Würzburg

Intendantin: "Das Mozartfest geht gleich zweimal leer aus"

Evelyn Meining über schwierige Informationsbeschaffung in der Pandemie, Webfehler bei Förderprogrammen und das Hochgefühl, dass wieder Konzerte vor Publikum möglich sind.
Intendantin Evelyn Meining ist mit den Bedingungen der Förderprogramme nicht einverstanden.
Foto: Johannes Kiefer | Intendantin Evelyn Meining ist mit den Bedingungen der Förderprogramme nicht einverstanden.

Nach mehrjähriger Vorarbeit und unzähligen Umplanungen läuft in Würzburg derzeit tatsächlich das Mozartfest 2021 – mit täglich meist mehreren Veranstaltungen vor echtem, anwesendem Publikum. Evelyn Meining, seit 2013 Intendantin des Festivals, hat soeben ihren Vertrag bis 2029 verlängert. Im Gespräch beschreibt sie die letzten sechs Monate Pokern, Bangen, Tüfteln und das Hochgefühl, dass die Jubiläumsausgabe zum 100-jährigen Bestehen des Festivals doch noch möglich wurde. 

Frau Meining, ist Ihnen auch aufgefallen, dass niemand mehr im Konzert hustet?

Evelyn Meining: Dass die Menschen nicht mehr erkältet sind, sehe ich an meinen Kindern. Sonst hat ja immer jemand eine Rotznase. Aber im Saal? Es stimmt, was Sie sagen: Das Publikum ist sehr viel konzentrierter, versunkener als sonst. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass die Menschen das Gut, endlich wieder ein Musikereignis besuchen zu können, ganz neu wahrnehmen und schätzen. Es war ja vorher ein scheinbar alltägliches, jederzeit verfügbares Gut in unserem kulturell so reichen Land.

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Wir sind in Woche drei, das Festival läuft. Wie fühlen Sie sich?

Meining: In einer Hochstimmung. Natürlich gibt es immer noch täglich Anpassungsbedarf im Hinblick auf Corona: Unendlich viele Details, die eigentlich gar nichts mit normaler Festivalarbeit zu tun haben. So braucht es seit gestern keine Tests mehr. Aber das ist alles nachrangig zu dem Gefühl des großen Glücks, dass wir es geschafft haben, ein fast vollständiges Programm anzubieten. Auch die Künstler sind so dankbar. Fast alle sagen, das sei ihr erstes Konzert vor Publikum seit November.

Was waren die stärksten Hemmnisse, sieht man von der Pandemie als solcher ab? Woran mussten Sie am härtesten arbeiten?

Meining: Hinter uns liegen sechs Monate kräftezehrende, emotionale Achterbahnfahrt. Im Dezember sind wir mit großer Selbstverständlichkeit von Kultur im Juni ausgegangen. Nach dem Lockdown light dann harter Lockdown, der in den Januar ging, in den Februar. Da wandelte sich dann doch die Perspektive. Da fingen wir an, verschiedene Szenarien zu entwickeln, um am Tag X bereit zu sein. Welche Künstler werden da sein können? Welche Besetzungsstärken sind möglich? Was heißt das für die Programme? Welche Konditionen gelten für die Bühne? Was ist mit dem Publikum? Was ist mit Hotels und Gastronomie? Was ist, wenn noch eine Ausgangssperre gilt? Und alle Szenarien mussten ja durch entsprechende Antragsverfahren durchdekliniert werden. Es gab hunderttausend Fragen.

"Im 16 Meter hohen Kaisersaal ist bei wenigen, schweigenden Besuchern mit Maske das Risiko minimal."
Evelyn Meining über das Ergebnis eine Aerosol-Studie
Haben Sie denn Antworten von Politik und Behörden bekommen?

Meining: Man musste sich viele Informationen ertrotzen. Auch beim Land Bayern: Wie ist das gemeint? Wie sieht das im Detail aus? Wir haben oft vertröstende Antworten bekommen. Aber die Stadt stand immer hinter uns – das werde ich nicht müde zu sagen. In der Verordnung zur Kulturöffnung am 21. Mai stand dann, dass in dafür vorgesehen Räumen wieder gespielt werden durfte, also in Theatern oder Konzertsälen. Da kam die Frage auf, ist das die barocke Residenz auch? Wir haben von Ordnungsamt und Gesundheitsamt Sondergenehmigungen benötigt. Zusätzlich haben wir auf eigene Kosten ein Aerosol-Gutachten anfertigen lassen, das zu sehr guten Ergebnissen kam: Im 16 Meter hohen Kaisersaal ist bei wenigen, schweigenden Besuchern mit Maske das Risiko minimal.

