Würzburg

Jörg Meißner: Was der neue Chef im Museum für Franken vorhat

Jörg Meißner, seit 1. März Direktor des Museums für Franken, will neue Geschichten zu alten Objekten erzählen. Und: Diese Museen der Region sind derzeit geöffnet.
Jörg Meißner ist seit 1. März Leiter des Museums für Franken auf der Würzburger Festung.
Foto: Ulises Ruiz | Jörg Meißner ist seit 1. März Leiter des Museums für Franken auf der Würzburger Festung.

Jörg Meißner ist seit 1. März Direktor des Museums für Franken als Nachfolger von Erich Schneider. Damit ist eine der beiden Personalien auf der Würzburger Festung geklärt. Auch die Besetzung der Stelle der Stellvertretung soll zügig angegangen werden. In einem ersten Interview verrät Meißner, wie er von Mainz nach Würzburg kam, was ihn an der Würzburger Sammlung begeistert, wo er noch Potenziale sieht und warum er keine Angst vor einer zehnjährigen Baustelle hat.

Herr Meißner, darf ich fragen, wie alt Sie sind?

Jörg Meißner: Ich bin 53.

Die Frage hat einen Hintergrund: Wenn wir von zehn Jahren Bauzeit und einer Neueröffnung des Museum 2032 ausgehen, dann sind Sie also noch im Dienst.

Meißner: (lacht) Das hoffe ich sehr. Da ist sogar noch ein bisschen Spielraum. Aber ich habe das gar nicht nachgerechnet. Ich fand nur die Stelle und die Aufgabe super.

Was haben Sie denn schon alles gesehen hier?

Meißner: Von der Stadt noch viel zu wenig. Ich kenne Würzburg von früher, aber das ist lange her. Wir haben oft Familienurlaub in Franken gemacht. Von der Sammlung bin ich begeistert, darin liegt ein Riesen-Potenzial. Aber im ganzen Umfang ist sie mir natürlich noch gar nicht bekannt. Ich kenne das, was die Besucher im Museum kennen.

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Sind Sie in ihrer bisherigen Laufbahn öfter fränkischer Kunst begegnet?

Meißner: Ja, immer wieder, Riemenschneider natürlich. Mein Schwerpunkt ist allerdings die Klassische Moderne ab 1900. Auch das 19. Jahrhundert hat mich lange beschäftigt, mit Industrialisierung, Sozialgeschichte, Kunst- und Kulturgeschichte. Ich habe mein Volontariat im Deutschen Historischen Museum in Berlin gemacht und hatte die Chance, aus den riesigen Beständen heraus Ausstellungsthemen zu entwickeln. Da war ich unter anderem Kurator der Ausstellung "Strategien der Werbekunst" mit einem Zeitfenster von 1850 bis 1933. In der Zeit hat sich viel bewegt. Das ist einer meiner Schwerpunkte: Grafik, Strategien, Vermarktungstechniken. So kam es, dass ich am Gutenberg-Museum in Mainz Leiter der Abteilung Presse, Druck- und Zeitungsgeschichte wurde.

Museum für Franken: Blick in den Riemenschneider-Saal.
Foto: Daniel Peter | Museum für Franken: Blick in den Riemenschneider-Saal.
Sie haben Potenziale erwähnt. Haben Sie schon etwas ausgemacht, wo Sie sagen, da ist ein Schatz, den könnte man viel stärker präsentieren?

Meißner: Das gibt's. Aber an dieser Stelle muss ich sagen, die Vorbereitung für die Person, die hier weitermacht, also in dem Fall ich, ist wunderbar. Herr Dr. Schneider und Frau Dr. Lichte (Erich Schneider und Claudia Lichte, Direktor und stellvertretende Direktorin des Museums, die beide seit Kurzem im Ruhestand sind, Red.) haben so ausführlich am Konzept gearbeitet, dass jetzt ein großer Fundus da ist, der für die kommende Dauerausstellung trägt. Es ist ja schon ein Großteil der Objekte festgelegt, das gibt mir Rückhalt. Trotzdem gibt es Bereiche, wo wir nachschieben können.

"Es geht immer darum, Geschichten zu den Objekten zu erzählen."
Jörg Meißner über den Sinn eines Museums
Welche wären das?

Meißner: Das hängt mit den historischen Lücken zusammen, eben 19. Jahrhundert und Gegenwart. Aber auch der Fokus auf die drei fränkischen Bezirke insgesamt und die Würzburger Stadtgeschichte – da kann man mehr in die Jetztzeit kommen und Themen anreißen, die einen roten Faden in der Stadtentwicklung bilden. Da würde ich gerne noch eine andere Perspektive zeigen.

