WÜRZBURG

Gerhard Launer: Der Kunst-Flieger

Gerhard Launer: Wenn einer für seine Bilder nicht etwa eine Staffelei in Position bringt, sondern ein Flugzeug, ist das ungewöhnlich. Dem Würzburger Fotografen gelingt genau deshalb Bemerkenswertes.
Bunte Struktur: Den Marktplatz in Weilheim haben Schüler nach einem Kandinsky-Bild gestaltet. Gerhard Launer macht es auf seine Weise zu Fotokunst.
Foto: (c) Gerhard Launer | Bunte Struktur: Den Marktplatz in Weilheim haben Schüler nach einem Kandinsky-Bild gestaltet. Gerhard Launer macht es auf seine Weise zu Fotokunst.

Das“, sagt Gerhard Launer und zeigt auf die linke obere Ecke des riesigen Fotos, „hab' ich auch erst nach dem Vergrößern gesehen.“ Das Bild zeigt einen Sportplatz in Neu-Ulm aus der Vogelperspektive: Farbige Linien auf dunklem Grund lassen es wie eine Grafik wirken. Und auf den paar Quadratzentimeter links oben fällt gerade ein Basketball in den Korb – Launer hat den Moment mit der Kamera eingefroren.

Ein Zufall, sagt der Fotograf. Bis zu 200 Stundenkilometer schnell ist er, wenn er seine Cessna 172 Rocket über die Motive lenkt – die linke Hand am Steuerhorn, die rechte an der Kamera. Details wie der Ball über dem Korb entgehen ihm da zwangsweise. Der Zufall spiele immer wieder eine Rolle, sagt der international renommierte Würzburger Luftbildfotograf, sorge immer wieder für spannende, nicht planbare Details.

Im Großen und Ganzen kann Launer das, was er im Kopf hat, wenn er an den Start rollt, aber schon verwirklichen. Ohne allzu viele Zufälligkeiten, sagt er: Wenn der Raps blüht, kann er mit leuchtend gelben Landschaften rechnen. Dunst und Abendlicht sorgen für magische Stimmungen. Wenn die Sonne im richtigen Winkel steht, können sogar Großstädte Zauber entfalten. Aber natürlich: Man muss schon mit wachen Augen in die Welt sehen, um den speziellen Augenblick, die ungewöhnliche Perspektive zu erkennen.

Gerhard Launer, 65, hat sich international als Luftbildfotograf einen Namen gemacht. Jahrzehntelang lichtete er Städte und Flüsse ab, Berge, Landschaften und Meere. Früher mit der analogen Linhof-Aerotechnika, jetzt digital mit Hasselblad und Nikon – allesamt Spezialkameras, die ein kleines Vermögen wert sind. Mehr als 14 000 Flugstunden sind zusammengekommen. Seit 40 Jahren hat Launer die Berufspilotenlizenz, zuvor war er fünf Jahre lang als Privatpilot unterwegs. Seine Cessna hat Zusatztanks, damit er auf der Jagd nach dem passenden Motiv, dem richtigen Licht möglichst lange in der Luft bleiben kann. Bis zu zehn Stunden sind drin. Bildbände, Kalender, Filme, Fernsehporträts, Titelgeschichten im „Stern“ und Artikel im „Geo“-Magazin zeugen von der Ausdauer und dem Erfolg des gebürtigen Werneckers.

Eine Kursänderung

Jetzt will er den Kurs ein wenig ändern. Waren seine Aufnahmen bisher sozusagen dokumentarisch, geht's ihm nun um Kunst. So sagt er das aber nicht, denn: „Ich bin Handwerker. Ich finde, man hat nicht das Recht, sich selbst als Künstler zu bezeichnen.“ Anmaßend fände er das. Wenn andere ihn als Künstler sehen und seine Bilder als Kunst, dann sei das freilich was anderes . . .