Roter Teppich am Eröffnungsabend: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender, Intendantin Evelyn Meining und Ehemann Stephan Mösch sowie Christian Schuchardt, Oberbürgermeister von Würzburg.
Foto: Patty Varasano | Roter Teppich am Eröffnungsabend: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender, Intendantin Evelyn Meining und Ehemann Stephan Mösch sowie Christian Schuchardt, Oberbürgermeister von Würzburg.
Etliche Festivals bekommen Bundesgelder für den Neustart. Wieviel bekommt das Mozartfest?

Meining: Das Mozartfest geht gleich zweimal leer aus. Das Programm Neustart Kultur richtet sich ausschließlich an Veranstalter, die nicht mehrheitlich in öffentlicher Trägerschaft sind. Wir haben Kulturstaatsministerin Monika Grütters mehrfach um Nachbesserungen gebeten: Öffentliche Rechtsträgerschaft sagt nichts über die Förderhöhe aus öffentlichen Geldern aus. In normalen Jahren wird das Mozartfest zu etwa 25 Prozent durch den Rechtsträger Stadt gefördert. Durch die Corona-Pandemie sind Schieflagen in öffentlicher Kulturförderung offenkundig geworden. Es braucht klare Kriterien, die nachvollziehbar und transparent sind. Wir werden mit dem Forum Musik Festivals ab Herbst aktiv um Gespräche in großer Runde auf Länder- und Bundesebene darüber bitten.

Und der zweite Ausfall?

Meining: Es gibt noch den Wirtschaftlichkeitshilfe-Fonds für die Kultur. Damit sollen Einnahmeausfälle aufgefangen werden. Der Fonds war vom Bundesfinanzministerium lange angekündigt, und als er dann endlich kam, stellte sich heraus, dass er erst ab 1. Juli greift. Das Mozartfest ist dann schon vorbei. Auch da haben wir um Korrekturen gebeten. Auch darauf wurde nicht eingegangen.

"Zilcher hat ein Mozartfest gegründet und kein Zilcherfest. Deshalb geht es beim Jubiläum eben nicht in erster Linie um ihn."
Evelyn Meining zur Forderung, den Mozartfest-Gründer stärker in Szene zu setzen
Das heißt, Sie schließen das Festival mit einem riesen Defizit ab – wer wird dafür aufkommen?

Meining: Das heißt es zum Glück nicht. Denn es sind zwei teure Produktionen ausgefallen - der "Freischütz" und das vertanzte Requiem. Beides war unter den aktuellen Bedingungen nicht zu machen. Dadurch sind große Budgets freigeworden. Außerdem hat uns das Land Bayern eine Erhöhung der Sonderförderung zum Jubiläum von 500 000 auf 800 000 Euro gewährt, um Einnahmeverluste zu kompensieren. Damit haben wir gute Chancen auf einen ausgeglichenen Haushalt im insgesamt verminderten Ausgabenvolumen.

Zum Jubiläum hat sich das Mozartfest mit seinem Gründer Hermann Zilcher auseinandergesetzt, der wegen seiner Rolle im NS-Staat heute die Meinungen mehr denn je spaltet. Was war Ihr Ansatz?

Meining: Zilcher war zweifellos typisch in seiner Zeit. Man kann davon ausgehen, dass jeder, der zwischen 1933 und 1945  in einer Führungsposition war, im Gefüge des NS-Regimes seinen Platz hatte. Natürlich muss das von den Nachgeborenen im Kontext der historischen Zeit eingeordnet werden. Es wäre leichtfertig, das einfach aus dem Heute heraus zu verurteilen.

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Nun fordern manche, Zilcher müsse weit mehr gewürdigt werden, andere wollen, dass sein Name ganz verschwindet.

Meining: Deshalb bin ich sehr froh, dass wir mit dem Kuratoriumsvorsitzenden Prof. Ulrich Konrad einen Historiker haben, der die Dinge mit der entsprechenden Distanz einordnet. Zilcher war sicher sehr charismatisch, und er hat viel erreicht mit seiner Arbeit für Würzburg. Er hat aber ein Mozartfest gegründet und kein Zilcherfest. Deshalb geht es beim Jubiläum eben nicht in erster Linie um ihn. Andererseits aber zu fordern, man dürfe ihm heute überhaupt kein Podium mehr geben, finde ich auch nicht richtig. Denn Geschichte verschwindet ja nicht, wenn wir sie verschweigen. 

Evelyn Meining ( Jahrgang 1966) ist Dozentin für Kulturmanagement an den Musikhochschulen Mannheim und Karlsruhe - und seit 2013 Intendantin des Mozartfestes Würzburg. Ihre künstlerische Ausbildung erhielt sie an der Hochschule für Musik Dresden im Hauptfach Gesang. Nach ihrem Aufbaustudium für Kulturmanagement in Hamburg war sie u.a. Orchester- und Konzertmanagerin am Staatstheater Darmstadt und Programmdirektorin und Prokuristin beim Rheingau Musik Festival.

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