für 6 Monate. Danach lebt er von der Unterstützung durch Hilfskomittees und vom Verkauf seiner Bücher in Großbritannien und den USA.
1945: Leonhard Frank, der sich wie viele seiner europäischen Schriftstellerkollegen nie mit dem kalifornischen Lebensstil anfreunden konnte, zieht nach New York. Noch in den USA lernt er Charlotte Jäger, seine spätere dritte Ehefrau, kennen.
Ab 1950: Rückkehr nach Deutschland mit 68 Jahren. Er lässt sich in München nieder. Die Verkaufszahlen seiner Bücher in Westdeutschland bleiben niedrig. Er veröffentlicht auch beim Aufbau-Verlag in der DDR. Ein Umstand, der in Zeiten des Kalten Krieges in Westdeutschland Missfallen erregt. 1951 Mitglied in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, 1952 Silberne Plakette der Stadt Würzburg, 1955 Nationalpreis 1. Klasse der DDR, korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie der Künste in Berlin (Ost), 1957 Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.
18. August 1961: Leonhard Frank stirbt in München.
Quelle: Leonhard-Frank-Gesellschaft Würzburg 
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