Natürlich ist es ungewöhnlich, wenn einer für seine Bilder nicht zu Pinsel und Palette greift, sondern den 210 PS starken Sechszylinder einer Rocket startet. Wenn er nicht eine Staffelei in Position bringt, sondern ein ganzes Flugzeug. Genau das muss Launer tun: Die Kameras sind rechts neben ihm fest montiert (lose oder beweglich angebrachte Gegenstände sind beim Fliegen generell heikel). Um das Motiv seiner Wahl in den Sucher zu kriegen, muss er also kurven, oft eng und mit großer Schräglage. Dabei lastet schon mal das 3,4-fache seines Körpergewichts auf ihm: Jedes Launer-Foto ist auch ein Dokument für exaktes Fliegen.

Der zertifizierte Fluglehrer wischt das als eher nebensächlich beiseite: „Nicht wie das Bild entsteht, ist wichtig. Wichtig ist das Ergebnis.“ Das entsteht zu einem Teil, der für Launer immer wichtiger wird, nach dem Fotoflug. Denn dann kommt die Auswahl des Bildausschnitts. Launer bevorzugt in seinen jüngeren Arbeiten extreme Ausschnitte. Strukturen, die bei der Gesamtübersicht eher unauffällig sind, treten auf diese Weise in den Vordergrund. Gewohnte Proportionen verschieben sich. Eisschollen wirken wie Boten aus dem Mikrokosmos. Sandhaufen leuchten in ungekannten Farben. „Fremde Realitäten“ heißt die Launer-Ausstellung im Würzburger Spitäle (siehe Kasten unten). Das passt. Denn Gerhard Launer zeigt die Wirklichkeit so, dass man oft gar nicht erkennt, dass es überhaupt die Wirklichkeit ist. Manche Fotos sehen wie absolute Kunst aus, wie ausschließlich im Geist ihres Schöpfers entstanden.

Spiel mit den Sehgewohnheiten

Mögen Farben und Formen noch so unwahrscheinlich aussehen – Gerhard Launer beteuert, die Bilder seien nicht bearbeitet (im Sportplatz-Bild hat er indes die Linien etwas ausgerichtet). Verfremdet wird nichts. Ein bisschen korrigiert allerdings schon. Der Fotograf trimmt die Farben so hin, dass „ihre Intensität dem entspricht, wie ich es empfinde“.

Nicht simple Ansichten von der Welt liefert Launer also, sondern (seine) Vorstellungen von ihr. Er spielt mit der Wirklichkeit und mit den Sehgewohnheiten. Damit steht er letztlich in einer jahrhundertealten Tradition der Kunstgeschichte. So gesehen ist der fliegende Handwerker jedenfalls ein Künstler. Das passt ohnehin zu seiner Biografie: Der junge Launer hat am Konservatorium Geige studiert. Noch heute greift er immer wieder mal gerne zu dem Instrument.

Ausstellung im Spitäle

Gerhard Launer zeigt seine Arbeiten im Spitäle an der Würzburger Alten Mainbrücke. Zu sehen sind 18 Bilder in Formaten zwischen 1,5 mal 1,08 und 2,5 mal 1,25 Meter.

Gezeigt werden unter dem Titel „Fremde Realitäten“ abstrakte Strukturen, Farbkompositionen und Muster. Manchmal erschließt sich der Zusammenhang, die Verknüpfung mit der Wirklichkeit, beim genauen Hinsehen. Manchmal hilft nur der Titel weiter. Die Welt, die Gerhard Launer in seinen Bildern ausbreitet, mag verfremdet und unbekannt erscheinen – aber sie ist nicht fiktiv, sondern die fotografische Version der echten Welt, die uns umgibt.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Donnerstag, Samstag, Sonntag von 11 bis 18, Freitag von 11 bis 20 Uhr. Bis 6. Juli.

Gleichmäßig: Spuren eines GPS-gesteuerten landwirtschaftlichen Geräts im Raps.
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Launer mit Handwerkszeug
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