Würzburg neigt ja ein bisschen dazu, seine Schätze aus Mittelalter und Barock in den Vordergrund zu stellen. Sie müssten also einige Lücken schließen – und möglicherweise einiges erwerben?

Meißner: Auch, ja. Ich denke da mehrgleisig. Es geht immer darum, Geschichten zu den Objekten zu erzählen. Zum Beispiel, wie sie ins Museum kamen. Da sind viele unterschiedliche Perspektiven denkbar, immer ausgehend vom Objekt selbst. Die Riemenschneider-Skulpturen haben natürlich künstlerisch eine große Aussagekraft, sind aber auch sozialgeschichtlich interessant. Dass man immer auch schaut: Was war in dieser Zeit eigentlich los? Oder machtpolitisch: Wer ist denn der Auftraggeber? Ich würde auf das Altbekannte setzen, das ist unser Fundus. Aber ich würde das modulartig durch heutige Fragestellungen ergänzen. Und dabei auch mal gegen den Strich bürsten.

Die Kernburg der Würzburger Festung. Hier soll 2032 das neue Museum für Franken eröffnet werden.
Foto: Museum für Franken | Die Kernburg der Würzburger Festung. Hier soll 2032 das neue Museum für Franken eröffnet werden.
Das Digitale spielt in Museen eine immer größere Rolle. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Meißner: Auch hier gefällt mir die Mehrgleisigkeit zwischen Analogem und Digitalem. Zunächst spricht das Objekt, und das ist analog. Es geht darum, funktionierende digitale Formate zu entwickeln, aber die Aura des Originals bleibt weiterhin bestehen.

Mein Eindruck ist, dass die Museen sich mit digitalen Formaten gerade in der Pandemie schwer tun. Es gibt innovative wie die Frankfurter Kunsthalle Schirn. Aber meist beschränkt man sich auf abgefilmte Führungen.

Meißner: Die Schirn fällt mir als erstes Beispiel auch ein. Ich glaube, viele Museen versuchen schon, Schritt zu halten, überlegen sich, wie sie den negativen Zustand der Einschränkungen für positive Entwicklungen nutzen. Das ist nicht ganz so leicht, weil viele erst den technischen Apparat aufbauen müssen. Die Entwicklung von neuen Formaten braucht Zeit, und am Anfang der Pandemie haben alle gedacht: Naja, das geht vorüber.

"Hier sind unglaublich viele Partner mit im Boot, da will ich erstmal die Fäden aufnehmen."
Jörg Meißner zum Thema Festungsaufzug
Sie haben im Gutenberg-Museum in Mainz die pressehistorische Abteilung geleitet. Als Journalist frage ich mit einiger Sorge: Wird die Presse irgendwann nur noch historisch sein?

Meißner: Nein. Absolut nicht. Ein großer Punkt sind Fake News. So kritisch die Entwicklung ist, sie macht auf zentrale Punkte aufmerksam: Was ist wahr, was ist falsch? Und genau das ist die Aufgabe der Nachricht. Nicht nur: Was interessiert populär? Sondern: Was stimmt denn daran und wieso? Dass man bei den Inhalten bleibt – das wird es immer geben. Nur die Form der Vermittlung und Verbreitung, die ändert sich natürlich.

Kommendes Jahr sollen die Bauarbeiten beginnen. Stellen Sie sich schon drauf ein, zehn Jahre Ihres Berufslebens in Helm und Sicherheitsschuhen zu verbringen? 

Meißner: (lacht) Das wird sicherlich kommen. Die Abläufe wurden ja vor meiner Zeit geplant und sind alle bestens vorbereitet. Natürlich wird es, wie bei jedem Projekt, Abstimmungsbedarf geben, Diskussionen, vielleicht auch Überraschungen. Aber ich bin ein positiv denkender Mensch und insofern ganz gelassen.

So stellte man sich in früheren Zeiten die Mobilität der Zukunft vor. Die historische Postkarte hing bestimmt nicht aus Zufall im Büro von Jörg Meißners Vorgänger Erich Schneider.
Foto: Postkarte Sammlung Willi Dürrnagel, Repro Mathias Wiedemann | So stellte man sich in früheren Zeiten die Mobilität der Zukunft vor. Die historische Postkarte hing bestimmt nicht aus Zufall im Büro von Jörg Meißners Vorgänger Erich Schneider.
Die Würzburger diskutieren leidenschaftlich gerne über Seilbahnen oder Aufzüge zur Festung hinauf. Haben Sie schon eine Meinung dazu?

Meißner: Natürlich zielen wir ab auf eine bessere Erreichbarkeit. 2019 gab es ein Symposium, da wurde auf vergleichbare Orte eingegangen, etwa die Festung Ehrenbreitstein in Koblenz. Da gibt es eine Seilbahn, das könnte hier auch funktionieren. Aber das ist dort auch nicht einfach so entstanden. Das war ein langer Prozess. Diese Geduld muss man auch hier mitbringen. Man muss sehen, was machbar ist – auch aus denkmalpflegerischen Erwägungen –, und man wird Kompromisse eingehen. Hier sind unglaublich viele Partner mit im Boot, da will ich erstmal die Fäden aufnehmen. 

Nach der Pandemie wird mit rigorosen Sparmaßnahmen in den öffentlichen Haushalten gerechnet. Fürchten Sie Einschnitte für das Museum?

Meißner: Im Moment sehe ich das nicht. Natürlich gibt es Befürchtungen, dass – mal wieder – besonders im Kulturbereich gespart wird. Aber ich glaube, dass man in der Pandemie auf die große Not in diesem Bereich aufmerksam gemacht hat. Und dass man erkennt, wie wichtig er ist und dass man da nicht einfach darüber hinwegsparen kann. Es geht nicht ohne Kultur.

Zur Person – und: Diese Museen in der Region haben geöffnet

Jörg Meißner, 53, geboren in Oldenburg bei Bremen, studierte zwischen 1989 und 1998 Interkulturelle Pädagogik in Oldenburg und absolvierte einen Magisterstudiengang in Kunstgeschichte sowie in der Mittleren und Neueren Geschichte in Kassel als auch in Kunstwissenschaft, Neuerer Geschichte und Geschichte des Mittelalters in Bochum. Zuletzt war er verantwortlich für die Pressehistorische Abteilung am Gutenberg-Museum in Mainz. Zuvor war Meißner Kulturamtsleiter der Stadt Pirmasens gewesen und dort Gründungsdirektor des Museums "Forum Alte Post".
Zur Öffnung der Museen: Bis zu einem Inzidenzwert von 50 dürfen seit dem 8. März Museen, Galerien, Zoos, Botanische Gärten und Gedenkstätten wieder zu den inzwischen gewohnten Bedingungen (Abstände, FFP2-Maske, Einbahnsystem) öffnen. Bei einem Wert zwischen 50 und 100 sind Terminbuchung und Dokumentation Pflicht. Die Regeln werden verschärft (oder gelockert), wenn ein Landkreis an drei aufeinanderfolgenden Tagen einen Grenzwert (also etwa Inzidenz 50) über- oder unterschreitet. Deshalb empfiehlt sich vor dem Besuch immer ein Blick auf die Homepage des jeweiligen Museums.
Informationen zu den größeren Museen und Galerien der Region. Die Anmeldedaten gelten für den Fall einer Inzidenz von über 50:
Museum für Franken, Würzburg: geöffnet, Anmeldung unter Telefon (09 31) 20 59 40
Museum im Kulturspeicher, Würzburg: seit 12. März wieder geöffnet. Anmeldung: Telefon (09 31) 3 22 25-80 oder museum.kulturspeicher@stadt.wuerzburg.de
BBK-Galerie im Kulturspeicher: Wiederöffnung am 1. Mai geplant
Museum am Dom, Würzburg:  Geöffnet ab 16. März mit verkürzten Öffnungszeiten, dienstags bis sonntags von 12 bis 17 Uhr. Anmeldung unter Telefon (09 31) 38 66 56 00
Martin von Wagner-Museum der Universität, Würzburg: Geöffnet nur bei einer Inzidenz von unter 50 – Telefon (09 31) 3 18 22 88. Teile der Gemäldegalerie geöffnet, ab 16. März auch die bis Mitte Juli verlängerte Tiepolo-Ausstellung
Galerie im Spitäle, Würzburg: Derzeit wird eine neue Deckenbeleuchtung installiert, Wiederöffnung für Ende März geplant
Kunstschiff Arte Noah des Kunstvereins Würzburg: ab Mai wieder geöffnet
Kunsthalle Schweinfurt: geöffnet, Anmeldung unter Telefon (0 97 21) 51-47 21
Museum Georg Schäfer, Schweinfurt: geöffnet, Anmeldung über die Homepage www.museumgeorgschaefer.de oder Telefon (0 97 21) 51-48 25
Knauf-Museum, Iphofen: Öffnung nach der Winterpause am 21. März. Telefon (0 93 23) 31- 528 oder 31-0
Quelle: maw
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